"Wo finde ich Informationen zur Gesundheit?"

1. Oktober 2003, 17:50
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Frauengesundheits- Zentrum Graz

„Gesundheitsförderung hat nichts mit Krankheit zu tun. Sie geht aus von den Fähigkeiten und Ressourcen des Menschen. Veränderungen, um die Gesundheit zu fördern, setzen an den unmittelbaren Lebensbedingungen an: am Arbeitsplatz, in der Gemeinde, in der Familie, in dem Bereich eben, wo wir leben. Das Frauengesundheitszentrum arbeitet nach diesem Prinzip.“

Das ist Teil des Konzepts des Frauengesundheitszentrums Graz, einem innovativen Modell, das für eine frauengerechte gesundheitliche Versorgung steht.

Herstory

Seit Dezember 1993 besteht dieses Frauenprojekt, dem sich dieStandard.at diesmal widmet. Bereits 1990/1991 schlossen sich Studentinnen und Ärztinnen zu einem Arbeitskreis zusammen, da Frauengesundheit in unserer Gesellschaft zu wenig berücksichtigt wird. Das daraus entstandene Konzept fand als Voraussetzung für die gelungene Umsetzung eine starke politische Unterstützung von Stadträtin Helga Konrad (spätere Frauenministerin), erzählt Geschäftsführerin Sylvia Groth im Gespräch mit dieStandard.at.

Das Frauengesundheitszentrum bringt „Erkenntnisse und Erfahrungen der Frauengesundheitsbewegung in die gesundheitliche Versorgung von Frauen ein und stärkt Frauen in ihrer Kompetenz für sich selbst und darin, ihre Rechte als Patientinnen einzufordern. Die Arbeit des Frauengesundheitszentrums zielt darauf ab, die Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit der Lebensbedingungen von Frauen einzubeziehen.“ So richtet sich auch das Angebot an Frauen aller Lebensphasen, Orientierungen und Herkünfte.

Orientierungshilfen

Die Mitarbeiterinnen geben Hilfe bei der Orientierung und zeigen auch alternative Möglichkeiten des Umgangs mit Gesundheit und Krankheit. Im Mittelpunkt steht die Frau mit ihren Bedürfnissen.

Das Frauengesundheitszentrum leistet kritische Gesundheitsinformation – unter anderem zur Förderung und Qualitätssicherung einer auf Frauen bezogenen Gesundheitsversorgung, zur Unterstützung der Partizipation von Frauen in der Gesundheitspolitik sowie zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfe. Die Suche nach Information ist gerade für die einzelne Frau sehr schwer: Die Informationen in Medien nehmen immer mehr zu und sind vielfältig, komplex und auch widersprüchlich. Die Bereitschaft zu alternativen Methoden und Sichtweisen wächst. Eine Orientierung, Einschätzung und Beurteilung der Informationen ist da selbst für ExpertInnen schwierig.

Angebote

Gerade auch in diesem Bereich leistet das Frauengesundheitszentrum sehr viel. Was aber findet frau alles dort? Im folgenden ein Auszug aus dem Angebot:

  • Kritische Information und Beratung zu körperlichen Veränderungen im Lebenslauf (z.B. Wechseljahre), Sexualität, Verhütung, gynäkologischen Erkrankungen und Operationen, Krebsfrüherkennung
  • Patientinnenrechte
  • Gesundheitsförderung
  • Psychotherapie
  • Gynäkologische Ordination
  • Kurse, Vorträge und Workshops zu Körpererfahrung, Sexualität, Bewegung, Selbsthilfe, etc.
  • Wissenschaftliche Bibliothek und Dokumentation zur Gesundheit von Frauen und Mädchen

Verhütung und Schwangerschaft

Aufgrund der großen Nachfrage zum Thema Verhütung wurde im September eine Verhütungs-Infoline eingerichtet, bei der die Hebamme Karin Hochreiter für Verhütungsfragen aller Art zur Verfügung steht.(Welche Verhütungsmittel gibt es? Für wen sind sie geeignet? Was sind die Folge- und Nebenwirkungen, was die Vor- und Nachteile? Etc.) Auf Wunsch kann auch ein persönlicher Beratungstermin vereinbart werden.

