Vergessener Völker Müdigkeiten - Friedhöfe in den Kronländern der ehemaligen k.u.k.Monarchie

30. Mai 2001, 16:09
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Lingg, Christoph/ Schaber, Susanne

Manche sind so klein, dass nur ein Dutzend Tote Platz finden, andere so riesig, dass man sich in ihnen verläuft. Manche sind verfallen, unter einem Dickicht von Efeu und Waldreben verborgen, andere eitel herausgeputzt. Und wieder andere sind überhaupt nicht mehr auszumachen - aufgelassen, zerstört und verschwunden.

So der Prolog des Buches über die Friedhöfe im östlichen und südöstlichen Mitteleuropa. Diese zum Teil verlassenen Nekropolen sind kaum in einem Reiseführer zu finden. Doch nun, da die Grenzen zum Osten wieder passierbar sind, werden auch ihre Tore wieder geöffnet. Zwischen Lemberg und Sarajewo, Mostar und Brünn breiten sich Gräberlandschaften aus, wie sie anderswo kaum zu finden sind. Alte Parks, mit prächtigen Grabhäusern, Grüften, kostbare Skulpturen - melancholische, trauernde Figuren auf verwitterten Sandstein. Der Tod, seine Gräber als erhaltene Zeugnisse eines gelebten Lebens, etwas womit man sich nicht gerade gemütlich zum abendlichen Kaminfeuer setzt. Und sind darüber hinaus die Kronländer der ehemaligen k.u.k. Monarchie nicht eher etwas für eingefleischte Spezialisten, verschrobene Historiker?

Nun das Buch erfüllt keines der erwarteten Vorurteile. In einzelne überschaubare Kapitel unterteilt, fügen sich Text und Bilder ideal zusammen. Die Bilder stehen für sich und unterstützen dennoch gleichzeitig den Text. Die schwarz-weiß Aufnahmen zeigen Gräberlandschaften, ausschnitthaft, keinesfalls dokumentarisch. Vielmehr fängt Christoph Lingg die Atmosphäre ein, die in den verlassenen Friedhöfen zu finden war, unwegsame Waldstücke mit jüdischen Grabsteinen, die unter Efeu verschwinden, schlichte Holzkreuze in Siebenbürgen, die sich in offenen Feldern verlieren und dort vermorschen, weil sich niemand um sie kümmert, die klobigen Mazzewas am Jüdischen Friedhof von Sarajewo, der nach dem Bürgerkrieg vermint zurückgeblieben ist, die verfallenen Steine am Jüdischen Friedhof in Prag oder die Herzgrabsteine im ungarischen Balatonudvari - Bilder einer Welt ohne Jahre, wie es bei Elias Canetti heißt. Die Texte sind Essays zu einzelnen Themen, was die Beschäftigung mit dem Buch einladend macht. Man erfährt über die Legende vom gebrochenen Herzen eines jungen Steinmetzes über den Tod seiner Geliebten, einer schönen Fischerstochter, das zum beispielgebend Herzstein geführt hat, über das Grab Nr. 211 421 am Neuen Jüdischen Friedhof in Prag, in dem Franz Kafka begraben liegt. Allerheiligen in Krakau - zwischen Wahlfahrt und Volksfest ist ebenso Thema wie der Vandalismus auf Friedhöfen. Gräber werden durch Susanne Schabers Essays zum Ausgangspunkt der Sozial- und Kulturgeschichte der einstigen Monarchie und deren Nachfolgestaaten. Unterstützt durch viele Zitate von Hugo von Hofmannsthal bis Robert Walser. Interessant, kurzweilig, schlichtweg sehr gut.

Eine Ausstellung gleichen Titels wird, nachdem sie in Wien und Salzburg gezeigt wurde, in Graz, Eisenstadt, Pula, Triest, Budapest, Odesssa, usw. gezeigt werden. (Sylvie Steiner)

Christoph Lingg, Susanne Schaber
Vergessener Völker Müdigkeiten
- Friedhöfe in den Kronländern der ehemaligen k.u.k.Monarchie
Picus Verlag Wien, 2000
160 S./ ATS 291,--
ISBN 3-85452-445-5

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