Abstecher nach Atlantis

13. Mai 2005, 13:19
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Unterwegs in Sackgassen und auf den Spuren von Christoph Columbus: ein Ausflug zu Madeiras unbekannter Schwesterinsel Porto Santo

Rückwärts rumpelt der Jeep aus der schmalen Altstadtstraße in Vila Beilara heraus und schrammt dabei haarscharf an den mal weiß, mal türkis, mal hellblau gekalkten Hauswänden vorbei. Der alte Mann auf dem Stuhl vor seiner Veranda kennt das schon und lächelt abgeklärt. Voller Gottvertrauen zieht er nicht einmal die Füße ein, wenn der Wagen an ihm vorbeifährt. Zwei-, dreimal am Tag wiederholt sich das Szenario vor seiner Haustür: immer dann, wenn Touristen per Leihwagen auf Inselerkundung gehen und seine Straße "ausprobieren".

Auf Porto Santo fehlen sämtliche Sackgassen-Schilder: kein Hinweis darauf, dass die Piste wieder vor einer Mauer endet, kein (An-)Zeichen dafür, dass sie nach der nächsten Kurve aufs Meer trifft oder nur in den ersten Berg entlang der Route ein Tunnel gesprengt wurde, nicht aber in den nächsten.

Wahrscheinlich dachte man, die Insel sei so klein, dass man auf jeden Sackgassen-Hinweis verzichten könnte. Das nur 41 Quadratkilometer große Eiland ist eineinhalb Flugstunden vom europäischen Festland entfernt. Zweieinhalb Stunden dauert es mit dem Schiff bis zur Schwesterinsel Madeira, zwanzig Minuten mit kleinen Propellermaschinen.

Die Bewohner Madeiras sind neidisch auf das, was die kleinere Schwester zu bieten hat: neun Kilometer feinsten Sandstrand, während Madeira ganz ohne Strände auskommen muss. Wie eine riesige Saharadüne, die es über tausende Kilometer hierher geweht hat, zieht sich der Dünenstrand von Ponta da Calheta bis Vila Baleira die Südküste entlang. Madeira hat die Prominenten, die Stars und macht das große Geschäft mit dem Urlaub. Porto Santo hat den Sand, die große Stille, die Wildheit, die Urtümlichkeit und bekommt doch nur ein winziges Stück vom großen Kuchen des Tourismus ab. Die meisten Fremden sind Tagesbesucher, die mit Flugzeug oder Fähre für ein paar Stunden herangeschaukelt kommen, sich Fahrrad oder Auto mieten und die Insel der Stille im Schnelldurchgang erkunden. Etwas Geld lassen sie allenfalls in den kleinen Restaurants, kaum in den wenigen Hotels.

Christoph Columbus' Fußspuren sind längst von den dunkelblauen Atlantikwellen

davongespült worden. Vor über einem halben Jahrtausend lebte der spätere Entdecker Amerikas auf Porto Santo. Hier heiratete er 1478 Filipa Moniz, die Tochter des portugiesischen Inselgouverneurs. Hier entdeckte er am Strand bis dato unbekannte braune Bohnen von der Größe einer Kinderfaust, die von der Strömung hierher getragen und angespült wurden. Und hier reifte in ihm die Überzeugung, dass weit im Westen noch Land sein müsse, wenn Schwemmgut von dort nach Porto Santo gelangen könne. 1492 machte er sich dann auf die Suche nach einem westlichen Seeweg nach Indien und entdeckte dabei aus Versehen Amerika.

An der Ziegelsteinwand des Hauses von Columbus mitten im Zentrum von Vila Baleira lehnt an diesem Nachmittag ein Motorrad. Der Fahrer flirtet eine Straßenbiegung weiter im Café mit jungen Damen aus Porto Santo. Auf der Parkbank gegenüber schläft ein Mann mit Baskenmütze in der Nachmittagssonne. In sein Gesicht hat das Leben so tiefe Spuren gemeißelt, dass man ihn gerne fragen würde, wie das denn damals mit Columbus wirklich gewesen sei. Das Wohnhaus des Christoph Columbus ist die größte touristische Sehenswürdigkeit der Insel - gründlich restauriert, mit gepflegtem Garten als wäre der Hausherr erst vor ein paar Minuten fortgegangen, mit Palmen, unter denen er wahrscheinlich Seekarten studiert hat. Das schwere Gittertor zum Hof ist verschlossen, denn zur Besichtigung geöffnet ist das Anwesen nur offiziell nach festem Zeitplan und inoffiziell, wenn der Wächter gerade Zeit hat. Die Einheimischen kennen es alle, und Touristen kommen außerhalb der sommerlichen Hochsaison nicht viele. Eigentlich müsste man die Armbanduhr gleich bei der Ankunft am Flughafen abgeben, denn der Tag wird hier nicht in Stunden und Minuten gemessen, sondern nur nach Anfang und Ende. Nach Sonnenauf- und Sonnenuntergang.

