Die Klage der Steine - Geheimnisse britischer Klosterruinen

30. Mai 2001, 15:37
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Kendlbacher, Ralph

Im Mittelalter galten die Klöster als »Hörsaal des Heiligen Geistes«. Sie waren Schnittstellen zwischen dem Dies- und dem Jenseits. Deren Ruinen sind heute noch Mahnmale und Erinnerung an eine Zeit der Zerstörung und Vernichtung.

England im Jahre 1529. Die Ehe von Heinrich VII. und Katharina von Aragon liegt in den letzten Zügen. Katharina ist nicht in der Lage, ihrem Gatten einen männlichen Thronfolger zu gebären, und Heinrich hat längst eine andere auserkoren: Anna Boleyn. Der folgenreichste Scheidungsprozeß der Weltgeschichte begann. Das Ergebnis ist Geschichte: Heinrich löste sich von der katholischen Kirche und schuf seine eigene, die »Church of England« was ihn zum »Oberhaupt der englischen Kirche unmittelbar unter Gott« machte. Dabei hielt er der so auf Korrektheit bedachten Kirche den Spiegel vor. Die Suprematsakte 1534 forderte von Beamten und Geistlichen den Eid, Heinrich als obersten Landes- und Kirchenherren anzuerkennen. Für viele Orden war dies ein Unding. Die Loslösung von Rom war eine Reform ohne Reformation - in Dogma und Kultus sollte die englische Kirche katholisch bleiben. Eckstein des gesamten Rechtsgebäudes war der «Act of Appeals«, es besagte, dass das englische Königreich »allein von seinem Oberhaupt und König« regiert wird. Außerdem erweiterte es enorm die königlichen Befugnisse, die alsdann nach Bedarf von Heinrich und seinen Nachfolgern ausgedehnt wurden. Thomas Cromwell war Kopf des Kirchenbruchs und sein Ideengut bestimmte die totale Herrschaft des Monarchen über die Kirche. Mit dem Suprematseid verstieß Cromwell die Papstkirche aus England und verbannte sie nach Rom. Er machte die Klöster der Lehrmeinungen Roms unschädlich und deren Reichtümer wanderten in die Schatulle der Krone. Heinrichs Machtbasis war durch den Kirchenausschluß angegriffen und der Stellvertreter Petri versagte ihm die Legitimation. Seine Macht war nicht mehr gottgewollt. Deren Statthalter weilten indes noch auf der Insel: Es waren dies die 800 Klöster (Zisterzienser, Benediktiner, Prämonstratenser, Augustiner, Cluniazenser, Karthäuser, Dominikaner) des Königreiches, Horte der öffentlichen Meinung und somit eine Gefahr für den König und sein Reich. Des Königs treuester Vasall aber handelte nach dem Motto »Jeder Abt ist ein kleiner Papst« und setzte zum Klostersturm an.

Diese bildschönen Ruinen zeugen heute noch von Englands größter Enteignungsaktion. Nächtens ragen deren Relikte düster zum Himmel. Die 96 einzigartigen Bilder in diesem Buch wurden mit einer speziellen Lichttechnik, der Lichtmalerei, fotografiert. Wobei die einzige Lichtquelle ein von Autobatterien gespeister Scheinwerfer war. Im Schnitt dauerte eine Aufnahme zwischen einer und zwei Stunden, wobei gestalterische Aspekte oft eine noch längere Belichtungszeit erforderlich machten. So konnte der Photograph Berthold Steinhilber, das Licht genau steuern und dosieren, die idealen Lichtstimmung erzeugen, die zum Charakter jeder Klosterruinen passten und ihr die Aura des Geheimnisvollen verlieh. Die jeweilige Atmosphäre war nie zufällig sondern wurde geschaffen. Die speziell eingesetzte Lichtquelle ließ jeden Riß im Mauerwerk, jedes Detail erleuchten und alle Konturen überscharf hervortreten. Die Steine fingen an zu erstrahlen und das Licht durchdrang den Nebel und das Grün des Rasens wurde eindringlicher. In »Die Klage der Steine« erzählt Ralph Kendlbacher die Geschichten, Legenden, Mythen und Tragödien von vierzig herausragenden Klöstern anhand von kirchenhistorischen Dokumenten, Augenzeugenberichten und lokalen Quellen. (Renate Bernardyn-Gabler)

Kendlbacher, Ralph
Die Klage der Steine - Geheimnisse britischer Klosterruinen
Eulen Verlag
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