Barfuß im Park

10. Mai 2005, 22:23
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Ringsum schwebt eine Wolke aus rosaroten Kirschblüten, und kleinere Blitzlichtgewitter ziehen an den Baumkronen vorbei - Die Kirschblüte lockt nicht nur Japaner ins Grüne

"Ein Japaner ist nur ohne Schuhe höflich" sagt ein allzu gestrenges Sprichwort über die doch stets freundlich lächelnden Ostasiaten, und so ist man in Hikones frühlingshaftem Burggarten vermutlich besonders gut bedient. Denn längst haben es sich die zahlreichen Nadelstreif-Samurais gemütlich gemacht auf ihren duftenden Logenplätzen: Die Bambusmatten sind aufgerollt, die Socken unter den abgelegten Schweinslederschlüpfern ebenfalls. Ringsum schwebt eine Wolke aus rosaroten Kirschblüten, und kleinere Blitzlichtgewitter ziehen an den Baumkronen vorbei. Sake? Whiskey? Sushi und Sashimi? Auch daran herrscht kein Mangel, und tragbare Karaoke-Anlagen lassen den späteren Zeitvertreib bereits jetzt, zur Stunde der schräg hereinsickernden Abendröte, mühelos erahnen.

Doch zunächst gibt es im Rahmen der diesjährigen Kirschblüten-Party noch anderes zu loben als die glockenklare Stimme der Kollegin vom EDV-Zimmer 204. Etwa die Laufburschen der Firma, die auch heuer wieder gute Arbeit geleistet haben. Schließlich braucht es schon einiges Talent, um Anfang April einen der besseren Picknickplätze zu ergattern. Klar, ein Platz wie Hikone erleichtert das Gerangel mit den "Reserviert"-Schildchen schon ein wenig: Mehr als 1000 alte Kirschbäume machen die 1622 fertiggestellte Burg und den angrenzenden Genkyu-en-Garten zu einem ebenso weitläufigen wie berühmten Schauplatz für das japanische Nationalspektakel "Ohanami": Kirschblütenschauen.

Das Schnuppern, Schwelgen und Heranzoomen inmitten der delikaten Blütenpracht ist freilich nur der Höhepunkt des alljährlich über Japan hereinbrechenden Kirschenfiebers. Schon Wochen zuvor berichten nationale Fernsehsender und lokale Provinzblätter über den aktuellen Zustand der Knospen, und wetteifern darum, die exaktesten Voraussagen zum Öffnen der Blüten zu machen. Traditionelle Konditoreien schüren mit Kirschküchlein die süße Lust am bevorstehenden Fest und erinnern so an die jahrhundertealte Tradition des Ohanami, das seinen Ursprung im ländlichen Reisbau findet. Immerhin galten die Kirschblütenzweige einst als beliebter Aufenthaltsort der Reisfeldgeister, die von hier aus den Bauern beim Arbeiten zuschauten: Japans Kirschblüte fällt seit jeher mit dem Beginn des einst überlebenswichtigen Reispflanzens zusammen.

Dem vergleichsweise einsam am Ufer des blitzblauen Biwa-Sees gelegenen Burgstädtchen Hikone, dessen mächtiger dreistöckiger Donjon (Zentralturm) von weither sichtbar über lange Mauerwälle, Teehäuser und Gärten aufragt, bleibt dabei bloß der Status eines Ohanami-Insidertips vorbehalten. Als der "Klassiker" schlechthin gilt nämlich die 50 Kilometer entfernte ehemalige Kaiserstadt Kyoto. Von 794 bis 1868 hielt der Kaiser hier Hof, und in den 50er Jahren flogen sogar die Bomber der US-Airforce am reichen historischen Erbe der einstigen Hauptstadt vorbei. Antike Holzhäuser in engen Gassen, rare Meisterwerke der japanischen Gartenarchitektur und natürlich eine mächtige Burganlage blieben der Nachwelt so erhalten - was die Stadt auch jenseits der Kirschblüte zum Gralshüter japanischer Tradition macht. 40 Millionen Besucher bestaunen hier alljährlich die Goldpagode von Kinkaku, meditieren im berühmten Felsengarten des Ryoan-ji Tempels oder sehen im Unterhaltungsviertel Pontocho den letzten Protagonisten der aussterbenden Geisha-Zunft auf die grazilen Finger.

Zu den Top-Attraktionen der trotz allem überschaubar gebliebenen Kaiserstadt zählt auch Nijo-jo, die Burg im Nordwesten Kyotos. Ieyasu, der erste Shogun des Tokugawa-Geschlechts, machte es sich im 17. Jahrhundert hier und im angrenzenden Ninomaru Palast gemütlich - zwischen lautlos gleitenden Shoji-Schiebetüren, elastischen Tatami-Reisstrohmatten und gefällig gestutzten Azaleenbüschen, die im vorgerückten Frühling passionierte Blütenschauer mit einem kleinen Nachschlag versorgen. Daß die von Touristenheeren belagerte Burg selbst dann nicht bis zum Zerplatzen eingenommen wird, garantieren im Nijo-jo nicht länger Ieyasus verräterrisch quietschende "Nachtigall-Dielen", sondern vielmehr ein strenger Schuh-Numerus-Clausus: Eine limitierte Zahl von Schuhkästchen reguliert hier das barfüßige Vorrücken aufs blank polierte Umlauf-Holz. (Der Standard, Printausgabe)

Von Robert Haidinger
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