Damaszenische Datteln

2. Dezember 2004, 09:56

In den Beduinenzelten in der Wüste werden abends Feuer entfacht und Lieder gesungen. Lieder vom Schmerz und Leid vergangener Tage und von nie vergehender Schönheit.

Andreas Feiertag

Wenn der grün schimmernde, träge Orontes die riesigen Wasserräder antreibt, legt sich eine leise brummende und knarrende Klangwolke wie ein mystischer Umhang über Hama, das im Westen Syriens zwischen den beiden großstädtischen Antipoden Damaskus und Aleppo in eines der fruchtbarsten Gebiete des Landes eingebettet ist.

Fast möchte man meinen, die Norias, wie die bis zu 600 Jahre alten hölzernen Konstrukte genannt werden, die das Wasser fast 20 Meter hoch in die Bewässerungskanäle schaufeln, heben zu einem immer wiederkehrenden Klagelied an. Als weinten sie gemeinsam mit Teilen der fundamentalistischen islamischen Bevölkerung um tausend und abertausend Tote. Zu wach ist noch die Erinnerung an die Geschehnisse vor knapp 15 Jahren, als daß sie verstummten. Der alawitische Staatspräsident der Arabischen Republik Syrien, Hafiz al-Asad, schickte seine Armee gegen die Hochburg der Muslim-Brüder – gegen Hama.

Am Ufer des Orontes, in Hama, glaubt man alle Zeit der Welt zu haben, wenn sich die Gedanken in der Jahrtausende alten Geschichte Syriens verlieren. Die arabische Gastfreundlichkeit ist herzlich, aber keineswegs aufdringlich, das Wort Hektik hat, so scheint es, den Einzug in den Sprachgebrauch verschlafen.

Ein angenehmer Luftzug trägt die dicken Rauchschwaden aus der genußvollen Wasserpfeife mit sich, die man zu einem Glas leicht gesüßten Tee und damaszenischen Datteln an einem Tisch auf dem kleinen Platz vor einem Café angezündet hat, während man dem Gesang der Wasserräder lauscht. Denkt man über das Massaker in Hama nach, fallen einem die Kreuzzüge der Christenheit ein.

Wenige Kilometer von Hama entfernt, in südwestlicher Richtung, steht der wohl bekannteste und besterhaltene Zeuge dieser Epoche: der Krak des Chevaliers. Die Kreuzritterburg erhebt sich auf der Bergspitze des Djebel Khalil, die einen romantischen Ausblick auf die Gebirge des benachbarten Libanon gewährt. Während man bei Brot, Oliven, Käse, getrocknetem Fleisch und mit Wasser verdünntem Arak – dem syrischen Anisschnaps – dem Sonnenuntergang zusieht, taucht dieser das steinerne Bollwerk immer tiefer in ein blutrotes Licht. Christliche wie muslimische Touristen ergötzen sich an diesem Schauspiel, wiewohl in jedem von ihnen vermutlich gänzlich andere Assoziationen geweckt werden.

Auf der höchsten Zinne der Festung stehend, unter sich die Phalanx von Türmen und Mauerringen, Wehrgräben, Pechnasen, Wassergräben und Schießscharten, fällt die Unterscheidung zwischen Wille und Wahn, zwischen Sinn und Unsinn leicht. Zumindest aus heutiger Sicht.

Saladins Scheitern

Sultan Baibar konnte 1271 den von den Johannitern besetzten Krak einnehmen, nachdem sowohl Nureddin als auch Saladin gescheitert waren. 508 Jahre später wäre das Saladin – zumindest literarisch – beinahe ein weiteres Mal passiert. Diesmal jedoch gemeinsam mit einem Kreuzritter, einem Tempelherren. Erst durch den weisen Juden Nathan löste sich in Gotthold Ephraim Lessings Ringparabel ein scheinbarer Konflikt in Wohlgefallen auf, ein Miteinander der drei monotheistischen Weltreligionen, die dieselben Wurzeln haben, war für Lessing möglich.

Ein leiser Hauch dieser Idee – und das ist es, was dieses Land neben seiner kulturhistorischen Bedeutsamkeit für abendländische Touristen so faszinierend macht – weht gute vier Autostunden südlich des Krak durch die Omayyadenmoschee in der syrischen Hauptstadt Damaskus, die als älteste kontinuierlich besiedelte Stadt der Welt gilt.

Seit Syrien 1948 am erfolglosen Krieg der arabischen Staaten gegen das damals junge Israel teilgenommen hat, ist es mit seinem Nachbarn verfeindet. Vor allem die von Israel besetzten ehemals syrischen Golanhöhen bilden heute den Zankapfel Nummer eins. Obwohl Juden offiziell nicht verfolgt werden, sind die meisten, die in Syrien gelebt haben, schon lange ausgewandert.

