Liebe macht Kunst. Künstlerpaare im 20. Jahrhundert

30. Mai 2001, 15:55
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Arbeits- und Beziehungsmuster von Künstlern und Künstlerinnen, aufgedeckt von Renate Berger (Hg.)

Das Paar - Nukleus jeder Verbindung, bedroht von der Zeit, von wechselnden Konjunkturen der Intimität und Identität, führt in der Kunstszene eine Existenz besonderer Art. Dem Künstlerpaar als Sonderfall, einer Asymmetrie, die eine Gleichrangigkeit von zwei Personen in den seltensten Fällen zulässt, widmet Renate Berger eine eindrucksvolle Publikation. Der speziell Künstlerpaaren der sogenannten klassischen Moderne gewidmete Band, stellt nicht nur Einzelfälle in der Art von Phyllis Roses „Parallel Lives“ (1984) vor, sondern beschäftigt sich darüber hinaus mit Arbeits- und Beziehungsmustern von Künstlern und Künstlerinnen, die für die Verbindung von Leben und Werk ausschlaggebend waren, sowie mit dem Künstlerpaar als Thema und Motiv der Kunst.

Nicht wenige Paare werden erst heute von einem größeren Publikum entdeckt, da oftmals die Frau - obwohl künstlerisch ebenbürtig - von der Kritik totgeschwiegen oder schlichtweg vergessen wurde. Für die Werkrekonstruktion des männlichen Teils steht eine üppige aus Katalogen, Dokumentationen und Ausstellung bestehende Basis zur Verfügung, während dies für den weiblichen Part zumeist nicht zutrifft. Als Muse, Geliebte, Zuarbeiterin oder posthume „Denkmalpflegerin“ sind die Frauen nicht selten „freiwillig“ hinter ihre Männer zurückgetreten - der Titel „Liebe macht Kunst“ somit zweifach lesbar.

Im frühen 20. Jahrhundert gehörten Künstler in ihrer Stilisierung zum Genie und Einzelgänger zu den hartnäckigen Befürwortern einer geschlechtsbezogenen Arbeitsteilung. So stand auch für Picasso die Betreuung durch Frauen, ihr Einsatz für seine Geschäfte an erster Stelle. Eigene Ambitionen seiner Partnerinnen, wie der Malerin Francoise Gilot und der Fotografin Dora Maar unterstützte er nicht. Nach einer Einführung in das Thema gehen im zweiten Teil des Buches verschiedene Autoren und Autorinnen auf das Paar als Gegenstand der Kunst ein und beschreiben einzelne Künstlerpaare, unter anderem Dora Maar und Pablo Picasso, Leonora Carrington und Max Ernst, Lee Miller und Man Ray, Georgia O´Keefe und Alfred Stiglitz. Im dritten Teil werden die über den Einzelfall hinausreichenden Voraussetzungen kreativer Freundschaften über einen größeren Zeitraum hinweg zum Thema. Hier ist auch der Platz für eine Bilanz, die Christiane Schmerl unter den bezeichnenden Titel „Kosten, Nutzen, Geschlechtermuster“ gestellt hat. Oder wie sagte Leonora Carrington im Alter, gefragt nach ihrer Liebesbeziehung mit Max Ernst: „Those were three years of my life! Why doesn´t anyone ask me about anything else?“ (Silvie Steiner)

Renate Berger (Hrsg.)
Liebe macht Kunst. Künstlerpaare im 20. Jahrhundert
Böhlau Verlag, 2000
432 Seiten, 146 SW-Abbildungen, gebunden, ATS 496,--
ISBN 3-412-08400-X

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