Der Bankrott der Stadtplanung am alten Messegelände

15. Jänner 2001, 02:43

Problematische Vergabe frei Hand

Die Neugestaltung und Attraktivierung eines derart interessanten und prominenten Standortes wie der Wiener Messe im Prater wäre normalerweise Anlass für einen internationalen Architektenwettbewerb. Dass Wien aber auch in Ausschreibungsfragen "anders" ist und die freihändige Auftragsvergabe immer noch gängige Praxis zu sein scheint, analysiert Ute Woltron.


Die Gemeinde Wien hüpft derzeit cool vor, wie man einen 2,2 Milliarden Schilling schweren Architekturauftrag ganz freihändig und ohne Ausschreibung an Nichtarchitekten vergibt. Dabei geht zwar alles aufgrund geschickter Leasing-Auslagerungen mit legalen, aber sicher nicht mit rechten Dingen zu. Die verantwortungsvolleren unter den Stadtvätern geben das hinter vorgehaltener Hand auch zu.

Die Wiener Messe, um die es sich hier handelt, war in den vergangenen Jahren in den Händen der Wirtschaftskammer und der Bank Austria ein kommerzieller Dauerflop, brachte keine Großveranstaltungen und damit keine Umwegrentabilität zustande, weshalb sich die Gemeinde Wien Mitte des Vorjahres genötigt sah, die marode Aktiengesellschaft um 106 Millionen Schilling mehrheitlich (94,88 Prozent) in ihren Besitz zu bringen. Mit dem holländisch-britischen Messekonzern Reed fand man auch rasch einen Betreiber, doch der stellte unter anderem Forderungen an die derzeit wenig attraktive Messe-Architektur. "Reed wäre nicht in die alten Hallen eingezogen", sagt Rudolf Mutz vom Finanzressort der Stadt Wien, die Anlage hätte auch ohne Reed schnellstens adaptiert werden müssen.

Tatsächlich ist das Messe-Ödland im Prater eher Geisterstadt als Wirtschaftskristallisationspunkt. Der Fleck hat aber gutes städtebauliches Potenzial, nicht zuletzt weil die U2 ab 2007 direkt daran vorbeifährt und weil an seiner Südflanke ein neuer Erlebnispark geplant ist.

Unter normalen Umständen machen in solchen Fällen, wenn also in einer Stadt ein Filetstück zubereitet werden soll, ein paar kundige Städtebauer ein genaues Rezept und erheben weitsichtig, was das neue Ding heute und übermorgen alles können muss. Daraufhin erfolgt ein Architekturwettbewerb, und aus den vielen guten darf sich die Stadt dann die allerbeste Idee aussuchen. Das Resultat wäre ein Projekt für die Zukunft und nicht für die momentane Befindlichkeit.

Vergabe frei Hand

Doch Wien ist anders, und deshalb spart man sich diese zwar äußerst sinnvolle, aber mühsame Prozedur gleich ganz. Der Auftrag, die Messearchitektur um 2,2 Milliarden Schilling neu zu erfinden, ging schnurstracks direkt an das Planungsbüro Fritsch, Chiari & Partner. Damit das nicht ganz so plump ausschaut, hat man sich Architekt Gustav Peichl als beratendes Architektenfeigenblatt dazugeholt. "Hier wird Architektur mit Baumanagement verwechselt", sagt der Chef der österreichischen Architektenkammer Peter Scheifinger: "Einem Ingenieurbüro ein Architekturprojekt in dieser Größenordnung zu übergeben ist die Bankrotterklärung der Stadtplanung."

Wie aber umgeht man Landes- und EU-Vergabegesetze? Auch hier wurde eine Lösung mithilfe der zum Glück privaten und deshalb nicht an Vergabegesetze gebundenen Bank Austria Creditanstalt Leasing GesmbH schnell gefunden. Das Unternehmen tritt als Eigentümerin und formale Bauherrin auf, die Gemeinde Wien wird ihre Messehallen zurückleasen, muss nicht ausschreiben und ist damit aus dem Schneider. BA-CA-Leasing-Mann Heinz Kunesch im selbstgefälligen Bewusstsein des legal Abgesicherten: "Sie können uns glauben, dass wir in dieser Angelegenheit mehr als aufgepasst haben." Planungschef Arnold Klotz im Bewusstsein der architektonischen Unmoral der Sache: "Wir waren an dieser Vergabe nicht beteiligt, es wurde eben die volkswirtschaftlich beste Lösung angepeilt."

Nach welchen Berechnungen die Volkswirtschaft begünstigt wird, das bleibt allerdings unklar. Die Stadt hat sich um fette 2,3 Milliarden Schilling die Messe einverleibt, doch die prognostizierten Geldrückflüsse sind vergleichsweise mager. Nur ein Beispiel: Ein bedeutender Kardiologenkongress im Jahr 2003 wird von allen Beteiligten als Grund für die große Eile in Sachen neue Hallen angegeben. Messe-Chef Günter Sallaberger rechnet vor, dass der zwar 40.000 Leute und eine Menge Umwegrentabilität nach Wien bringen wird, doch: "Die Messe selbst wird zehn Millionen einnehmen, dem stehen zehn Millionen Förderung seitens der Stadt gegenüber, die eigenen Aufwendungen kommen dazu, das ergibt letztlich ein Nullsummenspiel."

So gesehen verpufft die vielgepriesene Gewinnbeteiligung der Stadt alsbald in reiner Dampfplauderei, anaylsiert Günther Kenesei von den Grünen: "Die Sache wird sich frühestens in 30 Jahren amortisieren, wenn ein Privatunternehmen so wirtschaftet, macht es pleite." Am 24. Jänner werden die Grünen im Gemeinderat denn auch einen Antrag auf Kontrollamtsprüfung einbringen.

Das aktuelle Messe-Ringelspiel im Prater zeigt deutlich, wie leicht die Politik mit der Architektur spielen kann und wie unverhältnismäßig mit diesem gleich nach den Bewohnern kostbarsten Gut der Stadt umgegangen wird. In der Bundeshauptstadt nimmt man Architektur einerseits so ernst, dass jeder geplante Mauervorsprung von mehreren Magistraten begutachtet und genehmigt werden muss. Treten andererseits aber finanzstarke Investoren auf den Plan, fallen plötzlich die strengsten Vorschriften, wachsen die Bauhöhen, rollen die roten Teppiche. Der Architekt ist traditionell ein Büttel der Mächtigen, er kommt nur dort zum Zug, wo Geld fließt. Und er kann vor allem nur dort gute Arbeit leisten, wo man die auch haben will.

Im Falle Wiens gehen die aufregenderen Architekturprojekte (Coop Himmelb(l)aus Wohnturm, Gasometer, Hadids Spittelauprojekt) seit geraumer Zeit auf Privatengagement zurück.

Interessant ist in diesem Zusammenhang aber auch, dass andererseits die private Bank Austria die die Messegschicke bisher schon geleitet hat, nun über Umwege und Tochtergesellschaften für die Stadt die eigentlich öffentliche Messearchitektur errichten wird.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 1. 2001)

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