Die Gier zu verändern

15. Jänner 2001, 02:13

Architektin Anna-Lülja Praun, geb. 1906, im Gespräch mit dem STANDARD

Foto: Standard/Sailer
Die 94-jährige Architektin Anna-Lülja Praun hat mehrere Jahrzehnte österreichischer Formgebung miterlebt und -gestaltet. Sie war eine der wenigen Frauen der Architektur und gilt als Pionierin der Formgebung
Nicole Scheyerer

Anna-Lülja Praun spricht nicht gern über sich selbst. "Um Gottes Willen, schon wieder muss ich reden", lautete ihr Kommentar zum angekündigten Interview mit dem STANDARD. Außerdem leidet die Architektin an Schmerzen in den Händen und bemerkt verärgert, dass sie deswegen zur Zeit nicht arbeiten kann. Dabei flog sie erst vor kurzem in die Schweiz, um Auftraggeber und Umgebung für einige neue Möbelstücke unter die Lupe zu nehmen.

Die gute Beziehung zu ihren Klienten und die genaue Kenntnis des räumlichen Kontextes gehören zu den grundlegenden Prinzipien ihres Schaffens: "Von Anfang an habe ich danach getrachtet, die Leute zu sehen, für die ich arbeite, und zu prüfen, ob ich einen Kontakt mit ihnen bekomme. Manchmal habe ich auch abgelehnt, etwas zu machen." Die schwarz-weiß gepflasterte Eingangshalle der Schweizer Gründerzeitvilla ihres aktuellen Auftrags werden bald zwei mit Bösendorfer Klavierlack überzogene Kästen und ein in gelbes Handschuhleder gekleidetes Schränkchen bereichern. "Eigentlich zeichne ich alle Möbel eins zu eins. Jetzt muss ich kleinere Skizzen machen, ich schaffe es nicht mehr."

Anna-Lülja Praun ist 94 Jahre alt. Auf die Frage, wie sie zur Architektur kam, erzählt die 1906 als Tochter einer russischen Ärztin und eines bulgarischen Verlegers in St. Petersburg geborene Dame aus ihrer kosmopolitischen Kindheit: "Als wir später nach Sofia übersiedelten, eröffnete meine Mutter eine gynäkologische Praxis. Zu ihren Patientinnen zählte auch die Frau des englischen Botschafters und von dem kauften meine Eltern dann Wiener Möbel, darunter viele Stücke von Thonet. Mich hat bald geärgert, dass manche Dinge nicht so standen, wie ich wollte. Auf meine Bitte hin, erlaubte mir Mama an meinem Geburtstag die Möbel zu verrücken. Am Abend mussten sie zwar wieder am alten Platz stehen, aber das ging dann jahrelang an jedem Geburtstag so. Damals habe ich diese Gier bekommen, zu verändern." Das Interesse an Wohnkultur, der Gestaltung von Räumen und Handwerkskunst bewegt die Architektin bis heute.

In Österreich sind Frauen seit 1919 zum Architektur-Studium an den Technischen Hochschulen zugelassen. Praun beginnt 1924, als einzige Studentin ihres Jahrgangs, an der TU Graz zu studieren, wo sie mehrere Jahre mit einem der wenigen radikal modernen Architekten Österreichs, Herbert Eichholzer, zusammenlebt und -arbeitet. Eichholzer, überzeugter Sozialist und in seiner Arbeit durch ein Volontariat bei dem französischen Avantgardisten Le Corbusier geprägt, baute in der völkisch-traditionalistisch dominierten Steiermark mehrere Projekte in streng reduzierter Formensprache. "Was der Eichholzer gemacht hat, seine kleinen Häuser, hat mich begeistert. Wir hatten es nicht so leicht zu dieser Zeit, denn in Graz gab es ja viele wahnsinnig sture Spießer und dass wir unverheiratet miteinander lebten, war verpönt. Irgendwann konnte ich jedoch nicht mehr mit ihm mit, das ewige Politisieren. Als wir uns trennten, hatte ich von der Politik genug."

