Der Friedhof der Namenlosen

15. August 2001, 03:34
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"Journal des Verschwindens" (IV)

Every night as I gazed up at the window I said softly to myself the word paralysis" (James Joyce, Dubliners): Dieser Einsicht kann man nichts hinzufügen. Außer vielleicht den Eindruck von Nikolaus Geyrhalters Dokumentarfilm Angeschwemmt, vorgestern, bei sonst extrem dürftigem Kinoprogramm, im Westbahnhof, in einem provisorischen, bald wieder verschwindenden Kino.

In der zugigen offenen Halle sind gerade noch zwei Plätze in der ersten Reihe frei. Der Platz links von mir bleibt frei, rechts unterhalten sich zwei Strizzis, einer davon spricht durchgehend, er unterbricht sich kaum, behält aber aggressiv und sprungbereit die Leinwand im Auge. Vorspann gibt es keinen, auch keine Werbung, nicht einmal, statt des Löwen von Metro Goldwyn Meyer, die Einschaltung "Sie befinden sich in einem Wiener Kino". Das wäre hier auch ziemlich daneben.

Die Personen dieses Films sind keine Darsteller, auch keine Laiendarsteller. Es sind auch nicht viele, zwei oder drei Hilfsarbeiter, ein Fischer, ein Leichenbestatter, ein Nationalparkwächter und Vielredner, der den Friedhof der Namenlosen in Albern und die Au niemandem gönnt, am wenigsten den Wienern, die ihn in Wut bringen. Dieser Wächter weiß, wozu es bei ihnen reicht, sie kommen von weit her (eben aus Wien), zerstampfen die Wiesen, durchbrechen den Auwald, reißen aus dem Boden, was er hergibt. Zurück bleiben verschreckte Vögel, Butterbrotpapiere und Verwüstung. Die armseligen Blumen sind ausgerissen und verstreut, Albern wird sich nie mehr erholen, liegt da wie nach einem schlechten Traum.

Aber da hat er Unrecht. Albern kann mit Träumen besser umgehen als Grinzing oder Kaltenleutgeben, es ist von Träumen erfunden. Der Leichenbestatter, weißhaarig und barhäuptig, im langen Mantel, spricht von den Toten wie von heranwachsenden Kindern, denen man zu einer halbwegs möglichen Zukunft verhelfen sollte. Er hat sie aus dem Wasser geholt, gewaschen, getrocknet und begraben. Die Donau ist großzügig wie er, nimmt jeden und gibt ihn wieder her, auch wenn keiner nach ihm verlangt. Die Eltern eines 34-jährigen Selbstmörders haben die üblichen Blumen gebracht und sind ratlos, wie sie gekommen sind, wieder gegangen.

Josef Fuchs, der Leichenbestatter, spricht von einem seiner Schützlinge, der sich, ehe er in die Donau ging, von der Schwedenbrücke stürzte und am Kopf verletzte. Fuchs begräbt genug aus der Landschaft, aber Umwege, hastige Versuche quittiert er mit Kopfschütteln. Sobald er ins Bild kommt, hält sogar der rechts von mir einen Augenblick lang den Mund, ehe er wieder loslegt: "War ma zu koit, des Wossa", und: "Hat eh Glück, wann er koa Oide hot, die wos eam zruckhoit."

Ein rumänisches Wohnboot taucht auf ("Zülln sogt ma", bemerkt er kritisch). Es ist ein langes solides Boot, blank gescheuert wie U-Boote, ehe sie torpediert werden. Von den beiden an Deck spricht nur die Frau: "Vier Kinder in Rumänien, sieben Enkel, was soll man tun?" Der Mann sagt nichts, er ist der Captain, aber kein Wort von "O Captain, mein Captain". Stattdessen und ohne die Frage abzuwarten die Frau: "Wovon wir leben? Nicht vom Geld, wir leben von den Hühnern." Die sind auch an Bord, ratlos wie auf dem Bauernhof. "Manchmal gibt's Hühnerschnitzel, sonst nur Eier." Sie ist zufrieden.

"Soi se a Tussi nehmen, der Captain, die Oide losst eam net aus", sagt der neben mir gegen Ende des Films. Die Pulkauer Weinstuben schräg gegenüber, die jeden begrüßen, der aus Saalfelden oder Paris kommt, wirken trüb, halb verdunkelt, sie stellen sich tot. Man sollte sie nicht wecken, auch wenn es dem Film gemäß wäre, den man eben für immer verlassen hat. Aber er bleibt im Kopf. Die Donau und ihre Au haben andere Prioritäten geschaffen. Wie die Hühner auf dem Wohnboot.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24. 11. 2000)

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