Stadt mit Turbo-Lader

1. Juli 2005, 14:17
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Auf der Suche nach Geschichte in der futuristischen Metropole Hongkong

Wang Yan-shing kommt fast täglich in die Hong Lok-Street. Und nie allein. Mit von der Partie ist immer sein Papagei. Der 65jährige und sein gefiederter Gefährte finden hier Gleichgesinnte respektive Artgenossen. Wang fühlt sich wohl vor dieser Kulisse menschlichen und tierischen Stimmengewirrs. Hier, am Vogelmarkt, hat er vor Jahren seinen Papagei erstanden. Wie einige seiner Bekannten, vorwiegend ältere Herren, die ihren. Während sich Touristen am Lokalkolorit erfreuen, Einheimische über Preise von Vögeln oder Käfigen schachern, tauschen Wang und Co. ihre Neuigkeiten aus. Fast täglich, immer am selben Ort, an ihrem Ruhepol in der frenetischen Wirtschaftsmetropole Hongkong.

Die winzige Straße im Stadtteil Kowloon ist eng und dunkel, die rund einhundert Verkaufsstände drängen sich aneinander. Wird das Gewühl allzu dicht, so muß Wang schon damit rechnen, kurz von seinem Gesprächspartner getrennt zu werden. Dennoch, Hong Lok Street ist sein zweites Zuhause.

War sein zweites Zuhause, wird er bald sagen müssen. Denn nun wird der Vogelmarkt verlegt, in die Yuen Po-Straße, ebenfalls in Kowloon. Dort soll alles größer und großzügiger angelegt sein und, meinen mindest die Planer, mehr Touristen anlocken.

Für Wang zählt der Verlust. Wieder ein Stück weniger von seinem Hongkong. Nicht überall hat er so dazu gehört, wie in der Bird Street. Den Hongkong Club, in dem sich fast ein Jahrhundert lang die Haute Volée der britischen Kronkolonie tummelte, hat er, ein pensionierter kleiner Angestellter, nie betreten. Aber er ist oft und gern vorbeigegangen an dem Kolonialbau. Bis 1981. Da mußte es einem Bürohochhaus weichen.

Auch mit der Kowloon-Kanton-Eisenbahn ist Wang nie gefahren. Wang hat Hongkong überhaupt nie verlassen. Der alte Bahnhof im indobyzantinischen Stil aber war ihm ans Herz gewachsen. So ein traditionelles Gebäude regt auch bei einem Nichtreisenden mehr Fantasie an als der weitläufige moderne Komplex drüben in Tsimshatsui East, wo jetzt die Züge ins südchinesische Kanton abfahren.

1978 wurde der alte Bahnhof demoliert. Nur der Uhrturm ist übriggeblieben. Gleich daneben wurde ein Jahrzehnt später das ultramoderne Kulturzentrum hochgezogen. Wang mag es, das gibt er schon zu. Er hat sich auch schon unter die Hongkonger Jugend gemischt, wenn die sich auf den Treppen des Zen- trums zu einem Freiluft-Popkonzert einfand. Aber was bleibt von „seinem“ Hongkong? Dem, das noch aus Ziegeln und Steinen und auch aus Holz erbaut war? Wang ist kein einsamer Sentimentaler in der immer in Richtung Zukunft und Gewinnoptimierung hechelnden Stadt. Hinter den Glitzerfassaden der Glas- und Betonpaläste, hinter Börsen- und Wirtschaftsdaten, Großbaustellen und neuen Landaufschüttungen, hinter dem immer Mehr und immer Weiter und immer Schneller der Großabsahner lebt eine andere Stadt, mit ihrem eigenen Tempo und ihren eigenen Anliegen. Da gibt es mehr Sentimentale wie Wang. Menschen, die sich Fragen nach dem Woher und dem Wohin nicht in Kategorien von Profit und Bereicherung stellen.

Woher und wohin

36 Jahre ist der Choreograph Pun Siu-fai. Auch er sucht vergeblich nach dem Hongkong seiner Kindheit. Das zum Lebensprinzip der Stadt erhobenen „Immer vorwärts und mit Tempo“ empfindet er als zutiefst verunsichernd. Im Strudel der Veränderung sucht er Halt, etwas, das von Dauer und Bestand ist. Die Titel seiner Tanzchoreographien – „Verloren in einer melodramatischen Stadt“, „Notizen aus einer schizophrenen Stadt“ – widerspiegeln sein Verlorensein. (Der Standard, Printausgabe)

Von Brigitte Voykowitsch
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