Peking

10. Mai 2001, 14:07
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Die Stadt der Seide, der Buddhas, der Fahrräder, der blauen Lastautos und der trickreichsten Ramschhändler Asiens. Von Ernst Michael Brauner

Erster Tag

Kommen Sie nach China, oder die Chinesen kommen zu Ihnen", begrüßt uns Yan, die Reiseleiterin und informiert: "Der Yongle-Kaiser erhob nach der "Ming-Vasen"-Dynastie im 15. Jht. Peking zur Hauptstadt, in der heute auf 16.800 Quadratkilometern (so groß wie Niederösterreich) mehr als 15 Millionen Menschen leben". Noch bevor man das Hotel erreicht, wird man das Gefühl nicht los, allen 15 Millionen auf einmal zu begegnen. Als wir dort aussteigen wollen, versperren uns die professionellsten Ramschhändler Asiens den Ausstieg. Nur drei Meter entfernt liegt die rettende Empfangshalle des Hotel Minzu. Aus unserer Reisegruppe, hauptsächlich Pflichtschul-Pädagogen, haben es nur wenige geschafft, das "Leo" des Foyers, ohne etwas zu kaufen, zu erreichen. Die meisten haben Lehrgeld für Lehrer bezahlt.
Der Platz des himmlischen Friedens - Tian`anmen-Platz . Am 4. Juni 1989 hatten Regierungsgruppen eine Kundgebung der Demokratiebewegung mit Panzern niedergemetzelt. Dabei wurden nach offiziellen Angaben 300 Menschen, nach Angaben von Menschenrechts-Organisationen mehrere tausend Menschen getötet. So himmlisch kann dieser Platz also nicht sein. In der Mitte das Mao-Mausoleum. Bei 38 Grad im Schatten pilgern, unter bunten Schirmen, Herr, Frau und Kind Chinese in einer kilometerlangen Menschenschlange zum Gründer der chinesischen Volksdemokratie. Lassen Sie Mao ruhig links liegen, es stört ihn nicht wirklich. Anders lockt die Verbotenen Stadt, der Kaiserpalast. Vor und in dieser einzigartigen Kulisse wurde der Film "Der letzten Kaiser" gedreht - übrigens eine wunderbare Einstimmung auf das Land und seine politisch kulturellen Zusammenhänge.


Zweiter Tag

Obwohl schon hunderte Male auf Fotos gesehen, fasziniert die Große Mauer - Chang-cheng. Sie schlängelt sich kilometerlang auf Bergrücken entlang, und es wird behauptet, man könne die Steinschlange vom Weltall sehen. Wir wollen einen Teil bezwingen und klettern die steilen, verschieden hohen Stufen hinauf. Nur die Konditionsstärksten schaffen das und wir bewältigen in nur einer halben Stunde 880 Höhenmeter. Eine tolle Leistung bei 33 Grad Celsius im Schatten und 85 % Luftfeuchtigkeit. Im Gegensatz dazu können weder Hitze noch Steigungen die Händler mit ihren Bauchläden voller Fälschungen fern halten. China ist ein Paradies für Fälscher. Die Anzahl der Wirtschaftsverbrechen stieg seit Jänner 2000 um 20 Prozent. Fast die Hälfte aller 319.000 Fälle mit Schäden in Höhe von rund 1 Mrd. Yuan fallen in die Kategorie "unlauterer Wettbewerb", wie zum Beispiel das Fälschen von Warenzeichen. Für die Behörden Chinas nach außen ein Problem, aber in Wirklichkeit ein wichtiger Wirtschaftszweig auf dem Weg in eine kapital-kommunistische Volksdemokratie. Die Fälscher schaffen Arbeitsplätze und bringen Einnahmen, nicht nur für die Angestellten, sondern auch für die mitwissenden, aber schweigenden Beamten. Die Chinesen fühlen sich als Buhmänner im Streit um das globale Urheber-Recht, betrachten sich als Opfer westlicher Anti-Dumping Politik. Peking macht Front gegen die Vorwürfe aus dem Ausland. Unabhängig davon bläst Chinas Wind nach West. Trotzdem wird noch immer an veralteten Strukturen festgehalten und die amtlichen Reisebegleiter sind nicht bereit, sich auf Gespräche über Wirtschaft und Politik einzulassen. Touristen, die gewohnt sind, über gesellschaftliche Probleme zu diskutieren, können damit schwer umgehen. Aber auch Chinesen leiden unter der mangelnden Diskussionsbereitschaft. Alte Philosophen sollen helfen. Die Machthaber haben deshalb Konfuzius ausgegraben, um dem schwindenden Vertrauen der Menschen in die Staats- und Rechtsordnung entgegenzuwirken.

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