Angst vor dem Karriereknick

5. Jänner 2001, 11:49

Eine Teilzeitstelle und Führungsverantwortung?

Gerade bei jüngeren Führungskräften steht die Lebensqualität zunehmend im Vordergrund. Doch nur zögernd öffnen sich Unternehmen deren Wunsch nach flexibleren Arbeitszeiten, berichtet Martina Jürgens* aus Hamburg über den Ist-Zustand in Deutschland.

Eine Teilzeitstelle und Führungsverantwortung? Marlehn Thieme ist ein gutes, wenn auch seltenes Beispiel dafür, dass sich beides miteinander vereinbaren lässt. Die Geschäftsführerin der "Deutschen Bank Stiftung Alfred Herrhausen Hilfe zur Selbsthilfe" schraubte ihre Arbeitszeit zurück als ihre Tochter geboren wurde.

Damals hatte sie eine Stabsstelle in der Personalabteilung der Deutschen Bank. Wenig später trat sie in die Geschäftsführung der Stiftung ein. Inzwischen hat die 43-Jährige dort eine Zwei-Drittel-Stelle, führt vier Mitarbeiter und verwaltet einen Fördermitteletat von 70 Mio. S (5 Mio. €).

"Wir unterstützen Projekte für junge Menschen in schwierigen Lebenssituationen, zum Beispiel an der Schnittstelle zwischen Schule und Beruf", so Thieme. Die weit verbreiteten Vorbehalte gegen Teilzeitarbeit auf verantwortlichen Positionen kann die Geschäftsführerin nicht verstehen. "Jeder Manager ist doch durch Termine und Geschäftsreisen auch nur teilzeitig anwesend.

Derzeit sind in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 6,3 Millionen Menschen teilzeitbeschäftigt - fast ein Fünftel aller Erwerbstätigen. Schätzungen des Bundesarbeitsministeriums zufolge haben drei Millionen weitere Arbeitnehmer den Wunsch, weniger zu arbeiten. Was im gewerblichen Bereich seit langem praktiziert

wird, ist auf Führungsebene noch eine Ausnahme. "Eine echte Führungsaufgabe ist nicht beliebig zu kondensieren", meint Gabriele Buchs, Leiterin des Personalbereichs Compensation and Benefits bei der Beutschen Bank.

Auch wenn Unternehmen Führungskräften verkürzte Arbeitszeiten zugestehen müssen, warnen Personalexperten noch davor, dauerhaft zeitreduziert zu arbeiten, wenn Karrierepläne bestehen.

Lebensarbeitszeit

Ob Viertagewoche, Halbtagsstelle oder Jobsharing - Unternehmen bieten schon lange verschiedene Teilzeit- Modelle an, doch meist im gewerblich-technischen Bereich oder auf Sachbearbeiter- Ebene. Seit einem Jahr hat die BASF AG in Ludwigshafen in sieben Bereichen ein "Recht auf Teilzeit" eingeführt. Bei der Deutschen Bank können Eltern schon seit 1990 ihre Arbeitszeit reduzieren und nach der Kinderphase wieder auf einen Vollzeitjob erweitern. Die Teilzeitquote liegt hier bei 14,1 Prozent.

Seit 1. Januar 2001 können Mitarbeiter der Deutschen Bank mit dem Arbeitszeitmodell "db-zeitinvest" ihre Lebensarbeitszeit noch flexibler gestalten. Überstunden, Urlaubstage und Teile des Gehalts können auf einem persönlichen Leistungskonto gutgeschrieben werden.

Die angesammelten Guthaben werden in Investmentfonds angelegt und können zu einem beliebigen Zeitpunkt in Anspruch genommen werden. Befristete Teilzeit- oder Altersteilzeit oder eine persönliche Auszeit sollen dann bei vollem Gehaltsausgleich ebenso möglich sein wie ein vorzeitiger Ruhestand.

Auch Führungskräfte erwarten in immer stärkerem Maße vom Arbeitgeber Flexibilität bei der Gestaltung der persönlichen Lebensarbeitszeit. Besonders bei jungen Führungskräften bestehe eine große Nachfrage nach 80-Prozent-Stellen. "Je knapper der Arbeitsmarkt, desto beweglicher müssen die Unternehmen sein", sagt Michel Domsch, Professor an der Universität der Bundeswehr in Hamburg.

Die Situation in Österreich ist vergleichbar. Rupert Dollinger, Personalchef der Erste Bank: "Alle Formen von Teilzeitbeschäftigung, die einigermaßen vertretbar ist, werden genehmigt. Bei uns ist ein Arbeitszeitfaktor zwischen null und 100 Stunden in Absprache mit dem jeweiligen Vorgesetzten beliebig wählbar. Jeder schreibt seine Arbeitszeit selbst auf und wir verzichten auf Kontrolle. Das wurde auch in einer Mitarbeiterbefragung mit der Schulnote 1,7 bewertet."

Bei Siemens Österreich hat jeder Mitarbeiter ein Zeitkonto, das untergliedert wird in Gleitzeitkonto und Überstundenkonto. Das Gleitzeitkonto hat eine Bandbreite von -80 bis +80 Stunden. Auf Antrag des Mitarbeiters kann ein Sabbatical im Ausmaß von maximal 750 Stunden (mit etwas Urlaub rund sechs Monate) vereinbart werden. Mitarbeiter, die länger auf Zeitausgleich gehen wollen, arbeiten vier Jahre Normalarbeitszeit, in der sie nur 81,5 Prozent ihres Gehalts beziehen. Im fünften Jahr steht dann das gleiche Gehalt bei Zeitausgleich auf dem Lohnzettel.

Sabbaticals

Dass in neun Jahren bei der Erste Bank nur einmal ein Sabbatical eingereicht wurde, erklärt sich Dollinger damit, "dass wir flexibler sind, als nachgefragt wird." Doch die geringe Begehrlichkeit könnte auch andere Gründe haben:

"Wir genehmigen gerne eine längere Auszeit, nur die konkrete Position heben wir nicht auf.", schränkt Dollinger ein.

"Aus Angst vor dem Karriereknick wird der Wunsch nach reduzierter Arbeitszeit vor Vorgesetzten nur sehr selten geäußert", so Domsch.

Dabei stehen Mitarbeiter mit reduzierten Vollzeitstellen ihren Fulltime-Kollegen in puncto Produktivität kaum nach. "Meist sind es sehr engagierte Mitarbeiter, die sich ihre Karriere durch die reduzierte Stelle nicht vermiesen lassen wollen. Sie optimieren ihre Arbeitsorganisation und gehen sehr bewusst mit ihrer Arbeit, aber auch mit ihrer Freizeit um", so Domsch.

Gerade bei jüngeren Führungskräften stehe die Lebensqualität zunehmend im Vordergrund. Domsch: "Die Unternehmen müssen lernen, dass effizientes Teilzeitmanagement künftig genauso zu den Schlüsselqualifikationen von Top-Kräften zählen muss wie Auslandserfahrung oder Teamfähigkeit."

*Die Autorin ist Mitarbeiterin der "Welt am Sonntag".

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7.1.2001)

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    foto: photodisc
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