Buddhas Lächeln im Monsun

21. März 2006, 13:21

Der Monsun setzt Kambodscha unter Wasser. Die gute Seite: während der Regenfälle bleiben die Tempel von Angkor von Touristengruppen unberührt.

Brigitte Voykowitsch

Der Monsun folgte seinem Rhythmus. Wir dem unseren. So wie jedes Jahr, wenn er sich nicht verspätet, erreichte er um diese Jahreszeit Kambodscha. Wir fuhren hin, weil es für uns paßte, spontan und ungeplant. So kam es zum abrupten Zusammentreffen. Bei der Landung in Phnom Penh brannte noch die Sonne auf uns herunter. Doch in der Nacht schwenkte das Wetter um, fiel plötzlich der Regen in wandartigen Schichten herunter. Am Morgen stand die Stadt unter Wasser.

Das macht das Fortkommen schwieriger. Den Regenumhang samt Kapuze übergeworfen, die Hosen aufgekrempelt, Sandalen in der Hand, wollen wir unserer Wege gehen. Doch Chey, der Rikschafahrer, der uns schon beim vorhergehenden Besuch durch die Gäßchen und Winkel seiner Stadt geleitet hat, kann das nicht zulassen. Einen Augenblick nur mögen wir uns gedulden, ruft er uns von der Mitte der Straße zu. Da stehen er und zwei seiner Kollegen, über die Untergestelle ihrer Gefährte gebeugt, und schrubben hingebungsvoll. Wenn das Wasser schon im Überfluß dasteht auf der Straße, dann darf das nicht ungenutzt bleiben.

Endlich Wasser. Ein Segen nach Monaten der Hitze. Eine Freude für die Kinder, für die der Schulweg zum munteren Planschen wird. Kurze Hosen sind ohnedies Teil der Schuluniform, auszutesten gilt es, wie hoch das Naß mit jedem vorsichtigen und jedem wilden Schritt hochschwappen, welche Zerrbilder der eigenen Gestalt das bewegte Wasser zurückwerfen wird. Regen, eine Enttäuschung für uns, die wir diesmal gekommen sind, weil wir das Land wiedersehen wollen abseits der großen, an Wirren reichen Politik? Keinesfalls, schon weil Monsun mehr ist als nur Regen.

Chey ist mit der Reinigung seiner Rikscha fertig und bereit, uns zu kutschieren. Langsam tritt er in die Pedale, die am untersten Punkt jeweils im Wasser versinken. Auch wir lassen die Füße hinaus ins Naß hängen. Und während wir uns derart fortbewegen in der durch den Regen stiller gewordenen Stadt, kehren Bilder zurück von anderen Orten, die der Regen in unserer Gegenwart ebenfalls so massiv heimgesucht hat.

Von Bombay etwa. Damals, als wir miterleben durften, wie der Monsun die Menschen von der brütenden Hitze erlöste. Da waren wir mit indischen Freunden – und, wie wir bald feststellen sollten, wie Hunderte andere Inder auch – zum Strand gefahren, um zu erleben, wie die Wasserwände auf das aufgewühlte Meer aufprallten. Ohne Regenschutz. Kein Schirm hätte dem Sturm standgehalten. Ein Mantel hätte am Körper versiegelt sein müssen, um Wirkung zu zeigen. Denn die Wasserfälle von oben waren in ihrer Richtung unberechenbar. Also standen wir da, ließen den Regen einfach gewähren, wie er auf uns von allen Seiten niederprasselte. Durchnäßte, triefende Gestalten. Der Monsun war da. Endlich.

Der Monsun hat uns auch beim letzten Mal durch Kambodscha begleitet, bei unserem ersten Besuch in Angkor. Das verringerte zwar die Zahl der Fotos, die wir machten, an manchen Tagen blieb die Kamera gleich im Hotel. Schade, rückblickend gesehen. Doch das Erleben war direkter. Und ungestörter, schon weil die großen Reisegruppen den Regen scheuen und nur das Schönwetter begehren.

Nach Angkor führt uns – in Begleitung des Monsuns – auch diesmal die weitere Reise, zu den Tempeln, deren einer, Angkor Wat, die kambodschanische Flagge ziert. Als Symbol für das einstige Reich der Khmer, das in seiner gewaltigen Ausdehnung weite Teile der heutigen Nachbarländer Kambodschas umfaßte. Fünf Jahrhunderte hindurch herrschten Khmer-Dynastien von einem Angkor aus, das die Ausmaße des heutigen Los Angeles gehabt haben und zu manchen Zeiten von einer Million Menschen bewohnt gewesen sein soll. Unter einer Invasion der Thais brach das Reich dann im 15. Jh. zusammen. Und der Dschungel begann, sich schrittweise sein Terrain zurückzuholen.

