Exotik im Halbprofil

12. Jänner 2001, 23:14

Sammelwut ist ausgebrochen bei Keramik-Wandmasken aus den 50er Jahren.

Im Halb- oder Dreiviertelprofil, mal mondän, dann wieder exotisch oder peppig grienten sie von den Wänden und erheiterten den tristen Alltag der Nachkriegsjahre. Hier ist nicht von ausgefallenen Tapetenkreationen die Rede, sondern von Wandmasken. Kitsch oder Kunst? - diese Frage stellt sich ihren Liebhaber freilich kaum. Und während die einen ihre diesbezügliche Sammelwut längst ausleben, ermöglichen jetzt eine Ausstellung (St. Valentin) sowie eine Publikation den Zugang zu den Buntheiten der 50er und 60er Jahre. Zeitgerecht, da diese Kategorie keramischen Kunsthandwerks seit geraumer Zeit den europäischen Kunstmarkt, und hier vor allem den deutschsprachigen Raum, "infiltriert".

Die Wurzeln der Wandmaske liegen sprachlich im Arabischen; als Hohlformen mit Nachbildungen menschlicher oder tierischer Gesichts- und Kopfformen sind sie seit der Ur-und Frühgeschichte in nahezu allen Weltkulturen nachweisbar. Als Wanddekoration, wie wir sie kennen, wurden Ende des 19. Jahrhunderts erste Modelle in Frankreich gefertigt. Die erste Blüte erlebte diese spezielle Gattung dann in den 20er und 30er Jahren "als noch versucht wurde", so Uta Matschiner, Kuratorin der Ausstellung und Co-Autorin der Publikation, "die Idole dieser Zeit, wie Marlene Dietrich, Greta Garbo und Anny Ondra, so naturgetreu wie möglich wiederzugeben."

Parallel dazu schuf Walter Bosse Grotesken, volkstümliche und erste exotische Varianten in seiner Kufsteiner Werkstatt (1924-36). In der Galerie Kovacek & Zetter schmücken derzeit eine ganze Reihe von Bosse-Kreationen die Schauwände. Das Völkerkundemuseum erwarb hier vor kurzem eine afrikanische sowie eine chinesische Maske. Die Auswahl reicht von kleinen Ebenbildern bis zu größeren Arbeiten in Preisklassen von 16.000 bis 42.000 Schilling.

Auch Goldscheider fabrizierte damals bereits Wandmasken, die sich heute noch, so Christof Stein, Inhaber des auf Design spezialisierten Geschäftes "Lichterloh", "vor allem in Amerika reger Beliebtheit erfreuen". Sie sind zwischen 5.000 und 15.000 Schilling veranschlagt; spätere Goldscheider-Arbeiten - in den 50er Jahren sowohl in Deutschland als auch Wien hergestellt - sind deutlich günstiger.

Mit der wachsenden Nachfrage, auch aufgrund des geringen Anschaffungspreises, stieg in den 50er und 60er Jahren auch die Anzahl der produzierenden Firmen: Tomasch, Carli Bauer, Keramos oder Anzengruber-, Steffl- und Gmundner Keramik, um nur einige zu nennen. Die Preise differieren je nach Ausführung, Aufwendigkeit und Seltenheit zwischen 1.000 und 6.000 Schilling. Die Wandmasken von Goebel-Bieber bestehen etwa durchwegs aus Ton und haben keine glänzende sondern Mattglasur (3-5.000 öS).

In Deutschland schuf man dann Nischenprodukte wie Masken, deren Augenmerk auf der Frisur lag. Bubikopf und Rossschweif lockten dann aus den Auslagen von Frisören (1000-2.000 öS). Das in der Arnoldschen Verlagsanstalt erschienene 50er Jahre Wandmasken - Schönheit und Exotik entlockt nicht nur jene Design-Relikte der Anonymität, sondern dokumentiert erstmals wissenschaftlich die wichtigsten Künstler, Firmen und - für Sammler besonders wichtig - alle Modellnummern.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13./14. 1. 2001)

Von 
Olga Kronsteiner

Ausstellung bis Dezember 2001

Museum St. Valentin, Hauptplatz 5, A-4300 St. Valentin

Galerie Kovacek & Zetter, Stallburgg. 2, A-1010 Wien,

Lichterloh, Gumpendorferstr. 17, A-1060 Wien
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