Meiyou, Mauern, Mandarin

1. Juli 2005, 14:17
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China zu zweit-alleine: Man muss nicht Mandarin sprechen, um das Reich der Mitte zu bereisen. Ein paar Brocken genügen und eine Portion Flexibilität

Mei you, das chinesische Pendant zum alpenländischen Hamma net, geht schnell ins Ohr. Mehr noch: Es wird spürbar, baut sich auf wie eine mächtige Mauer, der steinernen chinesischen an Umfang nicht vergleichbar, aber – anders als diese – unüberwindbar. Mei you, kam es uns am Fahrkartenschalter von Nanjing entgegen. Mei you was? Karten oder den ganzen Zug? Aber der steht doch da fix am Fahrplan. Täglich um 13 Uhr. Warum dann nicht morgen? Mei you. Also dann Tickets für den um 15 Uhr. Die Mei you-Mauer nimmt an Stärke zu. Dann ein kleines Loch in der Festung: Wollen Sie Karten für 17 Uhr? Wollten wir zwar nicht, aber bevor sich die Kommunikationslücke endgültig schließt, greifen wir zu.

Und bereuen es am nächsten Morgen. Denn da prasselt der Regen auf uns herunter. Alles, was wir wollen, ist zurück ins vertraute Shanghai. Da gab es, fällt uns ein, doch noch den Zug um 11 Uhr.

Erraten. Mei you, heißt es am Bahnhof. Dafür ist nun der Zug um 13 Uhr verfügbar. Extra für uns, wollen wir schon fragen, aber da kommen doch noch drei andere Passagiere in die gähnend leeren Abteile.

Mit unseren rudimentären Chinesischkenntnissen hat das Erlebnis nicht zu tun, wird uns Wochen später eine Bekannte versichern, die der Sprache mächtig ist. Sie hätte vielleicht pointierter nachfragen können, aber am Mei you ist auch sie in ihren langen Jahren im Reich der Mitte immer wieder gescheitert.

Was sich am Nanjinger Bahnhof zutrug, ist indes, obzwar es am Anfang dieser Geschichte steht, nicht typisch für die Erfahrungen der Zu-zweit-allein-Reisenden. Vor Nanjing waren wir schon in Beijing, bei der Großen Mauer, den Ming-Gräbern, in Tienjin, Xi’an, bei der Terracotta-Armee, in Shanghai und Suzhou. Per Zug, Flug, öffentlichen Bussen und privaten Minibussen, U-Bahnen in der Stadt und immer wieder Taxis. Und alles ging glatt. In den größeren Städten trafen wir bisweilen auf Freundlichkeit, gepaart mit gutem Englisch, ansonsten mindest auf den guten Willen, unsere bemühten Mandarinbrocken bis -sätze zu verstehen. Mei you? Mei you – bis Nanjing.

Dafür aber, schon weit vorher, in Xi’an, das Erfolgserlebnis. Mit unseren Chinesischkenntnissen. Nein, wir beherrschen die Sprache nicht. Noch nicht. Aber ein paar Hundert Wörter, dazu kommen die Grundgrammatik und die unbeirrbare Entschlossenheit, das auch anzuwenden, mehr noch, das zu einem echten kleinen Streitgespräch zusammenzufügen, das macht einen Unterschied.

In Xi’an waren wir also. Unser Reiseführer, einer für Einzelreisende und generell ein Verächter organisierter Touren, legte uns diesmal nahe, doch lieber eine solche zu buchen. Denn die Sehenswürdigkeiten (die Terracotta-Armee, der Grabhügel des ersten chinesischen Kaisers sowie die diverser Nachfolger, ein Museum mit einer weiteren, kleineren Terracotta-Armee, neolithische Ausgrabungen und und und) liegen nicht in, sondern um Xi’an. Einen öffentlichen Bus, der bei allen diesen Orten vorbeikommt, aber gibt es nicht.

Mangelndes Vertrauen in unser Chinesisch, Bequemlichkeit, blindes Vertrauen in ein Buch? Wir buchten jedenfalls eine Tour. Eine, wie sich tags darauf herausstellen sollte, bei der wir die einzigen Ausländer waren. Nur Chinesen saßen mit uns im Minibus, und sobald die es sich gemütlich gemacht hatten, legte der Führer los. Auf chinesisch.

Sei’s drum, dachten wir. Bis zur zweiten, unvorhergesehenen Station – einer Pyramide, mit Sphinx davor und tönernen Kamelen daneben. Wozu (aus chinesischer Sicht) in die Ferne schweifen. Ägypten, wunderbar rekonstruiert, liegt gleich bei Xi’an. Die Mitreisenden stürmen rein, wir beschließen, draußen zu warten. Und warten. Wie lange noch, wagen wir – auf Mandarin und ohnedies erst nach einer halben Stunde – den ebenfalls wartenden Führer zu fragen. Drinnen, wird uns knapp erklärt, gibt es viel zu sehen, auch ein Video. Also wie lange müssen wir warten? Bis die anderen wieder da sind.

