"Der is liab, der Weihnachtsmann", sagt die sonst eher gemessene Dame in der Trafik ...

15. August 2001, 03:33
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"Journal des Verschwindens" (III)

"Der is liab, der Weihnachtsmann", sagt die sonst eher gemessene Dame in der Trafik am kalten Stephansplatz zu einer Kundin. "Wirklich liab, man muss sich mitfreuen!" - über den in Stanniolpapier gewickelten, seriell hergestellten Schoko-Weihnachtsmann. Jetzt gibt es sie schon, und in der Innenstadt flammen, auch serienweise, die Lichterketten auf. Drei kleine Buben spielen auf den Stufen zum Palais des Erzbischofs. Sie interessieren sich offenbar weder für das unglaublich fest verschlossene Tor noch für die grellen Lichterketten an diesem frühen Morgen.

Die Order der Trafikantin, sich zu freuen, ist an ihnen abgeprallt. Vergnügt ziehen sie sich gegenseitig die Wollmützen von den frisch frisierten Köpfen. Die befohlene Weihnachtsfreude - das dazugehörige Geschäft beginnt immer früher - bricht wie die meisten Katastrophen ohne Sinn für das genaue Timing aus. Die drei Kleinen wirken demgegenüber cool, autark und wenn "liab", so keinesfalls "wirklich liab". Vermutlich werden sie später weder "wirkliche" Geheimräte noch Präsidenten oder Bundeskanzler werden: Wer Jobs dieser Art erstrebt, sieht schon in der Vorschule danach aus, eifrig, wendig, staatstrauerbereit.

Die drei Buben, die sich eben verziehen, sehen eher nach kleinen Deserteuren aus. Deserteure neigen sicher schon früh dazu, von geforderten Gemeinsamkeiten abzuweichen. Sollte einer von ihnen später füsiliert werden, kommt vermutlich niemand darauf, Staatstrauer zu erwägen oder anzuordnen und eine Gemeinschaftlichkeit, Einigkeit, Treuherzigkeit einzufordern, die nie da war.

Die Katastrophe von Kaprun, die man, wie früher die Operetten- und Hans-Moser-Filme, gerne zur Selbstdarstellung verwenden möchte, ist dazu absolut unbrauchbar - auch wenn das österreichische Fernsehen eher auf Einblendungen der Stimmauszählungen zwischen Bush und Gore verzichtete als auf die authentischen Berichte aus Kaprun: Landeshauptleute, Streckenexperten und Koordinationsinstanzen aus dem Management, dazwischen ratlose Bürgermeister, Landeshauptmannstellvertreter, Neuauszählungen von Toten. Skitouristen - ihre Kleidung und Ausrüstung war dem Wind und der Kälte gewachsen, nicht dem Feuer. Die technischen Sicherungen in der Seilbahn halfen nur dem Unvorhersehbaren, erinnerten an Aufschriften in altmodischen Liften: "Bei Brandgefahr die Installationsfirma verständigen."

Wie bei der Weihnachtsmannfreude wird jetzt Einhelligkeit gefordert, aus allen Ecken dröhnt beflissen "Staatstrauer"! Aber: Jeder ist für sich allein gestorben. Allgemein sind nur die Tourismusindustrie und die Spiele dieser Regierung.

Die Identifikation mit absurden Zuständen und Leiden setzt Einsamkeit voraus: Die anlässlich von 160 qualvoll zugrunde gegangenen Skitouristen ausgerufene Staatstrauer war dagegen wie der innen hohle Weihnachtsmann: Beitrag zum Geschäft. Der Staat fordert gemeinsame Tränen, während er gleichzeitig den Zurückgebliebenen mit einem Federstrich die Renten senkt. Deshalb, immer wieder: weg von den gerissenen Spielen zu den eigentlichen, die den Schmerz nicht betäuben und es gerade deshalb damit aufnehmen können.

Nicht jeder wird Büchner lesen. Aber einige sollten im Imperialkino in Werner Herzogs Woyzeck tragfähigere Wirklichkeiten sehen und das aktivieren, was auch in schlimmen Fällen getan werden kann: nicht mitmachen. Alle starren bei Büchner als Gruppe den Außenseiter an, uninteressiert, sadistisch wie Regierungen. Plötzlich Sätze von einem Holzgerüst: "Wozu Schneider, Schuster, Bäcker, wenn keine Menschen, wofür Leichenträger, wenn keine Leichen."

Im Kino sieht man das grüne Maisfeld, durch das Klaus Kinski watet, den stillen Teich, in dem er das Mordmesser versenkt. Der "ächte Mord" ist geglückt. Alle haben Woyzeck allein gelassen, doch beim Unglück sind sie alle wieder geschlossen dabei, Voyeure, teilnahmslose Mitmacher, frühe Medien- und Staatskonsumenten.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17. 11. 2000)

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