Die schroffen Berge der Ostküste, die Spitzen des Pico do Macarico, des Pico Branco und des Pico do Concelho,

um die herum sich schmale Serpentinenstraßen winden - sie sind die Gipfel von Atlantis. Die letzten Erhebungen des vor Jahrtausenden versunkenen Kontinents, die noch aus dem Wasser des Atlantik ragen. Davon jedenfalls ist die Engländerin Heather Woods Krohn überzeugt, die in einer umgebauten Windmühle auf der Insel lebt und jede Sage kennt. Sogar von einer geheimnisvollen Mauer weiß sie, die angeblich auf dem Grund des Atlantiks von Porto Santo bis zu den Bahamas verläuft. Sie erzählt von magischen Stellen, geheimnisvollen Erdströmungen auf der Insel.

Die schrullige alte Lady mit dem englischen Humor ist vor zwanzig Jahren nach Porto Santo gezogen und hat sich daran gewöhnt, dass ihre Freunde aus England und Amerika nichts mit dem Namen der Insel anfangen können und sich hilflos über eine Weltkarte beugen. Auf der Visitenkarte der ehemaligen Fernseh-Korrespondentin steht deshalb als Adresse "Porto Santo/near Island of Madeira". "Man muss den Menschen einen Anhaltspunkt geben", sagt sie schulterzuckend und freut sich gleichzeitig, so weit abseits zu leben. "Die Landschaft hier ist afrikanisch. Die Mentalität aber ist nicht Afrika, nicht Europa, sondern schlicht einmalig. Ein neues Jahrtausend? Na und! Wichtiger ist doch, in welcher Bar es den besten Kaffee gibt!" Heather beklagt den ewigen Wind, der vor allem in den Wintermonaten über das fast baumlose Eiland peitscht. Sie beklagt die schmalen, holprigen Straßen, die vielen Sackgassen - und doch möchte sie nur auf dieser Insel mit ihren 5000 Einwohnern, von denen jeder jeden kennt und viele irgendwie miteinander verwandt sind, bleiben: "Wir sind wie eine große Familie."

Zu dieser gehören auch die Fischer von Vila Baleira. Jeden Abend ziehen ihre Boote als Lichtpunkte aufs Meer hinaus, bis der Horizont sie schluckt. Jeden Abend stehen die Frauen vor den Häusern und beten, dass ihre Männer zurückkommen mögen, wenn sie zur Fangfahrt irgendwo über Atlantis auslaufen und auf die Jagd nach Degenfischen gehen - eine Rarität aus der Tiefsee, die die Fischer erst vor etwa 150 Jahren durch Zufall entdeckt haben und an extrem langen, hakenbesetzten Leinen aus fast 2000 Meter Wassertiefe ans Tageslicht befördern. Abgründe, in denen man Leben bis dato nicht für möglich gehalten hatte. Dort unten, weiß man inzwischen, schillert der Fisch strahlendblau, an der Oberfläche ist er pechschwarz: eine Folge des Druckunterschieds.

Jedes Jahr im Herbst wird es eng im kleinen Hafen von Vila Baleira. Dann tummeln sich dort die geistigen Nachfahren von Christoph Columbus: Segler am Ausgangspunkt ihrer Atlantik-Überquerung, Yachten mit Kurs auf die Karibik. Sie warten auf die Entwarnung der Meteorologen und das Ende der Hurrikan-Saison an der gegenüberliegenden Atlantikküste. Die Zeit vertreiben sie sich damit, bunte Bilder auf der grauen Kaimauer zu hinterlassen und mit dem Namen ihres Schiffes zu signieren. Bevorzugte Motive: Palmen, Sonnenuntergänge, süßes Nichtstun. Porto Santo eben. Helge Sobik

Infos: Portugiesisches Touristikzentrum, Opernring 1, 1010 Wien,
Tel. 01/ 585 44 50, Fax 01 / 585 44 45. Buchtipp: "MERIANlive Madeira" mit ausführlichem Porto Santo-Teil.

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