Einige Zeit arbeitet Praun im Büro Clemens Holzmeister in Wien, unter anderem an den Wettbewerben für das Salzburger Festspielhaus und das Regierungsviertel in Ankara, geht jedoch nach Graz zurück, um ihr Studium zu beenden. Unmittelbar nach der Besetzung Österreichs im März 1938 nimmt sie die Gestapo fest. "Um drei Uhr Früh kamen sie und führten mich im Nachthemd ab. Man durchsuchte meine Wohnung nach politischem Material. Ich wurde angeklagt, Geld aus Russland zu bekommen und mit dem Eichholzer weiß Gott was gemacht zu haben."

Auch an der Hochschule schlägt ihr der Hass nationalsozialistischer Kollegen entgegen. "Wenn ich vorbeiging, zischten sie Heil Hitler. Für den Dekan war ich eine deklarierte Feindin. Der kopierte Bauernhäuser und fuhr mit seinen Studenten zu Eichholzers Bauten, um ihnen zu zeigen, wie man auf keinen Fall bauen darf." Allen Hürden zum Trotz gelingt es Praun, ihr Diplom zu machen und auszureisen.

Die ersten Kriegsjahre verbringt sie in Frankreich und Sofia, kehrt jedoch 1942 nach Österreich zurück und heiratet den aus einer Tischlerdynastie stammenden Richard Praun. Herbert Eichholzer wird zeitgleich mit der Architektin Margarete Schütte-Lihotzky verhaftet und 1943 für seine Arbeit im Widerstand hingerichtet. Ab den Fünfzigerjahren führt Praun ihr eigenes Büro in Wien und engagiert sich parallel für das Einrichtungsgeschäft "Haus & Garten", das der nach Schweden geflüchtete Architekt Josef Frank 1925 gegründet hatte.

Franks Philosophie des modernen Wohnens kann auch für Anna-Lülja Prauns Schaffen als programmatisch betrachtet werden. Einerseits gegen den Historismus, andererseits gegen den zunehmend doktrinären Funktionalismus, formulierte Frank in dem Buch "Architektur als Symbol" schon 1931 seine Auffassung der Moderne.

Diese solle nicht neue Dogmas kreieren, sondern die Befreiung von den Beschränkungen des Stils mit sich bringen. Das Recht des Einzelnen auf Sentimentalität, auf eine Vielfalt in Farbe, Material und Form dürfe nicht neuen Ideologien geopfert werden. Mit den Namen Josef Frank, Oskar Strnad, Ernst Plischke, Oswald Haerdtl und Anna-Lülja Praun sind nur einige Vertreter einer wenig bekannten, österreichischen Entwicklung genannt, die frischen Wind in die Wiener Möbel-Tradition brachte und in ihrer Gestaltung der Lebenswelt nicht um Stilzwänge, sondern um Individualisierung bemüht war.

Das Werk von Anna-Lülja Praun besteht fast ausschließlich aus kleineren architektonischen Eingriffen, Inneneinrichtungen und Möbeln. Eines ihrer frühen und heute bekanntesten Objekte entwarf sie 1959 für Herbert von Karajan. Der Dirigent wollte eine Bank zum Ausruhen vor dem Kamin, die beim Betreten des Raums jedoch nicht den Blick auf das Feuer verstellen durfte. Prauns niedriges, mit feinem Hirschleder überzogenes Polstermöbel besticht durch die Integration von organischer Plastizität in eine einfache geometrische Grundform.

