Troubadoure Allahs. Sufi Musik im Industal

30. Mai 2001, 16:01
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Eine faszinierende Berührung mit der Welt Shah Abdul Latifs von Peter Pannke und Horst A. Friedrichs

Das Industal gilt zu Recht als „Land der Sufis“. Die Ufer des Flusses säumen zahlreiche Heiligenschreine und stark frequentierte Wallfahrtsorte mit jahrhundertealter Tradition. Der prächtige Bildband (mit CD) dokumentiert in Text, Fotos und Musik die im Westen bisher weitgehend unbekannten mystischen Traditionen des Landes: Mündlich überlieferte Musik und Poesie werden beschrieben, gezeigt werden die Landschaften und Heiligenschreine, die Musiker und ihre Instrumente, dazu liefert die beigefügte CD interessante Tonbeispiele einer für uns sehr fremden und unbekannten Welt.

Peter Pannkes Hauptinteresse gilt der Musik - Pakistan ist nach wie vor ein weißer Fleck auf der Weltmusikkarte. Das Buch ist sein liebevoller Beitrag in dem Bemühen, dem Westen die faszinierend vielfältige Musikerszene des Industals nahezubringen, zumal in Pakistan die Vertreter der musikfeindlichen Richtung des Islam mehr und mehr an Einfluss gewinnen und die Rolle der Musik im Islam ohnedies umstritten ist. Von vielen Ulama (orthodoxen Rechtsgelehrten) wird sie grundsätzlich abgelehnt, und in Moscheen sind Musikinstrumente in der Regel nicht erlaubt. Unter den Sufis selbst herrscht darüber von jeher geteilte Meinung, für die einen ist sie ein Medium , mit dessen Hilfe sich die Seelen der Menschen dem Göttlichen nähern können, andere dagegen stehen ihr ablehnend oder skeptisch gegenüber.

Im Industal stellt die Lehre der Sufis eine lebendige Kraft dar, die als vorwiegend mündliche Überlieferung weiterlebt. Deshalb haben die Verse der historischen Sufi-Dichter auch keine endgültige Gestalt, sondern verändern sich immer wieder. Im Buch sind sie so wiedergegeben, wie sie gesungen werden. Mehr als irgendwo sonst in der islamischen Welt hat die Musik im Industal, wo sie bei der Verbreitung eines toleranten, lebensfrohen Glaubens eine entscheidende Rolle gespielt hat, das Leben der Sufis und der von ihr inspirierten Bevölkerung geprägt. So vielfältig die Landschaften sind, die der Indus auf seinem Weg nach Süden durchquert, so mannigfaltig sind die musikalischen Stile, die wir an seinen Ufern finden. Sie reichen von liturgischen, gemeinschaftliche rezitierten „zikr“ und der strengen Regeln folgenden Überlieferung der Fakire am Schrein Shah Abdul Latifs über das Repertoire höfischer Kunstmusik, das bis heute von den Nachkommen früherer Hofmusikerfamilien bewahrt wird, bis hin zu populären Volksliedern, die ihre regionalen Varianten haben. Ein eigenes Kapitel widmet Pannke Shah Latif (1689-1752), dem berühmtesten Dichter von Sindh, der wie ein Nationalheiliger verehrt wird und dessen Mausoleum Ziel vieler Pilgerfahrten ist. Shah Latif schuf ein neues musikalisches System, das dem nordindischen zwar verwandt ist, sich aber in einigen Punkten davon unterscheidet. Seit damals singen seine Schüler, die Fakire, vor seinem Schrein jede Nacht nach dem islamischen Abendgebet bis zum Morgengrauen diese „sur“ genannten melodischen Modelle. Shah Latif gab dem Sindhi seine literarische Prägung. Seine Verse sind im „Risalo“, dem „Sendschreiben“ überliefert – so nennt man Verssammlungen, die nach Melodien geordnet sind. (eh)

Pannke, Peter/ Friedrichs, Horst A.
Troubadoure Allahs
Sufi Musik im Industal
Bildband mit CD
Frederking & Thaler Verlag
192 S./ öS 715,-
ISBN 3-89405-390-9

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