Das Kostbarste: Die Farben

15. August 2001, 03:31
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Viscontis "Gattopardo", betrachtet für das "Journal des Verschwindens" (XII)

Information deckt Erinnerung zu, meinte Walter Benjamin, lange bevor es den ORF oder die wöchentlich alten News gab. Fragt sich eben, von wem man sich informieren lässt: von den Medien rund um die Uhr (und um sonst nichts) über das Verhalten in Krisensituationen (Rinderherden, Herzklappenfehler, Wasserrohrbrüche, Politikerehen). Oder vom eigenen Vergessen, vom Verschwundenen einer nicht mechanisch ablaufenden, nicht leeren Zeit.

Viel Information, und viel unbequemer, ist das Werk Luchino Viscontis, scheinbar fern von einer Aktualität "rund um die Uhr". Wer wie ich vorgestern die Möglichkeit hatte, nach längerer Zeit Il Gattopardo wieder zu sehen, traut zunächst einmal den eigenen cineastischen Grundbegriffen nicht mehr: Visconti, verschwenderisch und opulent bis zum Exzess, überflutet sie.

Selbst im unglaublich unbequemen Filmmuseum wuchs die Gefahr, sich von den Bildern, die er auf breiter Leinwand malt, willenlos überwältigen zu lassen. Aber das lässt Visconti zuletzt nicht zu. Er ist nicht nur der Liebhaber seiner "Welt von gestern", die bei ihm alles Gestrige abstreift, er ist auch ihr Vernichter und Kritiker, mit dem unbestechlichen Blick eines klassischen Voyeurs. Garderoben, Dekolletés, Schritte und Gesten seiner Figuren gibt er dem mehr oder weniger zufälligen Betrachter preis. Fast scheint es, als hätte er die Chance, seine Welt kritisch dennoch zu akzeptieren, besser genutzt als andere Weltenschöpfer die ihre. Mit weniger Nervosität ("Und Gott sah endlich, dass es gut war"), mit weniger Polemik. Man könnte einwenden, dass er von Herkunft und Stil her nicht viel weniger verwöhnt war als einige Päpste, der Mailänder Paul VI. oder der Hocharistokrat Pius XII., einer der ignorantesten: Aber in seiner Versteinerung ist Pius das absolute Gegenbild zu Visconti. Der lässt seinen Gattopardo mit einem von Männern und Frauen gleichmäßig laut und knarrend heruntergeleierten Rosenkranz einsetzen. Der Eindruck ist so stark, dass man das Ende dieses Gebets zu fürchten beginnt. Aber Visconti unterbricht ihn und bringt Burt Lancaster ins Spiel. Der betritt die enge Kirche, hört eine Weile zu, kniet nieder und steht wieder auf. Einen Augenblick lang sieht es so aus, als wäre er selbst gern ein halbwegs vorbildliches Gemeindemitglied geworden. Das aber scheitert rasch an der Ungeduld mit seinen Sizilianern und seinem Sizilien.

"Zwei Jahrhunderte wird es noch so bleiben, dann ändert es sich zum Schlechten. Sie lassen keine Kritik zu, Sizilien ist ihnen Maß und Mitte", erklärt der Fürst einem Verwaltungsbeamten aus dem Norden. Zugleich holt Visconti aus diesem Sizilien das Kostbarste ans Licht, die Farben: Gold und Blassgelb, leuchtende Gürtelschnallen, blaue Uniformröcke, von allen Feinden leicht zu entdecken. Aber was schaden Feinde einer Gegend, die sich ohne Feinde gar nicht ernst genommen fühlt?

So informiert dieser Film, und das schadet keiner Erinnerung, selbst der nicht, die man nie gehabt hat. Wir leben von nie bewusst gewordenen Erinnerungen. Bei Visconti kann man - während sich eine untergehende Gesellschaft um 1860 in blauen Uniformröcken und weißen Kleidern mit rosa Bändern zu Verdis Walzer dreht - selbst ein oder zwei Erinnerungen einsetzen, die bisher noch nie auftauchten. Zum Beispiel die an das "Gasthaus zum schiefen Apfelbaum" bei Linz vor siebzig Jahren: Es war wie alles andere zu teuer, um mit Zwillingen dort einzukehren.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19. 1. 2001)

Das "Journal des Verschwindens" wird am kommenden Freitag fortgesetzt.
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