Europäische Polizistinnen vernetzen sich

19. November 2001, 21:16
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Die Präsidentin des Europäischen Netzwerks für Polizeibeamtinnen (EPS)Anna-Lena Barth und die Direktorin des EPS-Niederlande Fancie van de Beek im dieStandard.at-Interview

Das Europäische Netzwerk für Polizeibeamtinnen (ENP) wurde 1989 in den Niederlanden gegründet. 18 europäische Länder und mehr als 2500 Einzelpersonen sowie etwa 50 Polizei-Organisationen gehören dieser gemeinnützigen Organisation an. Das Hauptziel der ENP ist die Verbesserung der Position von Polizeibeamtinnen in den europäischen Polizeikorps.

dieStandard.at: Was sind Ihrer Meinung nach die größten Probleme der Frauen innerhalb der Exekutive in Schweden, den Niederlanden und Europa?

Barth: Ich arbeite bei der Stockholmer Polizei. Wir haben dort 25 Prozent Frauen, im ganzen Land sind es 17 Prozent. Wir sind 4500 Polizisten und 1150 davon sind Frauen. Das heisst, wir haben viele Probleme, die die Frauen in der österreichischen Exekutive haben schon vor Jahren hinter uns gelassen. Das liegt daran, dass wir schon sehr lange Frauen in der Polizei haben. Und ich glaube wenn Frauen in die Polizei kommen, dann gibt es einige Entwicklungsstadien. Das ist wie eine Leiter, die erklommen werden muss. Also jede geht durch die selben Probleme und Fragen. Österreich wird vielleicht in 40 Jahren dort sein, wo Schweden heute ist. Viele dieser Fragen und Dinge, die hier heute getan werden, haben wir schon in den 70er Jahren getan. Und das ist ein natürlicher Prozeß. Wir können Tipps aus unserer Erfahrung geben. Die ENP kann sich Projekte ansehen und schauen, ob solches schon anderswo versucht wurde.

Beek: Ich glaube die Niederlande und Schweden sind etwa im selben Sstadium. Ich habe gerade eine Untersuchung abgeschlossen über die Kultur in den Polizeiorganisation. Wir haben viele Frauen in den Polizeischulen, aber dann scheinen sie zu verschwinden. Nach drei, vier Jahren entscheiden sie sich für einen andern Beruf. Das grösste Problem, das wir herausgefunden haben ist, dass sie sich nicht an diesen Kulturwechsel gewöhnen können. Die Frauen sehen sich denselben sexuellen Belästigung gegenüber wie sieben Jahre zuvor, als wir die letzte Untersuchung gemacht haben. Wir haben alles auf dem Papier, aber jetzt ist die Zeit es auch durchzulesen. Aber diese Dinge dauern Jahre, es ist nicht leicht eine einfache Lösung zu finden, das ist ein Prozeß.

dieStandard.at: Wohin sollte sich diese Kultur verändern?

Beek: Zu einer mehr geachteten Organisation, die mehr Platz für individuelle Initiativen und Entwicklungsmöglichkeiten bietet, weniger männerdominiert ist und wo weniger sexuelle Belästigung vorkommt. Eine mehr serviceorientierte Polizei-Organisation anstatt einer kontrollierenden in der Vergangenheit.

Barth: Alle realisieren, dass das wichtigste in einer Polizeistation die Menschen, die dort arbeiten sind. Wenn die Menschen ihre Arbeit nicht mögen, dann kündigen sie. Und das ist das Problem, das die Polizei heute hat. Das ist sehr teuer, denn es kostet viel Geld einE PolizistIn auszubilden. Aber wenn die Menschen dann nicht in diesem Beruf arbeiten wollen, weil sie die Organisation nicht leiden können, dann kann es keine Polizei geben. Ich kann ein Beispiel aus Schweden geben: wir machten eine Studie über sexuelle Belästigung, die erste Studie zu diesem Thema in Schweden. Ein Ergebnis dieser Studie ist, dass letzte Woche ein Männer-Netzwerk gegründet wurde, wo Männer aus ganz Schweden waren, die Vorbilder für andere Polizisten sein werden und verrsuchen gegen sexuelle Belästigung innerhalb der Polizei zu kämpfen. Mit sexueller Belästigung meinen wir typische Dinge, die zum Beispiel auch in dem Video heute gesagt wurden. In Schweden, den Niederlanden und vielen anderen Ländern würde das sexuelle Belästigung an einer Polizistin heissen oder zumindest Geschlechterdiskriminierung.

