Flach wie eine Flunder

19. Juli 2005, 11:36
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Im Terai, an der Bordsteinkante zwischen Ganges und Hochgebirge, beginnt die große Treppe Richtung Dach der Welt und endet die Schwemmlandzone der indischen Lebensader.

Sauraha ist ein stinknormales Dorf in einer stinknormalen Gegend des nepalesischen Terai. Vergletscherte Berggipfel hängen hier eher als Poster an den Wänden der lokalen Teestuben und leuchten lediglich bei klarer Morgensicht live am Horizont. Näher als der massive göttliche Himalaya-Kühlschrank vor der Tür sind ambulante rote Softdrink-Eiskisten, die nebenbei als coole Hocker und als Sparschwein dienen.

Und näher als die fernen Gletscher liegen auch die weitgefaßten Reisfelder, der feine Staub der Landstraßen, das Gelb der Strohdächer und lehmverschmierten Hütten, unter deren Schattenrändern Jutestrick-bespannte Holzbetten zu lebenslangem Mittagsschlaf verführen. Zumindest Berge gibt es vor Ort keine zu versetzen: Im Terai ist Nepal flach wie eine Flunder. Von dünner Luft und Hängebrücken keine Spur. Stattdessen gruppieren sich Bambusstauden am Dorfrand und säumen rissige Bananenwedel jene aufgehäuften Erdwälle, hinter denen jedes Jahr die Sturzflut des Monsun zurückgehalten wird. Hoch oben segeln dann Kraniche unter bleigrauen Regenwolken. Knapp 900km lang erstreckt sich diese Bordsteinkante zwischen Ganges und Hochgebirge. Mit Nepals Terai beginnt nämlich die große Treppe Richtung Dach der Welt und endet zugleich die Schwemmlandzone der nordindischen Lebensader.

Atem holen

Gerade 25 bis 40 km schmal verläuft der lange Landstreifen, an dem Expreß-Busse und Tata-Trucks ein letztes Mal tief Benzin und Menschen noch viel tiefer Atem holen, bevor es stetig nach oben geht. Rechteckige Busfenster-Perspektiven auf ein klassisches Transitland zwischen Fluß und Berg tun sich den Reisenden dabei auf und ähneln einem viel zu schnell abgespulten Film: Ausgewalzt jagen die sumpfigen Böden der Schwemmebene dahin. Grün in Grün flirrt die Gegend während des Monsun. Schwarze Regenschirme, Bündel geschleppten Feuerholzes, Holzgerüste mit wackeligen Strohdächern, Flickschuster neben aufgebreiteten Materialresten alter Gummireifen, kalbende Kühe flitzen am Straßenbankett vorbei. Wenig Wald, lediglich kleinere Mango-Haine, sanft im Wind schaukelndes Elefantengras oder vereinzelte Banyanbäume unterbrechen die Monotonie dieser Ebene, die oft an Savanne erinnert.

Orte mit wenig inspirierenden Namen wie Narayanghat, Tadi Bazar oder Butwal reihen sich zu lästigen, lärmenden, von Moskitos umschwirrten Stops und machen das Terai zu einem unbequemen Wartesaal Richtung Himmel. Nach maximal drei Busstunden im Nord-Süd-Verlauf ist der Spuk normalerweise vorbei. Die kaum hundert Meter tiefliegende Ebene des Terai ist dann in die hügeligen und trockenen Sivalik-Vorberge des Inneren Terai übergegangen und die breiten Muldenlandschaften der dortigen Duns in die noch weiter nördlich aufschließende Mahabharat-Kette der Nieder-Himalayas.

Dabei gäbe es viele Gründe, unterwegs auszusteigen und die Berge am Horizont zu belassen. Siddhartha Gautama alias Buddha oder die Hindu-Göttin Sita zählen etwa zu den prominenten Vorfahren der Menschen des Terai. Ausgerechnet im Kaff Lumbini, 21km westlich der modernen Terai-Stadt Bhairawa, erblickte ersterer 563 v. Chr. als adeliger Sproß erstmals Licht und Schatten dieser Erde. Heute döst der denkwürdige Ort, nahezu vergessen vom Rest der Welt, knapp an der indischen Grenze im hausgemachten Nirvana vor sich hin.

Nur ab und zu stört die Außenwelt Lumbinis Dorffrieden. Etwa 1895, als der sensationelle Fund einer Schriftsäule des indischen Maurya-Kaisers Ashoka das seit dem Mittelalter „verschollene“ Pilgerziel wieder in Erinnerung brachte. Oder vor wenigen Jahren, als der Tokyoter Stararchitekt Kenzo Tange einen Masterplan für den Buddha-Geburtsort vorlegte. Kanäle, Gärten, Museen, eine Bibliothek, Pilger-Herbergen sollen nun entstehen. Hoffnungsvoll wurden bereits Bäume gepflanzt.

