"Ich bin den weiten Weg gegangen"

1. Februar 2002, 13:42
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Eine Würdigung, die nun zum Nachruf geworden ist

Wenigen ist es vorbehalten, mit ihrem Nachnamen als "die ..." tituliert zu werden. Die Garbo. Die Dietrich. Die Piaf. Und eben die Knef.

Als Hildegard Knef bei der "Echo"-Verleihung 2000 für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde und die Standing Ovations einfach kein Ende nehmen wollten, da konnte man sich des Eindrucks einer kollektiven Erleichterung nicht erwehren: "Gottseidank", so schien es sich durch aller Köpfe zu ziehen, "sind wir diesmal nicht zu spät gekommen." Denn was an Marlene Dietrich zeitlebens an Wiederaussöhnung verabsäumt worden war, das wurde an der Knef nun umso enthusiastischer nachgeholt.

Foto: Archiv

Die Knef selbst, soeben 75 geworden, schien sich des Ausmaßes an Verehrung, das ihr inzwischen entgegen gebracht wurde, noch gar nicht so recht bewusst geworden zu sein. Was soll's auch - sie hatte sich schließlich mit handfesteren Problemen herumzuschlagen. Ihrer Gesundheit namentlich: Eine Krebserkrankung holte sie schon in den 70ern auf den Boden der Sterblichkeit zurück. Doch sie rang ihn nieder, kämpfte in den folgenden Jahrzehnten stets erfolgreich gegen immer wieder aufflammende Lungenerkrankungen an. Auch derzeit wieder: "Mein Zustand hat sich eklatant verschlechtert", sagte Hildegard Knef in einem Interview. Doch: "Was wollen Sie machen: entweder Sie bringen sich um oder Sie werden alt." Einziger Tribut, den sie der Krankheit zollte: auf das Bühnenleben hatte die Knef inzwischen verzichtet.

Doch war das ohnehin nur eine von vielen Karrieren, auf die sie zurück blicken konnte. Begonnen hatte alles beim Film: Noch während des Krieges entdeckte die Ufa sie, auch wenn sie, stark und androgyn, keineswegs dem damaligen Frauentypus ("im Mehl wühlend" in den Worten der Knef) entsprach. Ihre ersten großen Erfolge brachten die Nachkriegsfilme "Die Mörder sind unter uns" und "Film ohne Titel". Die und nicht zuletzt ihre schonungslose Auseinandersetzung mit der Vergangenheit machten sie auch im Ausland zum Star.

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Und dann, ja dann kam "Die Sünderin". Eine sekundenkurze Nacktszene reichte in den prüden 50ern für einen Skandal. Deutschland heulte auf. Knefs Kommentar: "Mein Gott, war das eine Aufregung. Und das alles nach dem, was vorher in unserem Land passiert war. Da hatte man nun etwas, wo man seine übrig gebliebenen Zähne reinhacken konnte. Die deutsche Frau entkleidet sich nicht vor Millionen." Die Nichtigkeit namens "Sünderin" sollte sie später immer wieder einholen. Später, als sie über die Erfahrungen mit ihren schweren Erkrankungen ein Buch schrieb, hieß es: "Pfui, wie kann man über eine Brustamputation schreiben, und das von einer Frau, die die 'Sünderin' gespielt hat ..."

Sie reagierte souverän, ging nach Amerika (wie schon einmal zuvor für ein kurzes Intermezzo), drehte Filme (z. B. "Schnee auf dem Kilimandscharo" mit Gregory Peck) und trat am Broadway auf. Cole Porter selbst holte sie für das Musical "Silk Stockings", mit dem sie in brachialem Englisch singend einen der größten Triumphe ihres Lebens feierte - 675 ausverkaufte Vorstellungen von 1954 bis 1956, und New York vergötterte sie. Das hat ihr bisher kein deutscher Star nachgemacht, wie sie stolz betonte.

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Und es war der Grundstein gelegt für eine zweite Karriere, die sie größer machen sollte denn je: der Gesang. Als "der Welt größte Sängerin ohne Stimme", so Ella Fitzgerald, ging sie mit selbst geschriebenen Chansons auf hymnisch gefeierte Tourneen, veröffentlichte Dutzende Alben und Lieder, die zu Standards wurden ("Von nun an ging's bergab", "Eins und eins", "Aber schön war es doch").

Dabei scheute sie vor Experimenten nie zurück: klassisch-orchestrale Tanzorchester-Arrangements eines Charlie Niessen mischte sie mit dem Spätsechziger-geprägten "Knef-Sound" Hans Hammerschmids. Und in den 90ern kam es noch dicker: für Remixes ihrer größten Hits verwendete sie unter anderem das Synthie-Wummern von Björks "Army of me". Und nicht zu vergessen die Zusammenarbeit mit den Neue Deutsche Welle-Helden "Extrabreit" ("Flieger", "Kleptomanie"), mit denen sie ihren absolut größten Mastodon-Erfolg "Für mich soll's rote Rosen regnen" neu und rockig abmischte.

Das - leider nun endgültig - letzte Album erschien 1998: "17 Millimeter", eine Zusammenstellung von Klassikern und brandneuen Liedern, war das erste seit 18 Jahren.

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Ins Auge fiel dabei nicht nur die stark autobiographische Tendenz ihrer Lieder, sondern nicht zuletzt deren Bilanz ziehender Aspekt ("Wieviel Menschen waren glücklich, dass du gelebt?", "17 Millimeter fehlten mir zum Glück", "Ich bin den weiten Weg gegangen" und natürlich "Für mich soll's rote Rosen regnen"), zu dem die frühe Bewusstwerdung der eigenen Sterblichkeit sicher nicht unwesentlich beigetragen hatte. "You have haunted eyes", hatte man ihr einmal gesagt. War das Tennessee Williams gewesen? Egal.

Seine Fortsetzung fand der Hang zur Autobiografie schließlich in der Literatur - und Hildegard Knefs dritte Karriere war geboren. Ihr Roman-Debut "Der geschenkte Gaul" von 1970 entwickelte sich zu einem der größten Bucherfolge seit dem Zweiten Weltkrieg und wurde in nicht weniger als 17 Sprachen übersetzt. Fünf Jahre später folgte "Das Urteil", in dem sie ihre schwere Krebserkrankung mit über 50 Operationen ungeschönt abarbeitete.

Foto: Red Moon

Zuletzt lebte die Knef wieder in Berlin, nachdem sie in den 80ern mitsamt ihrer Tochter Christina ("Tinta") und ihrem zweiten Ehemann Paul von Schell wieder einmal für längere Zeit in die USA gegangen war. Ihre Pläne gab sie bis zum Schluss niemals auf: einfach weitermachen. Schreiben, singen - und nicht zu vergessen malen. Wie heißt es in "17 Millimeter": "Wer rollt den Stein den Berg hinauf und gibt nicht auf und gibt nicht auf ...?"

"Sie war und ist die einzige Deutsche ihrer Generation, die die Welt bewegte", schrieb die Filmregisseurin Helma Sanders-Brahms in der zum Geburtstag erschienenen Biografie "Die Knef" von Axel Andree. Wir von der Kulturreaktion des derStandard.at haben ihr diesen Text zu ihrem 75. Geburtstag gewidmet - nun ist es ein Nachruf geworden. Respekt vor einem großen Menschen.
(red)

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