Um junge Frauen und Mädchen mit wenig Geld in ihrer Wahlfreiheit und Entscheidungsfindung zu unterstützen, gibt es seit letzten Jahres die Möglichkeit, diskret und vertraulich einen Schwangerschaftstest (zum Selbstkostenpreis von 20,- ATS) im Frauengesundheitszentrum zu machen. Wenn frau es wünscht, kann sie auch weitergehende Information und Beratung erhalten – sowohl über soziale Leistungen bei Schwangerschaft und Geburt als auch über einen Schwangerschaftsabbruch.

Strukturelle Veränderungen gewünscht

Ein weiteres Angebot ist „Dick und fit“, ein Bewegungsprogramm für stark übergewichtige Frauen, bei dem es nicht ums Abnehmen geht sondern um das körperliche und psychische Wohlbefinden der Frau. Der Erfolg gibt dem Frauengesundheitszentrum recht: Für die Schwimmgruppe, die im September begonnen hat, haben sich über 20 Frauen angemeldet, die sehr viel Spaß am Miteinander und der Bewegung haben.

Um sich nicht mit individualisierenden Strategien zufrieden zu geben, arbeitet das Frauengesundheitszentrum zweigleisig: Neben direkter Dienstleistungen für Frauen arbeitet es an strukturellen Veränderungen mit; es wirkt an einer frauengerechten Gesundheitspolitik mit und fördert eine spezifische Frauengesundheitsforschung und –praxis. Dementsprechend wichtig ist die Öffentlichkeitsarbeit.

Beispiele für Strukturarbeit

Wenn es ein Problem gibt, regt das Frauengesundheitszentrum mit anderen im Feld tätigen an, in dem Bereich aktiv zu werden (sektoral und interdisziplinär). So geschehen ist das beim Arbeitskreis „Gebären in Graz“. Am Landeskrankenhaus sind z.B. ein Viertel der Gebärenden oft nicht deutschsprachige Migrantinnen. Um interkulturelle Kompetenz zu erlangen und Missverständnissen auf beiden Seiten vorzubeugen, werden nun MitarbeiterInnen des Landeskrankenhauses in Fortbildungen sensibilisiert.

Auch das Modellprojekt „Frauengesundheitszentrum Leibnitz – Die Spinne und das Netz“, das im Dezember abgeschlossen wird, konnte erfolgreich ausgelagert werden. Der Fortbestand der Anlaufstelle für pflegende Frauen im Bezirk Leibnitz wurde damit gesichert.

Aktuelle Situation

Wie andere Frauenprojekte hat auch das Frauengesundheitszentrum „große finanzielle Probleme“. Finanziert von Stadt, Land und Bund muss zum Teil jährlich um Geld angesucht werden, wodurch keine Planung möglich ist, viel Arbeitskraft gebunden wird und viel Lobbying nötig ist. Meist muss sehr lange auf die Mittel gewartet werden, so Sylvia Groth, die sich Verträge wünscht – „natürlich mit Leistungsbindung“.

Zahlreiche Frauen nützen indes das Angebot des Frauengesundheitszentrums. „Wir haben viele Rückfragen und Anrufe und praktisch jeden Tag eine Idee – leider aber zuwenig Mittel.“ Die Evaluierung der Arbeit hat gezeigt, dass die Frauen sehr zufrieden sind. Ein Wermutstropfen bleibt den Angebotsnutzerinnen aber: Die Räumlichkeiten sind zu klein, ein 10-Jahres-Vertrag jedoch leider nicht so einfach zu lösen.

Kontakt

Frauengesundheitszentrum Graz
8010 Graz, Joanneumring 3
Tel.: 0316/83 79 98
Fax: 0316/83 79 98-25

Verhütungs-Infoline: Di von 17 bis 19, Tel.: 0664/99 27 442

E-Mail: frauen.gesundheit@fgz.co.at
www.fgz.co.at

Daniela Yeoh

Teil 25 der Serie Frauenprojekte in Österreich - Oktober 2000
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