Beek: Wenn in den Niederlanden ein Mann so sprechen würde, würde er nicht mehr in der Polizei angehören.

Barth: Ein Mann kann nicht sagen, dass es nicht mit Frauen arbeiten will, dass es nicht funktioniert. Dann würde ihm gesagt werden: "Es ist deine Einstellung, die falsch ist, es ist nicht die Frau, die ein Problem hat. Du hast ein Problem. Und vielleicht sind wir nicht interessiert dich als Polizisten zu haben. Denn wenn du diese Einstellung gegenüber den Kolleginnen hast, wie kannst du dann in einer Gewaltsituation im häuslichen Bereich umgehen, kannst du wirklich ein guter Polizist sein gegenüber der Frau, die von ihrem Mann geschlagen wurde?" Die Person, die so etwas in Schweden sagt ist karrieremäßig tot.

Beek: In den Niederlanden gibt es kein männliches Netzwerk. Aber in unseren jünsten Untersuchungsergebnisse zeigen, dass Frauen auch Dinge wie Posters von nackten Frauen oder Pornovideos stören. Aber es gibt eine größer werdende Gruppe von Männern, die die sexuelle Atmosphäre in der Polizei sehr stört. Aber die Männergruppe in Schweden ist einzigartig.

Barth: Ja, aber ich denke wir müssen das vorantreiben. Das ist eine Entwicklungssache und man könnte es nicht morgen hier in Österreich machen. Ich glaube, es würde nicht funktionieren. Man muss durch die Phasen durch.

dieStandard.at: Was war Ihre persönliche Motivation Polizistin zu werden?

Beek: Ich bin Zivilistin.

Barth: Ich habe es nicht geplant. Ich hörte davon als ich Soziologie an der Universität studierte. Ich pausierte ein Jahr mit dem Studium und währenddessen machte ich die Ausbildung. Und dann dachte ich: jetzt habe ich eine Ausbildung, ich brauche Praxis. Ich habe da nie geplant. Und hier bin ich 31 Jahre später arbeite ich noch immer. Und ich denke noch immer, vielleicht sollte ich zurück zur Universität gehen. Aber ich liebe meinen Job und ich werde nie wieder wechseln. Es war die beste Entscheidung, die ich jemals in meinem Leben machte.

dieStandard.at: Welche Aktivitäten macht die ENP?

Barth: Wir waren unter den ersten, die sich mit Gewalt gegen Frauen beschäftigten. Im MOment konzentrieren wir uns gerade darauf, wie eine Organisation von Frauen profitieren kann. Alle Polizei-Organisationen weltweit haben ein Rekrutierungsproblem, sie haben die Forderungen der Gesellschaften sich an die veränderte Welt anzupassen. Und sie wissen wirklich nicht, wie sie es tun sollen und zwar deswegen, weil sie genauso denken. Es braucht einen anderen Blickwinkel dafür und die Frauen können das sein

Beek: Wir machen jedes Jahr ein Karriere-Entwicklungs-Seminar für Frauen in Führungspositionen. Denn speziell in Führungspositionen sind Frauen oft isoliert. Es geht dabei sowohl um ein Management-Training als um den persönlichen Austausch. 2002 wird die nächste grosse Konferenz zum Thema Menschenhandel in Deutschland stattfinden.

dieStandard.at: Machen Sie spezielle Aktivitäten zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen?

Beek: Dieses Thema ist in alle unsere Aktivitäten integriert.

Barth: Wir sind Polizistinnen, die in der Polizei arbeiten. Einige sind Männer und einige sind Frauen. Aber sie sind immer PolizistInnen. Es gibt nicht Polizisten und Frauen, die Polizistinnen spielen.

Das Interview führte Elisabeth Boyer

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