Bebende Berge, zitternde Vögel

25. September 2003, 10:52
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Vulkane und Bauernland prägen das Gesicht der Insel Java, die im Gegensatz zu Bali noch so etwas wie ein Minderheiten-Programm ist.

Gespenstische, angstmachende Szenerie: Auf dem schmalen, völlig ungesicherten Rand des Kraters drängen sich an Wochenenden Aberhunderte von Menschen. Indonesische Schulklassen mit Ghetto-Blasters auf den Schultern, japanische Reisegruppen mit Masken vor den Gesichtern, ein paar verloren wirkende, esoterisch angehauchte Europäer. Es ist fünf Uhr früh, es ist noch finster und es ist ziemlich kalt. Der Bromo ruft wie jeden Morgen zum Sonnenaufgang in 2300m Höhe. Er tut das weithin sichtbar mit einer schwefelstinkenden Rauchwolke, er tut es hörbar mit dumpfem Grollen und spürbar mit feinem Aschenregen auf der Haut. „Ganz harmlos,“ sagen die Einheimischen, „er bricht nicht aus.“ Also gut.

Sonnenaufgang auf dem Bromo, das heißt Wecken um drei Uhr früh, das heißt viel warme Kleidung und ein bißchen heißer Tee im Berghotel. Auffahrt mit dem Jeep, von der Landschaft sieht man noch gar nichts. Umsteigen auf kleine, auch zu dieser Tageszeit schon recht lebendige Pferdchen. Sie tasten sich den Vorberg hinunter, ihr Führer beleuchtet den Weg mit einer Taschenlampe, und wir kommen in die Caldera. Den ehemaligen Krater umgeben sechs Vulkane, zwei davon sind noch tätig. Über die steilen Lava-Flanken des Bromo führt eine Steintreppe zum Kraterrand. Es dampft und raucht, es brodelt und stinkt. Und direkt am Abgrund des zwei Meter schmalen Randes posieren kichernde japanische Mädchen mit eingebundenen Nasen und Disco-Schuhen. Und sehr männlich tuende indonesische Halbwüchsige mit Macho-Sprüchen und Macho-Gebärden. Eine skurrile Szenerie.

Nach ein paar Metern zaghafter Kraterrand-Wanderung kann man sich dann endlich auf das konzentrieren, weswegen man eigentlich gekommen ist. Da also hoch oben über Java und wartet. Tief unten warten im Halbdunkel die Pferde mit ihren Führern. Im Osten wird es langsam heller, und eine Wolkenbank läßt den Horizont verschwimmen. Die schmale Mondsichel und die hellglänzenden Sterne verabschieden sich. Und dann kommt sie, die Langersehnte, die Sonne. Sie ist riesengroß und dunkelrot. Manche jubeln, manche meditieren, manche singen, und viele sind einfach nur stumm, überwältigt und hundemüde.

Der Rückweg wird zum Ritt durch eine windverblasene Staubwüste. Vermummt, verdreckt und verschwitzt erreicht man das Hotel. Es ist acht Uhr morgens, die Dusche funktioniert, die Klimaanlage ebenfalls, das Frühstück schmeckt besonders gut und das Bett ruft unwiderstehlich.

Die Berglandschaften Ostjavas sind einfach wunderschön, die Dörfer sauber, die Häuser bunt gestrichen. Wie’s scheint, kann man hier vom Vulkan-Tourismus und vom Ackerbau ausreichend gut leben.

Geld verdienen

Felder in verschiedenen Grüntönen, dazwischen schmale Kanäle. Der Bauer ackert mit dem Wasserbüffel. Das lehmverschmierte Tier gehört ihm vielleicht, das gatschige Reisfeld gehört ihm wahrscheinlich nicht. Er und seine Familie haben zu essen vom „Zehent“ des Grundbesitzers und von den Erträgen des kleinen Gärtchens neben der Hütte. Irgendwer in der großen Familie wird auch noch ein bißchen Bargeld dazuverdienen müssen. Der Bauer lacht und posiert und freut sich, weil er fotografiert wird. Er ist ebenso freundlich wie alle anderen Menschen, die wir in diesen Tagen treffen, auch in den großen Städten. Wir geben ihm als kleine Anerkennung 500 Rupien, das sind zwei Schilling. Wanto, unser streng moslemischer, intellektueller Führer tadelt uns deswegen, „ihr werdet ihn verderben“.

Ein kleiner Fluß irgendwo am Diem-Plateau, wo es auch sehr vulkanisch ist. Die Frauen haben Waschtag. Schmal und dunkelhäutig sind sie und haben den Sarong, dieses buntbedruckte Stück Tuch, um die Taille geschlungen, eine anliegende Bluse und der bunte, kegelförmige Hut vollenden ein Bild wie aus dem Band „Indonesien pur“. Die kleinen Kinder haben Feiertag. Ungeniert hüpfen sie im Wasser herum. Beim Näherkommen ein erstes zaghaftes Lächeln, ein freundlicher Gruß, Neugierde auf beiden Seiten. Fotografen geraten auf dieser Insel immer wieder in Ekstase.

