Der Schatz des Bussard

24. Mai 2005, 12:49
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Olivier le Vasseur war bis zu seiner Hinrichtung einer der erfolgreichsten Piraten der Geschichte. Bis heute suchen Abenteurer auf den Seychellen nach seiner millionenschweren Beute

Es ist nicht sehr schwierig, sich die Piraten des Indischen Ozeans vorzustellen. Braungebrannte, sehnige Gesellen, bis in ihre schwarzen Seelen gegerbt von Wind, Wetter, Wellen. Vielleicht haben sie ungefähr so ausgesehen wie der leicht schmierige, grünäugige Typ hinter der Open-Air-Budel am Strandflughafen von Praslin. Für ein Päckchen Zigaretten nimmt er ungeniert umgerechnet hundert Schilling - wie überall auf der Welt am liebsten in Dollar - und selbstverständlich behauptet er, den besten Wechselkurs der Insel zu haben. Die Freibeuterei lebt.

Wir befinden uns auf einem der 92 Eilande der Seychellen, palmenumwachelte Paradiese allesamt, mit vanillezuckerweißen Sandstränden, auf denen sich die staatlich kontingentierte Touristenschar gleich nach ihrer Ankunft zerstreut wie eine Flotte Galeonen im Wirbelsturm. Die meisten dieser Strände abseits der Hauptinsel Mahé sind noch menschenleer und allein den friedlich löchergrabenden und gelegentlich wie dünne vielfingrige Hände über den Sand wischenden Scherentieren überlassen. Vor knapp dreihundert Jahren, als noch keine Seychellenkrabbe je den Abdruck eines menschlichen Fußes im makellosen Sande hatte überwinden müssen, kreuzten sie hier erstmals auf: Franzosen, Engländer, Holländer. Keine harmlosen Touristen, sondern Freibeuter der Meere. Mit schnellen Schiffen und mit Hilfe günstiger Winde spannten die großteils untereinander verbündeten Piraten von Madagaskar bis weit über den Äquator ein unsichtbares Netz über den Indischen Ozean. Sie fingen der Reihe nach die Fregatten der Händler ab, die wertvolle Fracht zwischen Indien und Europa hin und her schipperten.

Die damals noch unbewohnten Eilande waren mit ihren Frischwasserquellen und Versteckerlbuchten, vor allem aber mit den hohen, zum nach Feind und Beute Ausspähen bestens geeigneten Berggipfeln der wichtigste Stützpunkt der Piraten, und ein gewisser Olivier le Vasseur war hier der König, sozusagen der Oberste der Herrscherlosen.

"La Buze" nannte man ihn, den Bussard, weil er wie im Flug aus dem Nichts auftauchte, seine Beute schlug und ebenso schnell wieder verschwand. Bis heute buddeln Abenteurer und Profis vergebens nach dem legendären Schatz des hochgebildeten Franzosen und ehemaligen Händlers aus Calais, der sich als früher Steuerflüchtling irgendwann weigerte, seine Gewinne mit seinem König zu teilen und sich statt dessen lieber dem Ausrauben und Hinmetzeln seiner Kollegen zuwandte. Gewaltige Schätze muss La Buze in seiner kurzen, heftigen Seeräuberkarriere angehäuft haben, die sprichwörtlichen Piratenschatzkisten voller Perlen, Juwelen, Geschmeide. Wo sich die diversen Goldmünzenberge und Diamantenhaufen heute befinden, die in den teils noch existierenden Frachtbriefen der vom Franzosen gekaperten Schiffe erwähnt werden, das würden viele gerne wissen.

In Bel Hombre auf Mahé zum Beispiel, der Seychellen-Hauptinsel, wo, wenn die plötzliche Bauwut der Seychelloise mit der Unbarmherzigkeit der letzten paar Jahre weiter wütet, bald auch noch in den letzten Prachtbuchten Hotelbungalows hocken werden, wühlen Nachkommen britischer Einwanderer mittlerweile in zweiter Generation im sandigen Schlamm. Gefunden hat sich einiges, doch nicht das, wonach man eigentlich gräbt. Vor allem die fetteste Beute des Franzosen hat es den Schatzsuchern und Historikern angetan.

Die verleibte sich Le Vasseur ein, als die unglückliche "Vierge du Cap" seinen Kurs kreuzte: An Bord des portugiesischen Prachtseglers befand sich der Erzbischof von Goa in Begleitung des Comte von Ericeira auf der Heimreise aus den portugiesischen Provinzen nach Lissabon. Da Kolonialherren selten mit leichtem Gepäck reisten, bestand die Fracht aus Säcken voll Diamanten, Goldmünzen, Goldbarren, wertvollen Geschirren. Vor allem hatte der Herzog ein gar prächtiges, mit Diamanten nachgerade paniertes Schwert dabei, und der Bischof sein sagenumranktes Goldkreuz von Goa. Die Smaragde und Rubine, die daran befestigt waren, sind im Laufe der Überlieferungsjahrzehnte auf Taubeneigröße herangewachsen, doch auch in Wirklichkeit dürfte das Kleinod von stattlichem Ausmaß und Wert gewesen sein. Aber was heißt hier gewesen - irgendwo, zum Donnerwetter, muss es ja noch herumliegen, das kostbare Ding.

