Rote Wangen, stramme Waden

7. Jänner 2001, 21:19

Elfriede Jelineks Erwiderung auf Karl-Markus Gauß' Wendejahr-Bilanz

"Kollege Gauß" beherrsche das Training seiner Bizeps mittels "Antifaschisten-Bashing" schon recht gut, attestiert Elfriede Jelinek, seine Diskurs-Ethik aber haue niemanden mehr vom Stockerl. Der Autor hatte die Widerstandsrhetorik der Regierungsgegner als verkappten Konformismus kritisiert.

Aha, ich sehe, Karl-Markus Gauß hat sein "verkehrtes Jahr", der neuen Ordnung gemäß, mit Antifaschisten-Bashing beendet. Er macht das schon recht gut, er hat ja auch gute Vorbilder dafür, im elegantesten Fall redet man eine Faschismuskeule herbei, die man dann anderen auf den Kopf fallen lässt.

Das Prügeln von antifaschistischen Hysterikern macht außerdem stramme Waden und beschäftigt ordentlich die Bizeps, und es macht rote Wangen. Irgendwas darf schon noch ein bisserl rot sein.

Ordentlich auch seine Diskurs-Ethik, an die man sich schon durch die Schriften Mölzers, Höbelts und anderer bereits gewöhnen durfte und die einen nicht mehr vom Stockerl haut.

Nein, ihre Namen müssen wir nicht nennen, wenn wir Gauß heißen und die Namen selbstverständlich kennen, die Namen jener Kolleginnen und Kollegen, die "das widerspenstige, widerständige Österreich nicht interessiert" und die damit auf anmutige, wenn auch nicht mutige Weise als "nachgeborene Kritiker, die sich ihr Bild von einem geschlossen nazistischen Land nicht von der Wirklichkeit verpatzen lassen wollen", mit den "alten Faschisten" "geeint" sind. Na, ich gehöre halt auch dazu (da es sich, laut Gauß, um die Blüte der Kulturschaffenden zu handeln scheint, will ich da unbedingt auch dabei sein!) und ein paar Kolleginnen und Kollegen mehr, ihre Namen sollen verschwiegen sein, zumindest von Gauß, obwohl wir ja ständig antifaschistischen Blödsinn von ihnen hören, und obwohl man in der Öffentlichkeit leider ständig auf sie hört, wie unangenehm für die Allgemeinheit. Sie sind leider von jeder Stelle des Landes aus unüberhörbar, diese hysterisch sich überschlagenden Stimmen.

Phantomreiter?

Gauß beklagt, wenn er zwischen zwei Schienbeintritten gegen unpatriotische Antifaschisten einmal dazu Zeit findet, dass sich die Kritikerinnen und Kritiker der derzeit herrschenden Koalition der Rechten nicht an den Exilanten der Nazizeit ein Beispiel nehmen, die überall, wo es ihnen möglich war, "österreichische Kulturvereine" gründeten und sich auf die "demokratischen Traditionen Österreichs" zu besinnen suchten, ich bin selber gern auch besinnlich und wäre manchmal sogar lieber besinnungslos, wenn es sein muss, besonders zur Weihnachtszeit und zum Jahreswechsel. Aber auf welches Österreich haben sich die Exilanten besonnen? Auf eins, dessen demokratische und vor allem: humanistische Traditionen ihnen noch präsent waren, ein Österreich des Geistes, von dem sie gedacht hatten, es wäre das auch wirklich (und nicht von allen guten Geistern verlassen, schon damals), das Land Sigmund Freuds, Schnitzlers, Mahlers und andrer Großer in Burgtheater, Oper und Musikverein, die diesen Emigranten noch so sehr Gegenwart waren, dass sie sich danach zurücksehnten und bis heute zurücksehnen, wenn man sie auch nie eingeladen hat zurückzukommen. Wir haben eh genug eigene Leute, und was die erst gelitten haben, davon redet keiner!

Dieses wunderbare geistige Traumland Österreich will auch ich gerne anbeten, es macht mir gar nichts aus, dafür den Mutterboden zu küssen und es anschließend kräftig auszupreisen, habe vergessen, was die geklauten Schieles und Klimts jetzt wert sind, wenig ist es nicht.

