Kängurus und Künstlerkriege

17. Mai 2005, 14:25
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Gozo, die kleine Schwesterinsel Maltas, präsentiert sich als felsige Naturschönheit und ehrgeizige Opernmetropole

"I love Australia" prangt hinten auf dem Auto, und irgendwie kann man den Besitzer des neuen Rovers gut verstehen. In Australien scheint die Sonne mindestens genauso heiß wie hier in Gozo, das Meer ist ebenfalls prospektblau und türkisgrün, die Landschaft genauso karg.

Während der Besucher durch das von der Hitze verbrannte Gozo gondelt und dabei hin und wieder auch einem anderen Auto begegnet, wird der Grund für diese Sehnsucht nach dem fünften Kontinent noch viel klarer: Australier fahren ebenfalls auf der linken Straßenseite, aber - das ist der große Unterschied - sie können so lange hinter dem Steuer hocken wie sie wollen: endlose Straßen, endlose Autofahrten.

Ein Traum für jeden Gozitaner, dessen durchschnittliche Fahrt, kaum, dass er ins Auto steigt, schon wieder beendet ist. Auf Gozo, der kleinen Schwesterinsel Maltas, ist man nämlich spätestens nach einer halben Stunde wieder dort, wo alles seinen Ausgang nahm. Irgendwie frustrierend. Aber irgendwie auch beruhigend: Man fährt einen Urlaub lang, ein Leben lang, von einer Klippe zur nächsten, vom Westen in den Osten, vom Osten in den Westen, vorbei an den paar Ampeln, die einsam zwischen den vielen Kreisverkehren auf der Insel thronen.

"Ich kenne jede Straße auf Gozo wie meinen Hosensack", sagt Joe, der Fahrer, der seit Jahrzehnten Gozo-Reisende chauffiert. Man glaubt ihm aufs Wort. Ein Auto überholt. Joe hupt. Es ist der Schwiegersohn, der heute schon das zweite Mal den Weg der Limousine kreuzt. "I love Australia" steht auch neben seinen Rücklichtern.

Joe bremst. Der Steuermann und Ex-Stuntman, der bei vielen auf Malta und Gozo gedrehten Filmen den Action-Helden vertrat, bringt sein 26 Jahre altes, aber wie neu funkelndes Gefährt mit einem Ruck zum Stehen. Grinsend zeigt er auf ein steinernes Känguru, das auf dem Balkon eines neuerrichteten Hauses hockt. Allmählich scheint das Fernweh der Gozitaner denn doch etwas übertrieben. "In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg ging es uns hier nicht besonders gut", erklärt Joe, "viele wanderten damals aus: in die USA, nach Kanada und vor allem nach Australien. Dort leben heute mehr Malteser als hier in ihrer Heimat." Jetzt, da die wirtschaftliche Lage dank des Tourismus immer besser werde, kämen aber viele zurück. Wieder in Gozo, zeigt man, wo man war.

Zumindest bei der Dichte an Kirchen kann Australien mit Gozo nicht mithalten: 52 Kirchen gibt es auf der kleinen Insel, jede ein wenig größer als die des Nachbardorfes. Die Malteser seien katholischer als der Papst, versichern die Einheimischen. Die höchste Kirche, sagen sie, sei nur etwas kleiner als der Petersdom im fernen Rom. Jeden Sommer, wenn die Zeit der "festas" gekommen ist, werden die Türme und Kuppeln dann mit unzähligen Lichtern geschmückt, und für eine lange Nacht beleuchtet ein Feuerwerk den wie immer wolkenlosen Himmel. Natürlich ist dann auch das eigene Feuerwerk etwas pompöser als das für den Dorfheiligen der benachbarten Kirchturmgemeinde.

Der Wettstreit unter Gozitanern gehört zum Inselleben, nur

der Konkurrenzkampf zwischen Malta und Gozo macht noch mehr Spass. Ach die Bewohner der Nachbarinsel, seufzt Joe, sicher würden sie sich "ein wenig überlegen" fühlen, die Regierung sitzt ja auf Malta, die großen Betriebe, all die Hotels und Ferienanlagen. Aber, und dann hebt sich seine Brust ein wenig: "Die maltesische Sprache mit ihren romanischen und arabischen Wurzeln ist hier auf Gozo ursprünglicher als auf der Hauptinsel." Und schließlich kämen die Nachbarn ja nach Gozo auf Urlaub und nicht umgekehrt.

Dabei sind die sehenswerten Bauten - die Zitadelle der beschaulichen Hauptstadt Victoria und einige megalithische Tempelanlagen - schnell besichtigt. Verlockend an Gozo ist vor allem die Natur, die sanften Hügel, die felsige Küstenlinie mit ihren jähen Öffnungen. Die kleinen Buchten. Das Unterwasserparadies. Und nicht zu vergessen: die Kultur.

Gleich zwei Opernhäuser gebe es in der Hauptstadt Victoria, erklärt Joe. Aurora und Astra heißen sie, das eine steht links, das andere rechts der Hauptstraße. Zwei Opern für 27.000 Einwohner, da sollte man stolz darauf sein. Ist Joe auch, vor allem wenn er erzählt, wie erstklassig die engagierten italienischen Sänger seien. Klar, dass jedes Haus die besseren Künstler hat, die pompöseren Bühnenbilder, die kostbareren Kostüme.

Einen richtigen Opern-Kleinkrieg würden sich die beiden Häuser von Gozo liefern, erklärt Joe. Als beide Opernhäuser gleichzeitig Giuseppe Verdis "Aida" spielten, kam es sogar zu einer Rüge durch die Kulturpolitik. Dabei, versichert Joe, ginge es bei dem Streit weniger um Konkurrenz als um Kunst. Und um die darf man sich auch in die Haare geraten.
(Stephan Hilpold, Der Standard, Printausgabe)

Infos: Fremdenverkehrsamt Malta,
Opernring 1 / R / 5, 1010 Wien. Tel.: 01 / 58 53 770,
Fax: 01 / 58 53 771.

www.urlaubmalta.de, E-Mail: wien@urlaubmalta.de

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