Verschnaufpause irgendwo in Mitteljava. Ein paar Standeln mit Kokosnüssen, Bananen, Schlangenhautfrüchten, ein improvisierter Markt. Ein Mann entpuppt sich als Gelegenheits-Masseur. Verspannungen lösen sich, Spannungen bauen sich auf: überall bunte Behältnisse mit gefangenen Vögeln. Es gibt in ganz Java fast kein Haus, vor dem nicht zumindest ein Vogelkäfig hängt.

Damit aber noch nicht genug. Junge Burschen zeigen stolz ihre Kampfhähne mit den messerscharfen Klauen und bieten sie zum Verkauf an. Offiziell ist der Hahnenkampf verboten, allerdings werden wir mehr als einmal eingeladen, einem solchen beizuwohnen.

Ein kleines Dorf irgendwo. Der Wanderzirkus ist vorbeigekommen. Irgendwo ganz hinten hocken drei Affenbabys, verschreckt und mit unendlich traurigen Augen, in einem winzigen Verschlag. Ein Schlangenmensch windet sich durch ein schmales Faß, ein Artist zerkaut Glühbirnen, Feuer wird geschluckt und ausgespuckt, Trommelwirbel und großes Staunen.

800 km Autofahrt durch Mittel- und Ostjava. Die Straßen sind zwei- bis zweieinhalbspurig und gehen unbefestigt und ohne Bankette in die Dörfer über. Und hier in Java, der am dichtesten besiedelten Insel der Region, gibt es eigentlich fast immer nur Dörfer.

Auf den Straßen bewegt sich alles: die schweren Fernlaster mit Anhänger, die schnellen Überland- und die lokalen Busse, die flotten Kleintransporter und die – noch wenigen – Privatautos. Reisegeschwindigkeit rund 80km/h mit ununterbrochenen Überholmanövern und ungezählten „near misses“. Zu überholen wären die Kleinwagen, die Ochsenkarren und die Fahrrad-Rikschas. Dazwischen in gleicher Richtung oder entgegenkommend eine unüberschaubare Masse an Motorrädern, Mopeds, Mofas und Fahrrädern. Java muß wohl eine besonders hohe Dichte an einspurigen Fahrzeugen aufweisen und eine recht beeindruckende Unfallbilanz. Es herrscht übrigens Helmpflicht, der Helm ist allerdings ein dünner Plastikhut. Darunter hübsche Schulmädchen, verschleierte Frauen, verwegene Burschen und alte Männer.

Sichtlich nicht reglementiert ist die Personenanzahl, und so hockt dann eine vierköpfige Familie auf irgendeinem 50-Kubik-Gefährt. Straßenbefestigung sind ein Meter breite Schotterstreifen. Hier bewegen sich die Fahrräder, die Fußgänger, Hühner, Ziegen und allerhand anderes Kleingetier. Unmittelbar dahinter beginnen die Dörfer samt Dorfleben im Freien oder die Reisfelder mit Ernte- oder Anbauaktivitäten.

Leben erfahren

Irgendwie geht der Wahnsinnsverkehr fast reibungslos vonstatten. Kein Schimpfen, keine Hektik, jeder läßt jeden anstandslos in die Kolonne einordnen, auch wenn er noch so riskant überholt. Nach insgesamt 20 Stunden Autofahrt haben wir keinen einzigen Unfall erlebt, nur einige wenige gefährliche Situationen durchgestanden und ein paar Autowracks am Straßenrand gesichtet. Und im übrigen kann man sich nicht 20 Stunden lang fürchten.

Borobodur und Prambanan, zwei weltberühmte, beeindruckende Tempelanlagen. Für viele Bildungsreisende der einzige Grund, nach Java zu kommen. Nähere Angaben dazu stehen in jedem Reiseführer, aber da steht auch, daß die Wissenschafter gar nicht sicher sind, zu welchem Zweck die riesigen, kunstvollen, dunklen Lavagestein-Bauten mit all den Skulpturen aufgetürmt wurden. Für einen Tempel hatten sie zuwenig Innenraum, als Grabmal waren sie auch nicht geeignet.

Wer aber seine Kraterbesichtigungen bereits hinter sich hat und die Fotos vergleicht, für den ergibt sich eine gewisse Logik. Oft haben Naturvölker unbekannte, unbegreifliche und unbeherrschbare Ängste gestaltet, um sie leichter bewältigen zu können. Und die Ähnlichkeit zwischen den dunklen Vulkankegeln und den kegelförmigen Tempeln ist frappierend. (Der Standard, Printausgabe)

Von Susanne Mitterbauer
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