Vor langer, langer Zeit

19. Juli 2005, 11:39

Multiethnische Wurzeln liegen in Singapur unter Wolkenkratzern versteckt

Andreas Feiertag

An Blakang Mati, die einstige „Todesinsel“, erinnert sich heute kaum noch jemand. Singapur hat sein viktorianisches Gewand längst abgelegt. Die im Südwesten des Stadtstaates gelegene Insel Blakang Mati, auf der das britische Imperium ein wehrhaftes Fort für die seeseitige Verteidigung seines kolonialen Anspruches errichtet hatte, trägt längst einen neuen Namen: Sentosa. Und erfüllt einen anderen Zweck – als Freizeit- und Rummelplatz.

„Long time ago“ antwortet ein Taxifahrer auf dem Weg zu Singapurs World Trade Center neben dem größten Kontainerhafen der Welt, von wo man mit einer Gondelbahn auf Sentosa fahren kann, auf die Frage, wann die Insel umbenannt worden sei. Seit 1959 ist Singapur ein unabhängiger Inselstaat. Und richtete den Blick daraufhin nur noch Richtung 21.Jh. Modernste Büro- und Bankhäuser, mit farbigen Glasfassaden Hunderte Meter hochgezogen, zeugen ebenso davon wie unzählige internationale Hotelketten, die sich im Zentrum der „Tiger-Stadt“ Wand an Wand mit den glitzernden Einkaufstempeln entlang der Orchard Road drängen. Die vornehmste Einkaufsstraße Singapurs soll weltweit die größte Dichte an Geschäften aufweisen und wird oft mit den Champs Elysées oder der Regent Street verglichen.

Zu spät besann sich Singapur seiner multiethnischen Geschichte. Malayische und indonesische Einflüsse in der Architektur liegen unter den Fundamenten futuristischer Skyscraper begraben, in Chinatown findet man nur noch mit Glück einige traditionelle chinesische Gebäude. Und auch in „Little India“ lassen sich noch wenige Spuren in die Vergangenheit des blühenden Singapur finden.

Schon einmal, im 14.Jh., soll das damals von Indern besiedelte Hafendorf Singhapora eine wirtschaftliche Blüte erlebt haben. Bis es 1365 von Einwohnern Javas niedergebrannt wurde. Neu gegründet hat Singapur Sir Thomas Stamford Raffles von der British East India Company im Jahr 1819. Das im Zentrum des Stadtstaates gelegene traditionsreiche „Raffles Hotel“, das man nach seinem Abbruch wieder annähernd originalgetreu aufgebaut hat, erinnert noch an den „Stadtvater“.

Stillschweigen Als sich die auferstandene Hafenstadt als wichtiges Handelszentrum entpuppte, nahm sie Britannien ab 1867 unter seine kolonialen Fittiche. Von diesem Abschnitt der Geschichte Singapurs zeugt heute noch das nach seiner Zerstörung durch die Japaner im Zweiten Weltkrieg auf Sentosa wiedererrichtete Fort. Auch wenn sich die vom staatlichen Tourismusverband aufgelegten Broschüren und Stadtführer diesbezüglich in Stillschweigen hüllen. Aber immerhin können sich Sentosa-Besucher vor dem Computer im Fort an der damaligen Schlacht, die rund 100.000 Menschen das Leben kostete, spielerisch und chipgesteuert beteiligen – um einen einzigen Singapur-Dollar. Das sind sieben Schilling.

Etwas teurer kommt einen hingegen das nicht ordnungsgemäße Wegwerfen von Müll zu stehen. Dafür – auch das gedankenlose Wegspicken von abgebrannten Zigarettenstummeln gehört dazu – muß man mit 500 Dollar Strafe rechnen, sofern man erwischt wird. Doch die Stadtverwaltung hat vorgesorgt: Etwa alle 300 Meter findet man Abfallbehälter mit integrierten Aschenbechern.

Die Stadt ist klinisch rein. Freilich nur im Zentrum, der sogenannten Restricted Area. Sperrgebiet jedoch nur für Pkw ohne teures „Fahrpickerl“ – eine von den Maßnahmen, das Verkehrsaufkommen gering zu halten. Die anderen beiden sind extrem hohe Steuern und Benzinpreise. Was sich zumindest in zähflüssigen statt stehenden Kolonnen auswirkt.

DER STANDARD vom 25. 1.1997

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