Neues zum Pferdepaß

4. Juni 2002, 16:03
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Schlachttier oder Nicht-Schlachttier — diese Frage muß jeder Pferdebesitzer im Pferdepaß entscheiden. Wir sagen Ihnen, welche Konsequenzen diese Festlegung für die Therapie eines Pferdes hat.
erschienen in PR 12/00, S. 37-39

Der neue Arzneimittelanhang — siehe PR 4/2000, S. 34 — und die Entscheidung "Schlachttier" oder "Nicht-Schlachttier" sorgen nach wie vor für Gesprächsstoff. Dr. Clemens Mahringer ist als Fachtierarzt für Pferde und FEI-Tierarzt mit den konkreten Auswirkungen dieser Entscheidung nicht nur praktisch konfrontiert, sondern hat sich auch theoretisch damit auseinandergesetzt.Pferderevue: Was hat der seit 1. Juli dieses Jahres vorgeschriebene Arzneimittel-Anhang im Pferdepaß aus Ihrer Sicht bewirkt? Ist seine Einführung positiv — oder hat er neue Probleme mit sich gebracht?Dr. Clemens Mahringer: Ich sehe die neuen Bestimmungen rund um den Pferdepaß und die Einführung des sogenannten Arzneimittelanhangs als grundsätzlich sehr positiven Schritt, weil damit eine wirklich paradoxe und unhaltbare Situation in der Pferdemedizin beendet wurde. Das muß man — bei aller Kritik an Details — schon deutlich sagen.Pferderevue: Welche Konsequenz hat die darin vorgesehene Erklärung des Pferdes zum Schlachttier oder zum Nicht-Schlachttier für den Tierarzt und seine Behandlungsmöglichkeiten?Dr. Mahringer: Man muß grundsätzlich zwei Dinge unterscheiden: Das eine ist das Lebensmittelrecht, das andere ist das Arzneimittelrecht. Wenn mein Pferd im Pferdepaß als Nicht-Schlachttier deklariert wurde, dann ist es aus allen lebensmittelrechtlichen Bestimmungen und Zwängen herausgenommen — weil es eben kein "Lebensmittel" mehr ist. D. h. es darf grundsätzlich mit allen möglichen Substanzen behandelt werden — auch mit solchen des Anhangs IV und darüber hinaus auch mit Wirkstoffen aus der Humanmedizin. In diesem Fall gibt es keinerlei Einschränkungen. Ist das Pferd als Schlachttier ausgewiesen, dann darf ich es unter keinen Umständen mit den im Anhang IV genannten Wirkstoffen behandeln — das waren ursprünglich elf Substanzen, darunter Chloramphenicol, ein Antibiotikum, und das bekannte Phenylbutazon, ein bei Pferden sehr gut wirksames entzündungshemmendes Mittel. Dazu kommen seit dem 1. Jänner 2000, nach dem Ende zahlreicher Übergangsfristen, weitere Substanzen wie z. B. das Acepromacin, ein häufig verwendetes Beruhigungsmittel, das Guaifenesin, ein äußerst wichtiges Mittel bei Operationen, weiters Salicylsäure, die z. B. im Aspirin enthalten ist etc. Alle diese Substanzen dürfen unter keinen Umständen bei einem Schlachttier angewendet werden — und für alle weiteren Medikamente gilt entweder die Wartefrist auf dem jeweiligen Beipackzettel oder, wenn dort keine Frist angegeben ist, eine Wartefrist von sechs Monaten. Pferderevue: Welche Behandlungsnachteile werden durch die Einschränkungen verursacht? Wie eingeengt sind die Therapiemöglichkeiten durch die Entscheidung, ein Pferd als Schlachttier zu deklarieren?Dr. Mahringer: Wie die genannten Substanzen ja zeigen, habe ich doch einige gravierende Nachteile. Ein ganz großes Problem gibt es sicher bei Notfällen bzw. Notoperationen. Hier muß man schnelle Entscheidungen treffen — und hat meist keine Zeit, sich mit dem Lebensmittelrecht detailliert auseinanderzusetzen oder eine Diskussion mit dem Pferdebesitzer, so er überhaupt vorhanden ist, zu führen, was man jetzt lebensmittelrechtlich tun kann, darf oder soll. Aus all diesen Gründen empfehle ich allen meinen Kunden dringend, ihr Pferd als Nicht-Schlachttier zu deklarieren.Pferderevue: Womit Sie aber im Widerspruch zur deutschen FN und auch zum österreichischen Bundesfachverband stehen, die ihren Mitgliedern ausdrücklich empfehlen, ihre Pferde als Schlachttiere zu deklarieren.Dr. Mahringer: Diese Empfehlung ist mir völlig unverständlich — und ich halte sie aus vielen Gründen nicht für nützlich. Die Pferde, mit denen wir alle es zu tun haben, sind doch wirklich kein Lebensmittel, sie sind unsere Partner im Sport, in der Freizeit, ja, im Leben schlechthin — und es sträubt sich alles in mir, sie zu Schlachttieren zu machen. Da habe ich auch ethisch ein Problem damit. Ich weiß natürlich, welcher Gedanke dahintersteht: Man fürchtet, daß über kurz oder lang die Entsorgung eines Pferdes in der Tierkörperverwertung kostenpflichtig sein wird, was sie derzeit ja noch nicht ist. Und da die Deklarierung als Nicht-Schlachttier endgültig und irreversibel ist, befürchtet man einerseits einen Nachteil im Falle des Verkaufes — oder die anfallenden Kosten beim Tod des Pferdes. Pferderevue: Sind das nicht nachvollziehbare Gründe, die man einem Pferdebesitzer und auch einem Verband durchaus zugestehen muß?Dr. Mahringer: