Folklore - Die staatliche Wetterlage

15. August 2001, 03:35
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"Journal des Verschwindens" (V)

Schon ab vier oder fünf Uhr früh wird, wer sich kurz informieren will, vom ORF intensiv und flächendeckend davon abgehalten. Er erfährt bei frischer ländlicher Musik die Wetterlage, den Zustand der Bergbahnen und Sessellifte, die Wintersicherheit von Schutzhütten. Rechts unten taucht auf dem Bildschirm der Umriss des kleinen Landes auf, um das es geht, die augenblickliche Windstärke ist 0 km/h.

Wer unausgeschlafen von der Arbeit kommt oder sie vor sich hat, wird vorerst über die Ski-Speciality-Möglichkeiten für Kids informiert und sieht sie auch gleich auf blitzenden Schneefeldern oder auf den grünen Matten unter unbeteiligten Steinwänden. Pulverschneewochen (also: ausgezeichnete Verhältnisse), Winterpauschalen, neu eröffnete Panoramarestaurants werden angekündigt. Manches im Bild des Landes erinnert an die Antwort, die einem höflichen Bewunderer einer Kindergesellschaft gegeben wurde: "Sie sollten sie erst auf den Fotos sehen!"

Nicht schlecht für diejenigen, die sich mit einem Patriotismus identifizieren, den man selbst Kleinkindern nicht abverlangen sollte, mit dem pauschalen Wunsch, ein "guter Österreicher" zu sein. Wie kann man das definieren? Der ORF macht es über Folklore am Tagesbeginn und mit "Taxi Orange" am Ende: Warten, Langeweile, bis ein Zeichen kommt, jemanden zum Liebling oder zum Hinausgestoßenen aus der Gruppe zu machen, einer "authentischen", deren Echtheit von der staatlichen Fernsehanstalt beglaubigt wurde: Langeweile, und worauf warten sie in "Taxi Orange" eigentlich wirklich? Auf Krieg? Auf gute Österreicher?

Vielleicht läuft die Definition auch über Texte von Volksweisen wie "Fein sein, beinander bleibn!", zweite Strophe: "Treu sein, nit aussischwappn!" Gefordert wird: Nur nicht umständlich nach Definitionen fragen, wer sie hinterfragt, sabotiert die Gemeinschaft, das Aufwaschwasser, zu dem er gehört. Keine Vereinzelung, keine Distanzierung.

Was sollen "die Leute" von uns denken? Die "Leute" denken inzwischen alles Mögliche, aber wer sind sie? "Leute" ist eine Fraternisierungsvokabel, jugendliche Gruppen verwenden sie gern, aber auch in Aussprüchen von Bundeskanzler Schüssel sind sie leicht vorstellbar. Was sollen "die" von "uns" denken? Sie denken, wie gesagt, inzwischen alles Mögliche. Und wer riskiert, für sich zu denken, hat es schon immer riskiert, allein zu bleiben.

Die meisten Stimmen haben sich immer schon die "Beieinanderbleiber" geholt. Aber auf längere Sicht definiert sich jedes so genannte Gemeinwesen doch eher durch diejenigen, die sich nicht unbedingt damit identifizieren: mit den "Aussischwappern".
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1. 12. 2000)

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