Kontrapunkte

19. Juli 2005, 11:39

Imposante Wolkenkratzer, chinesischer Markthallen und indische Tempel stehen im Stadtstaat Singapur Tür an Tür.

Susanne Mitterbauer

Markt in Chinatown. Tiefdunkle Hühnerkörper auf dem Regal. Man hat sie mit Kräutern gefüttert, bis ihre Haut schwarz wurde, dann mit weiteren Kräutern zweimal ausgekocht. Diese Kraftbouillon soll für alle Wehwehchen und alle Schwächen gut sein, sagen die Chinesen. Lebende Frösche warten aufs Schenkelausreißen und Schildkröten aller Größen auf noch Schlimmeres. Gewimmel, Gewühl, fremdartige Gerüche, feuchte Hitze.

Ein paar Minuten später und 20 Meter entfernt eine Teezeremonie im „Tea-Chapter“: Ruhe, Beschaulichkeit, Wohlgerüche, Wohlgefühl, Kühle. Die weißgeschminkte Chinesin leert winzige Mengen duftenden Getränks von einem Töpfchen ins andere und lehrt die Unterschiede zwischen den Sorten.

In Singapur liegen die Kontrapunkte nahe beieinander. Im Finanzviertel zeigen die Wolkenkratzer, wie hoch hinaus sie können, die Plätze dazwischen und davor sind mit riesigen modernen Skulpturen geschmückt. Daneben der Fluß, die alten Holzboote machen ihre Runden. Das alles erinnert frappierend an Chicago, wären da nicht diese feuchte Schwüle von 30° und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit und der Nebel, der sich als brandbedingter „haze“ drei Wochen lang über die Stadt legte.

Am Kai kleine renovierte Häuser, jedes ein Restaurant einer anderen ethnischen Gruppe. Trubel und Heiterkeit, Musik, Lachen. „Highly recommanded“, so ein Abendausflug vor den Hochhäusern, die attraktiv beleuchtet in den Himmel ragen.

Singapur besteht vorwiegend aus Geschäften, ob im indischen, im chinesischen oder im europäischen Viertel. Billig oder exklusiv, wie man will. Ginseng, getrocknete Seepferdchen, Fischhäute, Schlangenkadaver, Tierpenisse und noch viel Unsagbares und Unbekanntes auf und besonders unter den Theken chinesischer Apotheken. Regalweise Vitamine, Hormone, Spurenelemente und unbekannte Mixturen in den Drug-stores.

Elektronische Dinge sind teilweise preiswert, die Gebrauchsanweisungen aber nicht immer sehr verständlich, was bei den komplizierten Geräten – und was ist heute nicht kompliziert – zu Komplikationen führen kann. Alle Designerlabel sind in jeder Shopping-Mall vertreten. Allerdings wirkt man zwischen den Südostasiatinnen und den Japanerinnen mit einer europäischen 40er Größe und Schuhnummer 39 wie ein Elefant. Entsprechend mühsam kann der Einkauf werden. Schon simple Markenjeans müssen aus dem Lager geholt werden.

Fulminant das Essensangebot. Neben den unzähligen Restaurants und den Hotels finden sich in den Malls – zumeist im Untergeschoß – unglaublich reichhaltige Labe-stationen, die die gesamte Küche Asiens überaus hygienisch und marktfrisch präsentieren.

Ein unbedingtes Muß ist die Night-Safari im Zoo. Auf 20ha natürlichen Waldes leben – durch unsichtbare Gitter und Gräben getrennt – Aberhunderte nachtaktive Tiere. Eine ausgeklügelte Beleuchtung gaukelt ihnen Vollmond vor und läßt die Besucher an ihrer Lebensweise teilnehmen, sichtlich ohne sie zu stören. Zu Fuß oder im Elektro-Train geht’s durch eine quasi mondhelle, tropische Nacht unter leuchtenden Sternen, vorbei an Nashörnern, Tigern, Elefanten, Leoparden, Giraffen und Tapiren, um nur die Attraktivsten zu nennen. Eine phantastische Sache.

Abzuraten hingegen ist von einem Ausflug auf die Vergnügungsinsel Sentosa. Künstliche Wirklichkeiten à la Disneyland und ein Aquarium, in dem die prachtvollen Bewohner der tropischen Meere, von überall zusammengefangene Zackenbarsche, Napoleonfische, Muränen, Haie, Rochen, Kraken und Schildkröten, bemitleidenswert schlecht, ohne Respekt vor den Tieren, und ärgerlich sensationell vermarktet werden.

DER STANDARD Samstag/Sonntag, 11./12. Oktober 1997

Share if you care.