Wer immer der Kunden-Prüfung der Architektin standhielt, konnte sich auf maximale Betreuung verlassen, die über das Ausmessen des Körpers, das Studium der Gewohnheiten, Lebens- und Raumverhältnisse bis zur peniblen Kontrolle der handwerklichen Ausführung reichte. Die Ästhetik und Funktionalität perfekt verbindenden Möbel befinden sich trotz ihrer Schlichtheit von steriler Sachlichkeit weit entfernt. Edelste Materialen, wie Halbedelsteine oder teure Hölzer, enthalten sich in Prauns Einzelanfertigungen jeglicher Protzigkeit und enthüllen oft erst auf den zweiten Blick, worin der erste Eindruck von Besonderheit besteht. Jahrelang war die Architektin für Wolfgang Denzel tätig, dessen Häuser, Geschäfte und Yachten sie ausstattete. 1980, bereits im Alter von 74 Jahren, baute sie das Haus des ungarischen Komponisten György Ligeti um und entwarf das komplette Interieur. Unter anderem ein bestechend schlichtes, blaues Arbeitspult mit ausziehbaren, roten Stellflächen, das Ligeti neben seinem Klavier zum Notieren benutzte. Auch hier studierte Praun genauestens Ligetis Arbeitsgewohnheiten, um das Möbel optimal an den Benützer anzupassen. Ein weiterer Umbau, das Haus der Galeristen Sailer in Salzburg, trägt den eleganten Praun-Stempel. Außerdem befinden sich hier zwei kostbare Tischchen mit integrierten Ammoniten und Kästen mit eingepassten Achatscheiben. Eine raffinierte Raumkunst voller Überraschungen, mit Hingabe an das Detail und Sinn für Proportionen bietet sich hier dem, der genau hinsieht.

Derzeit gibt es in Österreich ca. 300 Architektinnen: Das entspricht zehn Prozent der Architektenschaft. Nur an die 140 von ihnen verfügen über eine "aufrechte Befugnis", können also für Projekte verantwortlich zeichnen. Eine aufrechte - im Gegensatz zu einer ruhenden - Befugnis verlangt auch bei schlechter Auftragslage hohe Abgaben, deswegen verzichten Frauen in einer Bürogemeinschaft mit dem Lebenspartner meist darauf. Im Fall einer Scheidung gehört dann oft der zusammen mühsam aufgebaute "gute Name" plötzlich nur noch dem "Ex".

Darüber hinaus arbeitet der Architektinnen-Großteil in kleinen Büros, die wieder schwerer an Aufträge mit Prestige herankommen. In den Medien fand man zuletzt verstärkt Paradeprojekte von Frauen, etwa die Gürtelgestaltung der Architektin Silja Tillner. "Von Architektinnenboom kann weiter keine Rede sein," stellt Sigrid Hauser, außerordentliche Professorin am TU-Hochbauinstitut, fest, "man findet nur wenige Einzelkämpferinnen. Der Staat benützt Architektinnen gerne als Vorzeigefrauen. Ich kenne bis dato kein einziges, von einer Österreicherin entworfenes Gebäude, das in die Architekturgeschichte eingehen wird."

Trotz der Bürden des Alters spricht noch immer unverminderter Schaffensdrang aus der zierlichen, vornehmen Person Anna-Lülja Praun. Ihre Energie hält sie für nichts Besonderes: "Eileen Gray hat noch kurz bevor sie hundert wurde, ein Modell für eine ausklappbare Treppe gemacht. Mit den kaputten Fingern - und dabei hatte die Gray noch mehr Arthrose als ich!"

Praun versuchte, die Designerin Gray 1967 mit einer Ausstellung in Österreich bekannt zu machen. Deren erfindungsreiche, bis ins letzte Detail gestaltete Architektur war in der Biografie eines Mannes verschwunden: "Gray entwarf mit ihrem Freund Jean Badovici. Der hat dann den ganzen Ruhm abgeschäumt, weil er ein diplomierter Architekt war und sie nicht". Praun selbst fühlte sich als Frau in der Männerdomäne Architektur nie benachteiligt, Vorurteile streift sie nur in Anekdoten: "Das Album mit Grays Fotografien musste ich von der Postkontrolle abholen. Wie nun die Postler erfuhren, dass die Fotos von einer Frau aus Paris kamen, liefen mindestens zwanzig Männer zusammen. Die dachten, es handle sich um Pornografie." Die von Praun organisierte Schau in Wien besuchten damals dann auch nur zwanzig Personen - heute sind Grays luxuriöse Objekte und Bauten international ein Begriff. Die Arbeit der Architektur-Pionierin Praun ist (und bleibt wahrscheinlich auch) ein Geheimtipp. Das macht ihr aber nichts: "Ich habe mich nie um Publizität gerissen", meint sie mit einem souveränen Lächeln.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5./6./7. 1. 2001)

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