Den großen Fünf auf der Spur

24. Mai 2005, 12:17
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Der südafrikanische Kruger Park muss sein Überleben sichern: Die beste Werbung ist unbekannte Wildnis - der neue Lemombo-Trail bietet viel davon

Löwen brüllen nicht. Dafür singen die Touristen am Lagerfeuer. Aber nur solange, bis die Löwen, dadurch angelockt, rund um die zehn Zelte und das Buschklo im südafrikanischen Kruger Nationalpark schleichen und leise grollen. Dann treten auch hartgesottene Naturliebhaber gerne den Rückzug ins Zelt an. Dort wird ja hoffentlich nicht die schwarze Mamba auftauchen, die Pat, die gelassene Mitarbeiterin der Catering-im-Busch-Firma, am Nachmittag gesichtet haben will. Vielleicht gehören solche Buschmärchen aber auch zum Programm des neuen Lemombo-Trail.

Offiziell eröffnet wird der fünftägige Trail von Crocodile Bridge nach Pafuri erst Anfang April 2001. Die Umweltverträglichkeitsprüfung hat er schon bestanden. Denn die Natur darf keinen Schaden davon tragen, wenn dann Touristen - maximal fünf Landrover voll - jeden Sonntag im Süden des Parks nach Norden starten werden. Jede Zigarette wird einzeln entsorgt. "20 Jahre dauert es, bis ein Filter abgebaut wird", erklärt Mark McDonald, Produktmanager des Kruger Parks.

Dass der Trail überhaupt zugelassen wurde, war schon eine kleine Revolution in der Geschichte des Kruger Parks. 1898 hatte Präsident Paul Kruger das erste Naturreservat in dieser Gegend gegründet, später kamen weitere dazu, die sich 1926 zum Kruger Park zusammenschlossen. Die ansässigen Völker wurden dabei kurzerhand umgesiedelt. Und da das Apartheid-Regime 100 Prozent der Kosten übernahm, hätten die Naturschützer am liebsten überhaupt keine Leute in den Park gelassen. Schwarze schon gar nicht, ihnen wurde der Zutritt erst in den 80er-Jahren erlaubt.

1994 wurde der erste schwarze Manager eingestellt; 1998 übernahm der Schwarzafrikaner David Mabunda die Leitung des Kruger Parks. Mit allen Problemen, vor allem finanziellen.

Heute kommt eine Million Besucher pro Jahr; und es sind noch

immer zu wenige. Denn die Regierung übernimmt nur noch 16 Prozent der Kosten; in einigen Jahren sollen sich die Parks komplett selbst erhalten. Der Betreiber der 17 südafrikanischen Nationalparks, die SANP (South Africa National Parks), arbeitet daher mit Hochdruck an Finanzierungsmöglichkeiten: Im Zuge der "Kommerzialisierung als Naturschutz-Strategie" wurden Konzessionen für Shops und Restaurants in den Camps verteilt und kleinere Camps als Ganzes versteigert.

Das Geld kommt auch der Forschung zugute. Im Kruger Park laufen derzeit etwa 200 Forschungsprogramme, mehr als 85 Prozent der Projekte werden von ausländischen Wissenschaftlern durchgeführt. Zu untersuchen gibt es genug: Denn selbst durch scheinbar ökologisch sinnvolle Maßnahmen zur Wassergewinnung tauchten neue Probleme auf. So hat sich nach dem Bau von Wasserlöchern die Wildpopulation verändert. "Wenn es auch in Dürrezeiten genug Wasser gibt, gibt es mehr Wild und damit mehr Löwen. Und Löwen töten auch Wildhunde - das ist der Grund, warum wir nur noch etwa 300 Wildhunde im Park haben", erklärt D. J. Piennar, Leiter der wissenschaftlichen Abteilung des Kruger Parks. Nun werden 130 der errichteten Wasserlöcher wieder geschlossen, die durch die Überschwemmung im Frühjahr zerstörten Dämme nicht mehr instand gesetzt.