Im Gedenken der Kambodschaner lebte das Reich weiter, für die Außenwelt blieb es ein Mythos, bis im vorigen Jahrhundert französische Forscher die verbleibenden Zeugnisse einer großen Vergangenheit wieder entdeckten. Von den einst tausend Tempeln hatten viele dem Vordringen der Natur nicht standhalten können. Doch was – in den verschiedenen Stadien des Verfalls – aufzufinden war, riß die Neuentdecker und Reisenden in deren Gefolge zu weltumspannenden Vergleichen hin. „Großartiger als alles, was Griechenland und Rom je hervorbrachten.“ – „Von Händen eines östlichen Michelangelo geschaffen,“ befanden französische Schwärmer. Manch einer wollte gar das Taj Mahal verblassen spüren vor den Buddhas in Angkor. Vor deren Lächeln aber versagte den meisten die Eloquenz, da fanden sich keine geeigneten Worte mehr, um sprachlich zu fassen, was die Schöpfer Unwiderstehliches in ihre Buddha-Gesichter gelegt hatten.

Für unseren Begleiter Ek ist Rom fern, die griechische Kultur war nicht Teil der geringen Schulbildung, die er vor dem politischen Hintergrund seiner Zeit mitbekommen hat können. Und das Taj wird er nie zu Gesicht bekommen. Kunstgeschichtliche Abhandlungen und Vergleiche sind das Seine nicht. Doch hierher, zu den Tempeln Angkors, zieht es ihn beständig zurück, auch alleine, wenn er keine Touristen geleiten muß. Da findet er eine Ruhe, die nur dieser Ort ihm geben kann. Da sieht er den kahlgeschorenen, weißgekleideten Nonnen oder den rotgewandeten Mönchen zu, wie sie ihre Kerzen entzünden und Gebete verrichten. Die Gedanken werden ruhiger, und irgendwie, sagt er uns, kommt er besser zurecht mit der eigenen Geschichte.

Diese Geschichte ist eng verknüpft mit der des Landes und hat auch Angkor nicht verschont. Kein noch so auf Genuß, Kultur und Nur-keine-Politik ausgerichteter Besucher kommt gänzlich um sie herum. Schon weil alle Touristen hier den Begleiter benötigen, der die sicheren Pfade zwischen den Tempeln kennt. Viele Minen aus dem Krieg gegen die Roten Khmer sind geräumt, doch niemand kann garantieren, daß außerhalb der markierten Wege nicht doch noch Gefahr droht. Nur wer sich an die Regeln hält, den vorgegebenen Pfaden folgt und vor Einbruch der Dunkelheit das Terrain verläßt, darf sich sicher wähnen.

Die Touristen kommen auch wieder in größerer Zahl, seit das Land mit den von den Vereinten Nationen 1993 überwachten Wahlen zu einem labilen Frieden gefunden hat. Direkt aus Bangkok kann seit kurzem die bei Angkor gelegene Stadt Siem Reap anfliegen, wem nur nach dem bedeutendsten Kulturerbe Kambodschas der Sinn steht. Als Tagesausflug (kein Problem mit der Kulturfixiertheit, nur ein Tag reicht schlicht nicht aus) – und unter relativer Umgehung der jüngeren Geschichte, die uns Ek aus seinem Erleben schildert.

Unter dem mächtigen Stamm eines Baumes, der durch Tempelmauern hindurch und über sie hinweg gewachsen ist, hat sich Ek niedergesetzt, um uns wissen zu lassen, wie das damals war unter dem Terrorregime der Roten Khmer Ende der siebziger Jahre. Wie er als einziger aus _einer zehnköpfigen Familie überlebte. „Ihr müßt Tuol Sleng in Phnom Penh besuchen, das einstige Folterzentrum der Roten Khmer. Heute ist es ein Museum,“ sagt er uns. Wir waren da.

Mit einer Abruptheit, die uns von früheren Begegnungen mit Kambodschanern vertraut geworden ist, wendet er sich gleich wieder vom Thema ab. „Seht wie dem Buddha das Wasser von seinen Ohren tropft,“ deutet er lächelnd nach oben. „Und wie ihr angegossen da sitzt. Irgendwann müßt ihr ohne den Monsun kommen,“ fährt er fort. „Wieder für mehrere Tage.“ Dann will er uns Angkor von neuem zeigen, jeden Tempel in dem Licht, in dem er auf ihn am allerschönsten wirkt. Den einen früh morgens, gleich bei Sonnenaufgang, den anderen, wenn sich langsam die Abendsonne heruntersenkt und den Stein in einem warmen Licht erglühen läßt. Dann wird er unser Ohr einstimmen auf die vielfältigen Dschungelgeräusche, die jetzt vom strömenden Wasser überspielt werden.

Wenn noch genug Dschungel da ist. Denn abgeholzt wird wild und unkontrolliert. Wie zugleich nächtens und offenkundig unter Beteiligung des Militärs abgetragen wird, was an Relieffragmenten und Buddha-Bildnissen auf dem internationalen Markt dollarträchtig ist. Lediglich die Haupttempel sind ausreichend geschützt. Aber Angkor, meint Ek zuversichtlich, hat so vieles überstanden. „Wie auch wir Kambodschaner selbst. Vielleicht finden wir als Land wieder zur der Ruhe, die in Angkor in Stein gemeißelt ist.“

Es ist Abend geworden. Der Regen fällt unablässig. Wenn die Maschine am nächsten Tag wie vorgesehen von Siem Reap wegkommt, dann können wir sicher sein: In Phnom Penh wird Chey schon auf uns warten – mit einer monsungereinigten Rikscha.

DER STANDARD Samstag/Sonntag, 18./19. April 1998

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