Tatsächlich planieren zerlumpte Arbeitskräfte heute Lumbinis Böden, wirbeln Staub auf rund um die sechs Meter hohe Ashoka-Säule und um den hinduistischen, nach Buddhas Mutter benannten Maya Devi Tempel. Langsam wird dieser durch die sanfte Kraft eines üppig wuchernden Pipal-Baumes zerbröselt.

Auch Buddhas legendärer Fürstenpalast und Jugendsitz Kapilavastu verschwand unter dem Würgegriff des Dschungels. Und tauchte zweieinhalb Jahrtausende später neben dem Kuhdorf Tilaurakot, rund 28 km westlich von Lumbini, in Form von archäologischen Ausgrabungen wieder auf.

Und noch andere Gründe gibt es, daß sich Fremde in Orte wie das eingangs genannte Sauraha verirren können. Handgepinselte Täfelchen mit Aufschriften wie „Jungle Sunset Camp“ oder „Crocodile Safari Camp“ deuten dort die unmittelbare Nähe zum größten und bekanntesten Nationalpark Südasiens an, und zwar zum Royal Chitwan National Park, der auf einer stolzen Gesamtfläche von über tausend Quadratkilometern seit drei Jahrzehnten das eigentliche touristische Erfolgsprodukt des Terai forciert: wilde Tiere, verpackt in lauschigen Urwäldern, umwickelt von dunstverhangenen Graslandzonen. Und vorgeführt an fußfreien Sitzen auf Elefantenrücken, die allgemein Entzücken hervorrufen wegen der interessanten Fotoperspektive und der dezent distanzierten Nashorn-Rendezvous, die Chitwans Rüsseltiere ermöglichen.

Rhino schauen

Während Sauraha regierungseigene Elefanten füttert, streifen die Guides der sieben im Gelände verstreuten Lodges seit 1965 mit Privatjumbos durch die Wälder, Flußniederungen und offenen Grassteppen. Und es muß noch nicht einmal Rhino sein, auf das der Mahout mit seiner Gerte deutet. Denn im frühen Morgenlicht verzaubert allein der von Feuchtböden, zahllosen Flußarmen und Altwässern (tals) aufsteigende Nebel die umliegende Szenerie. Dicht wie Watte wickelt sich der Nebelschleier den Dickhäutern um Genick und Rüssel. Etwas verloren treibt man im meterhohen Zuckerrohr-Büschelwerk, während sich die vom Wasserdampf aufgedunsen Konturen der großblättrigen, bis zu 30 m hohen Salbäume und die niedrigeren Akazien zum pittoresken Dschungel-Scherenschnitt verdichten.

Blicke auf die gelichtete Wattewelt des Chitwan-Tals beinhalten mit etwas Glück aber auch Vertreter von gut fünfzig Säugetierarten. Darunter Tiger, Gaur, Lippenbär, Leopard, Axishirsch, Chital-Reh, schwarzgesichtiger Langure und Rhesusäffchen. Zur Erfolgsstory des Royal Chitwan National Park gehört vor allem auch das Comeback des fast ausgerotteten und heute wieder auf 400 Exemplare aufgepäppelten Panzernashorns.

„Land des Fiebers“ heißt Terai wörtlich. Tatsächlich ließen die Malaria-verseuchten Sümpfe und toten Flußarme des – im Falle des Chitwan-Tals – bis heute mit Sumpfkrokodilen, Gavialen und Süßwasser-Delphinen bestückten Gebietes wenig Lebensraum für frühe Siedler. Noch in den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts blieben weite Dschungelflecken und Marschländer den gegen Malaria resistenten Tharu-Stämmen vorbehalten.

Lediglich die prunkvoll ausgerichteten Großwildjagden der indischen Rajas und britischen Kolonialherren störten die Isolation der Waldmenschen, die dann Gelegenheitsauftritte als Treiber und Elefantenführer absolvierten und an Orten wie Dangaura-Tharu weiterhin in langgestreckten Lehmhäusern mit charakteristischen Holzveranden leben.

Drastischer als die Flurschäden der aristokratischen Jagdpartien waren die Resultate der „Grünen Revolution“. Chemiekeule, Trockenlegungsprogramme und Abbrennen der Grasländer machten das seit der Steinzeit besiedelte Terai zur dichtbevölkertsten Region und Kornkammer Nepals. Nationalparks wie der Chitwan oder die weiter im weniger rigoros entwickelten Westen gelegenen Schutzgebiete von Bardia und Sukla Phanta wurden so zu bewaldeten Inseln im Reis-Hirse-Tabak-Senfsaaten-Meer. (Der Standard, Printausgabe)

Von Robert Haidinger
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