"Warum sind wir eigentlich noch hier?"

2. Jänner 2001, 10:11
„Warum sind wir eigentlich noch hier?“ P. antwortete nicht. Er schaute quer durch das Lokal, hinüber zur Bar. Christopher Just werkte dort an einem Caipirina. „Der müsste doch mit seinen Platten genug verdient haben, um nicht hier arbeiten zu müssen.“ „Aber es macht ihm Spaß.“ Es war einer dieser nicht existenten Abende. In der Endrunde des Jahres. Weihnachten vorbei, Silvester noch nicht da. Jene Phase, in der die Luft aus der Zeit draußen ist. Stunden, die man nur an den wenigen einzig möglichen Orten der Stadt übersteht. Im Schikaneder etwa. „Warum sind wir noch hier?“ „Weil nicht alle Vernünftigen weggehen dürfen. Irgendwer muss bleiben. Oder sollen wir das den Humps überlassen?“ Im letzten Jahr waren mehr als früher weggegangen. Nach Berlin, die meisten. Nach Hamburg, einige. Nach Amsterdam, manche. Draußen nieselte es. Der Videobeamer warf einen alten Science Fiction Film an die Wand. Niemand sah hin, aber es war gut, dass er lief. An der Bar plauderte Tanja, die Frau von den Volkstanz-Leuten mit irgendjemandem. Familie. Jedenfalls das, was wir in den letzten Jahren dazu gemacht hatten. Gregor Eichinger kam.

„Ich gehe nicht mehr so oft aus“, meinte er, die größere Hälfte des Architektenduos Eichinger oder Knechtl. Ich und wollte nett sein. „Hier schaut es fast so aus, als hätte jemand eure Handschrift gut studiert, aber kein Geld gehabt.“ Der Architekt lächelte. „Es ist von uns. Das Konzept, hier einen Ort zu schaffen, an dem Dinge möglich sind.“ Für 100 Prozent Eichinger oder Knechtl habe den Schikaneders das Geld gefehlt. Aber das machte niemandem was. „Die Geräteleiste an der Decke habe ich ihnen montiert. Sie funktioniert. Wie das Lokal. Und darauf kommt es an.“

Das Konzept des Lokals mit bespielbarem Schaufenster und belebbaren Hof habe er in Berlin nach dem Mauerfall („1990 war ich ein Jahr dort.“) kennen und schätzen gelernt. „Aber in Wien geht so vieles nicht. Diese Stadt ist für alles offen – solange die Antwort „Nein“ lautet“, sagte Eichinger. „Und die Stimmung die sich in diesem Jahr über alles gelegt hat, ist furchtbar.“ Eigentlich war Eichinger fröhlich. Er war gekommen, um mit den Schikaneders einen Berlintrip zu beplaudern. „Zum Durchatmen. Um Stadt zu tanken.“

Eichinger erzählte von seinem Jahr in Berlin. Tanja von den Volkstanz-Leuten winkte lachend herüber. Irgendwie kam das Gespräch auf den Wiener Wahlkampf. „Kann man das nicht einfach auslassen?“ Eichinger schüttelte sich. Draußen war nasskalt und scheußlich. Nicht bloß wegen des Wetters. P. sah mich an. „Warum sind wir wirklich noch hier?“

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