Ja, aber mit Verlaub: Von welcher Größenordnung reden wir denn hier? Die Entsorgung eines erwachsenen Pferdes wird zwischen 2.000,— bis maximal 2.500,— Schilling kosten — was in Relation zu den Anschaffungs-, Haltungs- und Behandlungskosten des Pferdes ja ein verschwindend geringer Betrag ist. Wenn mir heute an einem Pferd wirklich etwas liegt, dann bin ich der letzte, der es zur Schlachtung gibt.Pferderevue: Wie schaut es mit Pferden aus, die als Nicht-Schlachttiere deklariert wurden? Dr. Mahringer: Hier ist die Behandlungssituation zweifellos wesentlich besser — denn man kann, wie gesagt, sämtliche lebensmittelrechtlichen Bestimmungen beiseite lassen, und das macht die Sache schon erheblich leichter. Selbstverständlich gibt es aber auch bei der Behandlung von Nicht-Schlachttieren gesetzliche Regelungen, namentlich des Arzneimittelrechts, die der Tierarzt zu beachten hat. Im allgemeinen ist das Arzneimittelrecht sogar noch rigoroser als das Lebensmittelrecht. Als Tierarzt darf ich grundsätzlich ein Pferd nur mit solchen Medikamenten behandeln, die ausdrücklich als Pferdemedikamente gewidmet sind. In einer Situation, in der ich kein solches für Pferde zugelassenes Medikament habe, kann ich Arzneimittel, die für andere lebensmittelliefernde Tiere zugelassen sind, umwidmen. Voraussetzung ist, daß ein "Therapienotstand" besteht und die sogenannte Kaskadenregel eingehalten wird. Pferderevue: Diese Regel besagt was?Dr. Mahringer: Diese Regel sieht vor, daß zunächst auf ein Arzneimittel zurückgegriffen wird, das entweder für eine andere Tierart oder für dieselbe Tierart, aber für eine andere Krankheit zugelassen ist. Gibt es eine solche Arzneispezialität nicht, so kann letztendlich auf eine nach tierärztlichem Rezept hergestellte magistrale Zubereitung zurückgegriffen werden. Eine weitere Alternative steht den Tierärzten mit der legalen Einfuhr eines in einem anderen EU-Land für Pferde zugelassenen Arzneimittels zur Verfügung. Diese Umwidmungen sind mit diversen gesetzlichen Auflagen verbunden. Aber auch in anderen Ländern verschwinden diese Arzneimittel, da selbstverständlich auch hier die Rückstandshöchstmengen ermittelt werden müssen, was die Pharmafirmen sehr viel Geld kostet. Und da der Absatzmarkt für Pferdemedikamente generell nicht sehr groß ist, werden sukzessive Medikamente vom Markt verschwinden, die für das Pferd zwar sehr gut und wichtig wären, für die aber kein ausreichend großer Markt vorhanden ist, um die ganzen Anlaufkosten, MRL-Wertermittlungen etc. refinanzieren zu können. Pferderevue: Droht da ein neuer "Therapienotstand" — nicht jetzt, aber in ein paar Jahren?Dr. Mahringer: Das könnte durchaus so sein, möglicherweise wird das für die gesamte Pferdemedizin ein großes Problem. Doch ist dies keine Folge des Pferdepasses, sondern eine der gesamten Arzneimittelrichtlinien, die allesamt wieder — als Schutzmaßnahme für den Konsumenten — auf die lebensmittelliefernden Tiere gemünzt waren. Deswegen finde ich solche Empfehlungen der FN oder des BFV auch in diesem Punkt kontraproduktiv: Denn da wird ja nicht zuletzt auch der Pharmaindustrie und der Politik signalisiert: Ja, eigentlich habt’s recht, das Pferd ist eh im Grunde ein lebensmittellieferndes Tier — und nur in wenigen Ausnahmefällen ist es das nicht. Das halte ich für die völlig falsche Botschaft. Pferderevue: Die auch wir nicht ganz verstehen … Dr. Mahringer: Ich möchte es so zusammenfassen: Wenn man sein Pferd als Nicht-Schlachttier deklariert, dann hat man einen Großteil aller therapeutisch-rechtlichen Fragen mit einem Schlag gelöst: Das Pferd kann umfassend behandelt und betreut werden, ohne daß der Besitzer oder der Tierarzt irgendwelche juristischen Bedenken haben müssen. Darüberhinaus sind allfällige arzneimittelrechtliche Fragen ohnehin primär vom Tierarzt zu lösen — für den Pferdebesitzer ist das eher sekundär. Noch ein Punkt, der mir wichtig erscheint: In Deutschland gibt es bereits eine verpflichtende aktive Kennzeichnung des einzelnen Pferdes mittels Chip oder Kaltbrand als begleitende Maßnahme zum Pferdepaß. Das halte ich für sehr vernünftig und sollte meiner Meinung nach auch in Österreich rasch eingeführt werden. Ein Paß ohne eine vollständige Identifizierungsmöglichkeit des einzelnen Pferdes ist nur eine halbe Sache. Auch für die weitere Überprüf- und Identifizierbarkeit des Pferdes ist diese aktive Kennzeichnung ein Schritt nach vorn: Die Pferde werden sozusagen "nachvollziehbarer", der Käufer erhält mehr Informationen über das Pferd, das er erwerben möchte. Das ist für den Konsumenten sicher gut — für den Handel mag es ein Problem werden. Pferderevue: Wir danken für das Gespräch.Das Interview mit Dr. Clemens Mahringer führte Leo Pingitzer.
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