Aber was haben wir Nachkriegsgeborenen vorgefunden? Ich will es nicht endlos wiederholen, auch wir antifaschistischen Hysteriker werden, notfalls durch eine Dosis ordentlich arbeitender Psychopharmaka, ruhig gestellt und müssen nicht immer alles sagen, was wir wissen, und was den Herrn Gauß und Kollegen schon so anödet, dass sie offenkundig ununterbrochen Artikel gegen diese antifaschistischen Phantomreiter schreiben müssen.

Ich will nicht wiederholen, dass die wahren Täter, aber auch jene, die, ohne wirklich Täter gewesen zu sein, nach dem Krieg sehr schnell freigesprochen worden sind (und vielleicht war es ja auch eine narzisstische Kränkung, endlos freigesprochen zu werden, ohne wirklich Täter gewesen zu sein, ähnlich wie es jetzt eine narzisstische Kränkung zu sein scheint, beschuldigt zu werden, ohne je die Gelegenheit zur Schuld gehabt zu haben, jedenfalls Herr Gauß ist nie beschuldigt worden, scheint sich aber um so lieber in die Lage derer zu versetzen, die er als endlos Pauschalbeschuldigte ansieht, im Dutzend billiger), nachher, als es für die wirklich Schuldigen ungefährlich geworden war, als Unschuldige hier zu leben, Anwalt zu sein, als Arzt wieder zu praktizieren, in Museen die von ihnen bestellten Moulagen der Gesichter von eigens dafür getöteten Juden auszustellen (ach nein, ich will nicht hysterischer sein als nötig, der dafür Verantwortliche wurde ordnungsgemäß pensioniert, mit vollen Bezügen, versteht sich), nachher, als auch die wirklich und echt Unschuldigen dafür waren, "die Sache in die Länge zu ziehen" (Nachkriegs-Sozialdemokraten haben das gesagt!), bis heute und länger geht's immer, wie wir sehen, dass also diese wirklich und echt Unschuldigen, nachträglich noch, von den Schuldigen zu ihren Komplizen gemacht worden sind.

Ansteckungsgefahr?

Sie streiten ja immer noch (viele echt Schuldige sind nicht mehr unter ihnen, aber die Unschuldigen streiten auch mit) ums Geld, das ja nur einen Bruchteil des Geraubten ausmacht. Bitte, vielleicht war es für Gauß die derzeit herrschende katholisch-heidnische Bruderschaft, die (der katholische Teil, der dafür eigentlich zuständig wäre) einen hingerichteten Jägerstätter in ihren eigenen Reihen hochgehalten und in ihr Sitzungszimmer als katholischen Märtyrer hoch, nein, höher gehängt hat (nein, da hängt leider schon ein andrer Märtyrer, das erste Opfer der Nazis in Österreich, nur das erste zählt, tut uns leid, da ist kein Platz mehr übrig), und gewiss doch haben unsere vorbildlichen Wiener Nachkriegs-Sozialisten dafür gesorgt, dass eine Widerstandskämpferin wie die (kommunistische) Architektin Grete Schütte-Lihotzky ihr Lebenswerk nach dem Krieg fortsetzen und bauen und bauen durfte, nachdem sie eben erst knapp mit dem Leben davongekommen war, und wie sehr haben sie sich auch bemüht, dem vielfachen Kindermords mehr als verdächtigen Gutachter Gross die Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die er anderen bereitet hatte, und man hat ja auch wirklich versucht, ihn vor Gericht zu stellen, alles was Recht ist.

Gut, die Kommunisten, die haben im Fall Gross wegen der Dissidenten in sowjetischen Irrenhäusern zwar beim Weißwaschen mitgemacht, aber in der Nazizeit haben sie halt doch ein paar Leute mehr verloren als die anderen, diese antifaschistischen Patrioten, die aber nur selten als solche benannt wurden, vielleicht weil sie zu wenig hysterisch waren, oder weil wir uns sonst am Antifaschismus hätten anstecken können.

Ich will mich, vor allem in diesem Winter, den wir haben, nicht anstecken lassen und nicht noch mehr sagen, damit ich dem Kollegen Gauß nicht noch mehr missfalle als unbedingt nötig.

Elfriede Jelinek, Schriftstellerin, lebt in Wien; im Dezember hatte ihre "an das ferne Bärental" adressierte Montage "Das Lebewohl" im Berliner Ensemble Premiere; letzte Roman-Veröffentlichung: "Gier" (Rowohlt Verlag)

*"Mein verkehrtes Jahr 2000: oder: So kann man sich täuschen" (DER STANDARD, 31. 12.)


(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5. 1. 2001)

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