Die heutige Bevölkerung der „Wiege der Zivilisation“, wie das Land, durch das der Euphrat fließt, genannt wird, besteht zu 90 Prozent aus Arabern, daneben gibt es in Syrien noch Kurden, Armenier und Tscherkessen. Ebenfalls rund 90 Prozent der Bevölkerung gehören dem Islam an – neben der sunnitischen Mehrheit den Schiiten, Ismaeliten, Alawiten und Drusen. Die restlichen zehn Prozent sind Christen, die sich ebenfalls auf verschiedene Konfessionen verteilen. Da sich die ethnischen Unterschiede nur teilweise mit den religiösen decken, kommt es immer wieder zu Unstimmigkeiten.

In der damaszenischen Omayyadenmoschee aber knien und beten sie Schulter an Schulter, Moslems und Christen aller Konfessionen.

Schon zu Zeiten des Imperium Romanum war diese Stelle der spirituelle Mittelpunkt von Damaskus und dem Göttervater Jupiter geweiht. Unter Kaiser Theodosius wurde der Tempel in eine Kirche umgewandelt, unter Kalif al-Walid im 8. Jh. n. Chr. schließlich in eine Moschee.

Das Paradies verblaßt

Im Innenhof der Anlage glitzert das auf vier Säulen ruhende achteckige Schatzhaus in der Sonne. Ihm gegenüber steht der große Brunnen, der den rituellen Waschungen vor den Gebeten dient. Die farbenprächtigen Mosaiken aus dem 8. Jh., die das Paradies darstellen, verblassen leider immer mehr.

Im dreischiffigen und weiträumigen Betraum steht neben der reich verzierten zentralen Gebetsnische und der Predigtkanzel inmitten des steinernen Waldes aus Säulen auf einem Meer von bunten Teppichen ein geheiligter Schrein: In ihm soll das Haupt des Propheten Yahya bestattet sein, den Christen besser unter dem Namen Johannes der Täufer bekannt. Unweit der Moschee kann man eines weiteren Toten gedenken: In einem kleinen Mausoleum ist Sultan Saladin bestattet.

Wäre es nicht dieser klingende Name, und forderten nicht Muezzine von grazilen Minaretten singend zum Gebet auf, viel bliebe neben der typisch arabischen Gewandung und der je nach islamischer Konfession mehr oder weniger starken Verschleierung der Frauen nicht vom erwarteten Bild des Orients aus 1001 Nacht übrig. Damaskus ist schon lange zu einem Ballungszentrum mit mehr als zwei Millionen Einwohnern geworden. Verkehrslärm, Verschmutzung und Wohnungsnot prägen das Bild der Stadt.

Ruhe und die Faszination menschlicher Schaffenskraft lange vor dem Einzug der Technik in die Baukunst erwarten den Pilger dafür in Palmyra, einer grünen Oase inmitten der syrischen Wüste, die noch immer von etwa 80.000 Nomaden durchzogen wird. Nicht mehr ausschließlich hoch zu Kamel, sondern auch schon im klimatisierten Geländefahrzeug.

Vollendete Akustik

Der mächtige vorchristliche Tempel des Baal spendet ein wenig Schatten vor dem gleißenden Licht der Sonne. Und doch kneift man die Augenlider zu, wenn sich die Strahlen an schier unzählbaren Säulen der kilometerlangen Kolonnadenstraße brechen, die einst die Römer in Palmyra errichteten. Läßt man seinen Blick dem Säulengang folgen – vorbei am prunkvollen Had_rianstor und dem römischen Theater, das noch heute seiner vollendeten Akustik wegen für Aufführungen genutzt wird –, stößt man weiter hinten auf einen kleinen Berg, der den Kal’at Ibn Ma’n trägt, die arabische Festung.

Trutzig steht sie da und scheint den Lauf der Dinge in der Oase zu bewachen, unterstützt von einem gemauerten Heer aus Grabtürmen, die wie kariöse Zahnstümpfe aus dem Sand der seitlich gelegenen Nekropole ragen. Vielleicht hält die Festung auch Ausschau nach den Spuren von Zenobia, jener sagenumwobenen Kaiserin von Palmyra, deren Schönheit selbst die Sonne verblassen ließ.

Sagen und Mythen scheinen den Reisenden auch in Aleppo ständig zu begleiten, wenn er die bunt geschmückten schmalen Gassen durchstapft, die Augen weit aufgerissen, um jeden kleinsten Schnörkel in der orientalischen Architektur aufnehmen zu können.

Aleppo ist das Märchen, ist der Orient. Oder zumindest das, was man sich davon erwartet. Im Suk, wie der große Markt genannt wird, dringt ein angenehm fremder Duft in die Nase. Eine Mischung aus Tabak, Kaffee, Koreander, Kümmel, Zimt und anderen Gewürzen, die hier neben Silber, Gold, Seide und tausenderlei Kleinoden lautstark feilgeboten werden.

Nemsa, Österreicher, die kennt man im Suk. Irgendwo klebt ein Foto der Wiener Fußballmannschaft Rapid. Man will schließlich ins Geschäft kommen.

DER STANDARD Samstag/Sonntag, 8./9. März 1997

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