Die Überschwemmung, die vor allem in Mosambik große Verwüstung angerichtet hatte, belastet die Finanzen des Nationalparks ohnehin schwer. Ein Schaden, den der Park mit Hilfe seines unterirdischen Elfenbein-Lagers zumindest teilweise begleichen könnte. Das Elfenbein stammt sowohl von natürlich dahingeschiedenen Elefanten, aber auch von im Rahmen von "Calling", dem Abschießen von ganzen Elefanten-Familien durch die Parkverwaltung, getöteten Tieren.

Durch den Druck von Naturschutzorganisationen wurde das Elefanten-Töten verboten, die SANP überlegt jedoch, im nächsten Jahr wieder damit zu beginnen. Weil die Elefantenpopulation zu stark zunehme und die Dickhäuter alles an Vegetation niedertrampelten, so William Mbasa von der Parkverwaltung. Zwar verkaufe man auch gerne Elefanten an Zoos oder andere Parks, aber derzeit sei der "Markt" gesättigt. Doch selbst wenn durch erneutes Töten mehr Elfenbein in die Lager kommen sollte: Es zu handeln, ist verboten.

Rettung verspricht da nur die Einnahmequelle Tourismus

- und die muss in Zukunft stärker sprudeln. Denn die, im Gegensatz zu den einheimischen Tagesgästen, zahlungskräftigen Übersee-Touristen besuchen lieber die umliegenden privaten "Game-Resorts": In diesen eingezäunten Privatgründen, vergleichbar mit europä- ischen Safari-Parks, allerdings ein Vielfaches größer, sehen eilige Touristen die "Big Five" - Löwe, Elefant, Büffel, Nashorn und Leopard - manchmal in 45 Minuten. Im 20.000 km² großen Kruger Park kann man hingegen schon mal leer ausgehen.

Die Parkverwaltung kann und will die Natur nicht beeinflussen, also wird umgesattelt: Erlebnis Wildnis statt Tierbeobachtung im Riesenzoo. Seit etwa einem Jahr sind mehrstündige Wanderungen im Busch möglich, Kanu-Touren sind in Planung. Die intensivste Wildnis-Erfahrung bietet jedoch der neue Lemombo-Trail: Fünf Tage lang rattern die Landrover über Feldwege und Staubstraßen. Geschlafen wird im Busch - ohne schützenden Zaun, aber immerhin in passablen Zweimann-Zelten im Schlafsack auf Camping-Liegen. Auf Wunsch mit Full-Service-Catering.

Die Köche stehen dann mit dem dreigängigen, über dem Feuer zubereiteten Menü nebst südafrikanischen Weinen parat, wenn die Abenteurer abends ins Lager kommen.

Da, am Lagerfeuer kommt die Sprache allmählich auch auf die

sozialen Probleme des Landes und ihre Auswirkungen auf den Park: Die Parkverwaltung versucht, die Kluft zwischen den verschiedenen Ethnien und vor allem zwischen Schwarz und Weiß zu verringern. Aus Überzeugung, aber auch aus Pragmatismus: Schließlich haben die Makuleke, eine ethnische Gruppe im Norden des Kruger Parks, bereits erfolgreich ihr Land zurückgefordert; im Süden prozessieren die Mdluli um ihr Land.

Wenn der Park nicht weiter zerfallen soll, müssen die umliegenden Dörfer von seiner Nützlichkeit überzeugt werden. Und das bestechendste Argument ist das ökonomische. "Zum Beispiel kaufen wir eher im nächsten Dorf Nahrungsmittel ein als in Johannesburg", erklärt Mbasa, "und die Leute können den Touristen Souvenirs verkaufen." Ein gutes Geschäft - auch für die Natur. Heidi Weinhäupl

Infos: Lemombo-Eco-Trail: Fünftägiger Wildnis-Trail, Übernachtung im Busch, offizielle Eröffnung April 2001, Reservierung schon möglich. Buchung: South African National Parks, Hester van den Berg, Pretoria, Tel.: 0027 / 123 439770, hester@parks.sa.co.za oder bei Repräsentanz SANP, Daglfinger Straße 2, 81929 München,
Tel.: 0049 / 89 / 340 18622.
Info zum Nationalpark: www.parks-sa.co.za

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