Souveränität der Lächerlichkeit

15. August 2001, 03:38
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"Journal des Verschwindens" (X)

Gefragt wird keiner: nicht nach der Bereitschaft zur eigenen Existenz und noch weniger zu einigen entscheidenden Details: dick oder dünn, halbwegs erfolgreich oder gleich am Rand, schwachsinnig, lebensfähig oder keins von beidem. Erstaunlich viele nehmen alles lieber in Kauf als die Möglichkeit, nicht da zu sein. Bei der Geburt wird zwar die Möglichkeit, da zu sein, gegeben, aber nicht die Möglichkeit, nicht da zu sein.

Selbst bei hohen oder höchsten Intelligenzquotienten wird zurückgewiesen, was nicht sein darf: die Möglichkeit, nicht zu existieren, nicht bedacht zu sein, von wem auch immer - Godot, die Weltvernunft (auf der Suche danach starb vor kurzem in Boston 91-jährig W. V. Quine, einer der offensten Denker: kein Fetzen von einer durchdachten Ordnung sei aufzuspüren, sagte er).

Stan Laurel und Oliver Hardy, immer noch im Imperial-Kino zu sehen, sind Extremformen einer ins Chaos kippenden Ordnung: der eine britisch und dünn, den Blick ratlos und verschleiert auf das Kinopublikum gerichtet oder quer hindurch, der andere wabbelig und ratlos, leicht in Wut zu bringen und ebenso leicht wieder heraus. Ihre Auftritte laufen nach dem Grundsatz tit for tat ("Wie du mir, so ich dir"), nicht gerade einem Ziel der christlichen Seefahrt, aber doch fürs Erste eingängig.

Was die beiden bieten, geht um einiges über beruhigte Ziele hinaus. Mit ihrem "slow burn" ("langsam anlaufenden" Jokes) bieten sie den zu ihrer Zeit üblichen tempo- und aktionsgeladenen Handlungssträngen, was diesen fehlt. "Zu jener Zeit gab es unter Komikern die Tendenz, innerhalb der Filme zu viel zu machen. Mit Laurel und Hardy präsentierten wir das genaue Gegenteil. Wir versuchten, so Regie zu führen, dass praktisch kaum etwas Richtiges passierte", sagte einer der Drehbuchautoren.

Gekonnt "schwer von Begriff" zu sein ist nicht nur auf der Leinwand die Voraussetzung für Slapstick und sich extrem steigernde und übersteigernde Abläufe. Sie stellen sich dümmer als dumm, und Stan, der Brite, gibt das Maß an, holt die Balance wieder aus dem Abgrund, und ihre Chance, sich neu zu definieren, steigt: zur flüchtigen Erleichterung beider.

Stan Laurel war ebenso früh ein Star wie Oliver Hardy, arbeitete zu Beginn mit Charlie Chaplin, teilte in London ein Zimmer mit ihm und wurde mit ihm verglichen. Stan wie Oliver wurden früh gefördert und von ihren Vätern und Müttern begriffen: Im Hotel seiner Mutter in Georgia entzückte schon der kleine Ollie die Hotelgäste mit Gesangsdarbietungen und hörte in Atlanta Enrico Caruso. Und Stan Laurel, Sohn eines nordenglischen Theatermanagers, spielte mit neun Jahren auf dem von Bühnenarbeitern in ein Miniaturtheater mit zwei Dutzend Sitzplätzen verwandelten Dachboden.

1944 machten sie ihren letzten Film, 1947 traten sie noch auf Bühnen in Schweden, Frankreich und Belgien auf. 1957 starb Oliver Hardy nach einem dritten Schlaganfall in Hollywood, und Stans Hausarzt verbot, zum Begräbnis zu gehen.

"Es war vielleicht besser so," meinte Laurel später, "vielleicht hätte ich dort nur etwas Lustiges gesagt oder getan, um den Schmerz zu verbergen - und Babe hätte es verstanden. Ich hoffe, dass er - wo immer er jetzt sein mag - weiß, wie sehr ihn die Leute geliebt haben." Laurel starb viel später als Hardy, aber früh genug: vielleicht eine freundliche Geste des Schicksals, ein Schutz vor zu späten Leiden und einer Lächerlichkeit ohne Souveränität.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6./7. 1. 2001)

Das "Journal des Verschwindens" wird am kommenden Freitag fortgesetzt.
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