Jorge Sampaio, portugiesischer Staatspräsident

14. Jänner 2001, 20:18

Ein Präsident mit politischem Feingefühl

Eine geringe Wahlbeteiligung, das wurde Jorge Sampaio schon während des verregneten Wahlkampfs bewusst, konnte für ihn gefährlicher werden als seine vier Gegenspieler zusammen. Deshalb stürzte sich der 61-Jährige in eine Kampagne, die ihn viele Tausend Hände schütteln, aber auch neue Ideen ersinnen ließ. Angesichts der Apathie der Portugiesen, die den Urnengang vom Sonntag als "gelaufenes" Rennen betrachteten, kreierte der 61-jährige Jurist das Motto von der "neuen Art, Politik zu machen".

Hatte Sampaio schon während seiner ersten Amtsperiode den Eindruck allzu großer Nähe zum Parteifreund und Regierungschef António Guterres zu vermeiden gesucht, will er sich in seinem neuen Mandat als überparteilicher Vermittler, als "soziales Gewissen des Landes" profilieren. Sampaio versprach, dafür zu sorgen, dass das soziale Netz verbessert werde. Wie es der mit vornehmlich repräsentativen Aufgaben betraute Präsident anstellen will, den Vertrauensschwund der Portugiesen in die Politik zu korrigieren, verriet er nicht.

Während General Eanes, das erste Staatsoberhaupt nach der "Nelkenrevolution", in seiner zehnjährigen Amtszeit mit zehn Regierungschefs konfrontiert war, wird das politisch stabile Klima Portugals seit 1996 von der Zusammenarbeit des eingespielten sozialistischen Tandems bestimmt, das Sampaio mit Regierungschef Guterres bildet.

Dass der Premier im Jänner 2000 mit Sampaio auch Rücksprache über die beabsichtigten Maßnahmen der EU-14 gegen die ÖVP-FPÖ-Regierung gehalten hat, gilt als sicher. Umgehend ließ der Staatschef seinen Opernball-Besuch in Wien platzen. Aber auch nach dem Ende der "Eiszeit" verhehlte Sampaio seinen Standpunkt nicht: Obwohl Sampaio Bundespräsident Klestil in einer versöhnlichen Geste zum ersten Staatsbesuch nach Aufhebung der Sanktionen empfing, konnte er es sich nicht versagen, diese rückblickend als "positiv und produktiv" zu rechtfertigen.

Der 1939 in Lissabon geborene Sohn eines höheren Ministerialbeamten konnte dank väterlicher Unterstützung in den USA und England studieren, wo er - fern der Kontrolle der Salazar-Diktatur - mit der Arbeiterbewegung in Kontakt kam. Als Studentenführer und später als Anwalt von Oppositionellen machte Sampaio auf sich aufmerksam. Nach der Nelkenrevolution landete er nach Gastspielen bei anderen Linksgruppierungen erst 1978 bei der Sozialistischen Partei (PS), der er drei Jahre lang vorstand, bevor er Bürgermeister von Lissabon wurde.

In seiner ersten Amtszeit als Staatschef bewies Sampaio politisches Feingefühl: Für zwei Wochen - die Zeit eines Spitalsaufenthalts nach einer Herzoperation - ließ er sich formell ablösen.

Sampaio ist in zweiter Ehe verheiratet. Er hat einen Sohn und eine Tochter. (DER STANDARD, Printausgabe 15.1.2001)

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