Das wundersame Pflanzenreich des Charles Jones

30. Mai 2001, 15:52
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Schönheit und Poesie in der Naturfotografie Charles Jones' entdecken uns Sean Sexton, Robert Flynn Johnson (Hg.)

Die üppigen Rundungen auf dem Schutzumschlag lassen kaum andere Assoziationen zu, und doch, sieht man genauer hin, merkt man, dass da keine eigentümlich veränderte Damenoberweite abgelichtet wurde, sondern schlicht und ergreifend eine Herbstrübe. Wie denn sonst, war der behutsame Fotograf ein viktorianischer Herr, an dessen Integrität nicht zu rütteln sei: Charles Jones, ein englischer Allerweltsname, ein englischer Allerweltsmann, zu Lebzeiten schrullig und unscheinbar, drohte er mit dem Lauf der Zeit aus der Erinnerung nachkommender Generationen zu verschwinden, wäre da nicht sein sehr britischer Beruf gewesen: das Gärtnern. Und wie das in der Natur so ist, dass gerade die kostbarsten Pflanzen in stiller Bescheidenheit ohne jede marktschreierische Affektiertheit einfach um des Blühens willen blühen, hat auch Jones unfreiwilligerweise ein Werk hinterlassen, das von großer Schönheit und Poesie ist, und das durch Zufall von den Argusaugen des Fotohistorikers Sean Sexton bei einem Trödler entdeckt und um eine lächerliche Summe erstanden wurde: Photographien, schwarzweiß, entstanden in einem nicht näher festzulegenden Zeitraum zwischen 1890 und 1910.

Wundersam, in der Tat, so wie der gut ausgewählte Titel des Fotobandes, jedoch von umwerfender Ästhetik sind die Fotos des Charles Jones, der all das ablichtete, was ihm so vertraut war, dass kein auch noch so kleines zauberhaftes Detail am Objekt verborgen blieb. Gemüse in erster Linie, aber auch Blumen und Früchte wurden ins rechte Licht gerückt, Blätter unterschiedlichster Kohlsorten mit aristokratisch klingenden Namen wurden durch das Spiel von Licht und Schatten in der Struktur hervorgehoben, eine Iris, in ihrer filigranen Zartheit verewigt oder ein Apfel auf den Blättern seines eigenen Baumes liegend, dessen gesprenkelte Schale plötzlich als ein zu kostbares Kunstwerk erscheint, als dass man jemals hinein beißen möge... Charles Jones hat unbewusst spätere Entwicklungen in der Fotografie von Stillleben vorweggenommen. Seine Bilder sind zumeist gestochen scharf und verzichten auf Brimborium um sein eigentliches Motiv. Jones vertraute der Schönheit der Natur: eine Zwiebel ist eine Zwiebel ist eine Zwiebel, und das ist gut so. Ein Buch, das spielend zwei so gegensätzliche Begriffe wie Üppigkeit und Kargheit miteinander vereinbart. (Maria Angela Pieta)

Sean Sexton, Robert Flynn Johnson (Hg.)
Das wundersame Pflanzenreich des Charles Jones
Frederking & Thaler
128 S./ ATS 564,-
(Gewinner des Kodak-Fotobuchpreises 1999) ISBN 3-89405-402-6

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