Kubanisch Aussitzen

31. Mai 2005, 12:49
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"Ernesto" Hemingway, "El Che"? Diesmal nicht (nur), sondern ein Blick auf das koloniale Erbe Kubas, zwischen Verfall und Restauration. Von Havanna nach Trinidad

Vom "herrlichsten Land, das menschliche Augen je erblickten" schwärmte Kolumbus, als er im Jahr des Herrn 1492 in Kuba landete. Ob die heutigen Besucher der Karibikinsel deshalb kommen, weil sie des Genuesers Meinung teilen, ist nicht gewiss. Gesichert hingegen ist, dass jene zwei Millionen Gäste, die heuer auf Kuba landen, sich aus Havanna und diversen abgeschotteten Sandstrand- & Sonne-Ghettos wie Varadero kaum hinaus bewegen. Der inselerkundende Individualtourist bleibt Minderheit. Gut so. Und auf die Frage, ob es politisch korrekt sei, den Castro-Kommunismus als Devisenbringer zu unterstützen, wollen wir hier nicht näher eingehen.

Havanna pflegt seine Klischees und vermarktet sie professionell. An jeder Ecke eine Bar mit Buena-Vista-mäßiger Live-Musik, jede zweite pocht darauf: "Hemingway, ,Ernesto', was here". So übers Land gerechnet: Was muss der Mann gesoffen haben! Noch aufdringlicher verfolgt wird man vom anderen Ernesto, Guevara, "El Che". Hauruck-analytisch betrachtet, steht der Devotionalienkult wohl in direkter Nachfolge des kolonial-spanischen Katholizismus. Fidels Propagandamaschine gibt dem Volk Revolutionslegenden als Heiligenersatz. Die Kubaner sitzen's aus. Solange die Fremden "Che"-Shirts kaufen.

Die institutionell gepflegten Mythen der Zeitgeschichte liegen wie eine dicke Wolke über der Vergangenheit, obwohl die allgegenwärtig ist. So wie in La Habana Vieja, Havannas Altstadt. Seit Jahren wird versucht, dem Verfall Einhalt zu gebieten. Zwiespältigen Eindruck hinterlässt die Restauration dennoch, von einer nach "westlichen" Kriterien kann nicht die Rede sein, auch von der Renaissance der alten Pracht lässt sich nur mit gutem Willen sprechen. Immerhin: besser als verfallen lassen. Es gibt halt nur beschränkte Mittel, und auch die Wertschätzung des Vorrevolutionären will erst neu gelernt sein.

Die Uferpromenade Malecón, wo tagsüber die Kids ins Meer springen und abends die Verliebten nicht nur Händchen halten, ist optimale Ausgangsbasis zum Reinflanieren in das früher so mondäne Alt-Havanna. Schlendert man zunächst die Malecón-Verlängerung hinunter, die Avenida del Puerto, ist das Castillo de la Real Fuerza der beste Startplatz. Rundherum gruppieren sich die bedeutendsten historischen Denkmäler, etwa die imposante barocke Kathedrale von 1777. Deren guter Erhaltungszustand ist aber eher die Ausnahme, überall auf Kuba hat man mit besonderer revolutionärer Begeisterung Kirchen, Klöster und damit viel kulturelles Erbe gnadenlos vergammeln lassen.

Immerhin, das Bild des Verfalls hat karibischen Charme, und auf den Straßen herrscht quirliges Leben. Weil kaum jemand sich die Segnungen der Unterhaltungselektronik leisten kann, spielt in jeder Kneipe eine Band, während man genüsslich Mojito oder Caipirinha schlürft. Die Völkerverbindung klappt, keiner ist lang allein am Tisch, überall gesellen sich "Young-Caribbean-women-in-search-of-real-true-deep-friendship-for-day-and-night-but-only-one", wie es einmal jemand feinfühlig ausgedrückt hat, dazu.

Zurück in die koloniale Vergangenheit. Auf dem Weg Richtung Osten, nach Cienfuegos,

bekommt man einen kleinen Eindruck dessen, was Kolumbus mit seinen oben angeführten Worten gemeint haben könnte. Grandiose tropische Vegetation, wo sie nicht endlosen Zuckerrohr- oder Tabakplantagen Platz machen musste. Cienfuegos liegt im Süden Zentralkubas. Wörtlich übersetzt: "Hundert Feuer", benannt nach dem spanischen Gouverneur José Cienfuegos. Allerdings, das macht den Charme der Stadt aus: Sie wurde 1819 vom Franzosen Louis de Clouet gegründet, die vielen Parks, Arkaden, Boulevards und Herrenhäuser muten heute noch französisch an. Der Eindruck der Zeitreise verstärkt sich noch, wenn man auf das Hauptfortbewegungsmittel der Einheimischen, die gute alte Pferdekutsche, zurückgreift.

Wenn als Verweildauer für Cienfuegos ein Tag empfohlen werden kann (zu viel Industrie rundherum), so lässt es sich 80 Kilometer weiter östlich, im schmucken Kolonialstädtchen Trinidad, viel länger aushalten. 1514 gegründet, handelt es sich um die drittälteste Stadt Kubas. Von hier aus soll Hernán Cortés zur Eroberung des Aztekenreiches aufgebrochen sein. Die ganze Kommune, die sich um die Plaza Mayor mit den Anwesen der früheren reichen Herren gruppiert, ist Unesco-Weltkulturerbe und außerdem praktisch eine einzige Fußgängerzone. Mit holprigen Wegen, schattigen Arkadengängen, gut erhaltenen Mahagonibalustraden.

Sklavenhandel, Zucker und Schmuggel waren ausschlaggebend für den Reichtum, und dass der Ort nicht von Piraten zerstört wurde, ein Schicksal vieler Städte auf Kuba, steht ebenfalls auf der Habenseite von Trinidad: Selten sieht man hier ein so einheitliches, geschlossenes architektonisches Ensemble. Wer die Calle Simón Bolívar hinauf schlendert, sollte den Palacio Cantero besichtigen, heute Sitz des Museo Histórico Municipal. Vom Turm aus hat man einen tollen Blick. Wie hoch es hier früher her gegangen sein muss, zeigt das Badehaus: Ein Brunnen spuckte Duftwasser für die Damen aus - und Gin für die Herren. Salud! Andreas Stockinger
Infos: Österr. Verkehrsbüro, Tel. 01 / 58 800 / 0.

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