Um 1720 brach der Bussard auf und fiel wenig später in den Gewässern um Mahé

ein. 1730 fing ihn schließlich ein extra zu diesem Zweck zu Wasser gelassenes französisches Schiff, noch am 7. Juli desselben Jahres wurde der Ozeanräuber im Hafen von Réunion aufgeknüpft. Damit wäre es wohl bussardmäßig auch für die Nachwelt aus gewesen, hätte Le Vasseur nicht Sekunden, bevor er gehängt wurde, plötzlich in seine Tasche gegriffen, eine Handvoll kleiner Karten hervorgezogen und mit dem Aufschrei in die gaffende Menge geworfen: "Und nun finde meinen Schatz, wer kann."

Ein atemberaubend legendentauglicher Stoff, und der schlaue La Buze segelt denn auch seit einem Vierteljahrtausend durch die Phantasien der Abenteurer und Schatzsucher, doch bis heute bleibt seine Botschaft rätselhaft. Die Karten - es gibt noch ein paar davon in diversen Museen und in Privatbesitz - sind auf Hebräisch und Latein verfasst, zwischen den eigenartigen Sätzen des Kryptogramms stehen Piratenrunen, die niemand so recht deuten

kann. Es gibt offenbar Längen- und Himmelsrichtungsangaben, doch das Wichtigste zum erfolgreichen Schatzsuchen fehlt: der Hinweis, auf welcher Insel der Piratennachlass lagert.

Die meisten vermuten ihn auf Mahé, denn die wahrscheinlich erste Landkarte der Insel aus dem Jahr 1735 weist als Besitzer des Fleckens, der heute Bel Hombre heißt, einen gewissen La Buze aus. Ein Vierteljahrhundert nach dem Tod des Piraten nahm eine Handvoll Franzosen die Seychellen offiziell im Namen ihres Königs in Besitz. Eine Familie namens Savy war mit von der Partie, und sie ließ sich auf besagtem Bel Hombre nieder. Zweihundert Jahre lang geschah nichts. Dann, irgendwann in den 20er-Jahren, legte eine ungewöhnlich starke Ebbe ein paar äußerst seltsam geformte Felsen bloß, und die gerade am Strand lustwandelnde Madame des Hauses erblickte sie zufälligerweise. Da die Klippen eindeutig von Menschenhand bearbeitet worden waren, begann Frau Savy Nachforschungen anzustellen, stieß dabei auf die Schatzkartengeschichte und veranlasste prompt die ersten Grabungen. Die förderten unter anderem Skelette mit danebenliegenden Schwertern und Goldohrringen zu Tage, also einer Ausrüstung, wie sie sich für Piraten geziemt.

In den 50er-Jahren, der Schatz war noch immer nicht gefunden, übernahm der Engländer Reginald Herbert Cruise-Wilkins die Suche, studierte hingebungsvoll jahrelang das Kryptogramm, ersann die wüstesten Theorien und siebte bis zu seinem Tod vor wenigen Jahren Tonnen und Abertonnen von Sand. Doch auch seine Ausbeute blieb spärlich. Er fand viele zum Teil mit Metall gefüllte Ritzzeichen in Felsen, wie sie ganz ähnlich auch auf der Schatzkarte verzeichnet sind. Er grub seltsame Marmorkugeln, Knochen, Porzellanfiguren aus und auch die eine und andere Goldmünze. Er entdeckte sogar eine unter Wasser gelegene, säuberlich auszementierte Schatzhöhle, doch die war vollkommen leer.

Heute planschen rund um Bel Hombre die Touristen im handwarmen ruhigen

Meer, die beste Tauchbasis der Insel liegt ganz in der Nähe, und unter Wasser darf, wer Glück hat, dem stummen, wohlkoordinierten Zeitlupenballett dutzender eleganter Adlerrochen beiwohnen. Hin und wieder schwimmt ein Hai vorbei.

Währenddessen wird am Strand weitergegraben. Der Sohn des glücklosen Schatzgräbers Wilkins hat mittlerweile die Schaufel übernommen, das Tempo hat etwas nachgelassen, doch der Glaube an den Schatz ist ungebrochen. Metalldetektoren hat man eingesetzt, solche, die Eisen orten. Der Zeiger hat genau an der Stelle ausgeschlagen, an der der alte Wilkins am Ende seines Lebens und nach einem halben Jahrhundert der Schatzsuche den Piratenhort in einer Höhle unter den Felsen vermutet hatte. Das Geld, das nötig gewesen wäre, den Stein Stück für Stück abzutragen, hatte er aber nie auftreiben können. In 18 Fuß Tiefe, so zeigte der Detektor an, befänden sich 35 Pfund Eisen. Womöglich in Form der eisernen Beschläge einer riesigen, uralten Piratenkiste. Wer weiß. Vielleicht wird er doch irgendwann noch gefunden, der Schatz von La Buze. Ute Woltron []

Irgendwo auf den Seychellen, am Land oder zu Wasser, soll Olivier le Vasseur seinen sagenhaften Schatz versteckt haben. An seine legendäre Aufforderung zur Schatzsuche bei seiner Hinrichtung erinnern heute sogar Comics.
Fotos: Gilles Peress/Magnum photos (2),A.G.M.

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