Moment mal, bei der ersten Station, einem interessanten kleinen Museum mit chinesischer Kunst, da waren wir zwei gerade in Raum drei und wurden schon zum Bus zurückbeordert, weil die chinesischen Mitreisenden bereits durch und ungeduldig waren. Warum..? Wir müssen warten, kommt es monoton zurück. Und dann, schon vehementer: Wir sind zusammen weggefahren, also müssen wir zusammen bleiben und zusammen wieder zurückkommen. Müssen wir nicht. Dort, auf der Hauptstraße, das haben wir in den mittlerweile 45 Minuten beobachten können, fahren genügend Busse, Minibusse, Taxis, Rikscha-ähnliche Gefährte. Da wird uns doch jemand mitnehmen.

Tatsächlich. Es genügt, wartend da zu stehen. Jedes Gefährt hält prompt an, wir nennen kurz unser Ziel, paßt es, sind wir auch schon drin in Bus/Minibus/Rikscha. Was uns die Tour an einem Tag bieten wollte, schaffen wir auch so. Leid tun uns nur die zwei Europäer, die wir später am Eingang zu der Terracotta-Armee sehen. Mit langen Gesichtern, hinten dran an einer rein chinesischen Gruppe. So hätten wir doch beinahe ausgesehen.

Ein Erfolg macht Mut. Bislang haben wir stets in Lokalen gegessen, die auch eine englische Speisekarte haben, in Selbstbedienungsrestaurants oder von Standln am Straßenrand, wo ein sprachloser Fingerzeig ausreicht. In Shanghai wollen wir mehr.

Nichts wie hinein in das kleine Lokal in der Seitengasse, wo keine Fremden eingeplant sind. Mit Selbstverständlichkeit die rein chinesische Karte entgegennehmen und dann gelassen suchen. Drängt die Kellnerin auf Bestellung, bitten wir sie mit ruhiger Geste zu mehr Geduld.

Zeigt doch blind auf irgendwas und laßt euch überraschen, mögen Sie als Leser einwerfen. Wie denn? Wenn wir vegetarisch essen wollen. Aber es gibt Tricks. Da steht doch ein chinesisches Zeichen für Huhn, ein anderes bedeutet Fleisch, eines Fisch. Wenn die nicht vorkommen und das Gericht noch dazu in der Rubrik Vorspeisen oder Gemüse steht, dann müßte es doch hinhauen. Wir bestellen, warten. Die erste Vorspeise kommt: gebratene Hühnerfüße. Aus ist es mit der simplen Theorie von den Zeichen.

Und es kostet Mühe, die Kellnerin davon zu überzeugen, daß wir diese Kostbarkeit nun wirklich nicht wollen. Endlich, widerstrebend, serviert sie ab. Zweiter Anlauf: das unvermeidliche grüne Gemüse, ein Reis mit Fisch (nein, da ist kein Fleisch drin, mei you, versichert die Kellnerin. Wie beruhigend das Mei you plötzlich klingt).

Das nächste Mal klappt es schon besser – nur nicht aufgeben, das wäre eine beschämende Niederlage – und tatsächlich: Wir bestellen wahre Köstlichkeiten. Im Blindflug bisweilen, ein andermal mit Worten. „Sie sprechen gut Mandarin,“ würdigt eine Snack-Standlerin endlich unsere Bemühungen.

Was derart mühsam erarbeitet ist, gehört dokumentiert. Haben wir wirklich dauernd gegessen, fragen wir uns dann bei der Diaschau zu Hause? Die Stäbchen in der Hand, die Stäbchen auf dem Weg zum Teller, das Teigtascherl fest zwischen den Stäbchen eingeklemmt, die Ente (Vegetarier-Ausnahmen müssen sein) zwischen Stäbchen auf dem Weg zum Mund...

Nein, wir sind doch stundenlang die Mauer bergauf und bergab gekraxelt, Stunden durch die Verbotene Stadt gewandert, haben in Nanjing das Mausoleum von Republiksbegründer Sun Yat-sen besucht, in Suzhou nachgespürt, warum die schon von Marco Polo bereiste Stadt einst mit Venedig verglichen wurde, waren an dem Ort in Shanghai, wo die damals illegale KP ihren ersten Parteitag abhielt, waren in Tempeln und Museen. Das kostet Energie. Kein Wunder, daß wir schon wie die Chinesen grüßen: „Ni chi fan le ma? Haben Sie gegessen?“ (Der Standard, Printausgabe)

Von Brigitte Voykowitsch
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