Zeitloses weites Land

13. Mai 2005, 10:24
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In Queensland, der nordöstlichen Provinz, verschwimmen die Begriffe von Raum und Zeit in der unendlichen Weite eines faszinierenden Landes. Und das Fehlen von Grenzen vermittelt einen Hauch von Freiheit.

Mitten auf dem Capricorn Highway klebt ein Känguru auf dem Asphalt. Wenige Kilometer weiter das nächste. Sie wurden von einem der mächtigen Road Trains überrollt. Die Sattelschlepper, die sich mit bis zu vier Anhängern, 60 Reifen und mehreren Hundert Tonnen Gewicht über die Bundesstraße quälen, können bei Wildwechsel nicht bremsen. Und es gibt Millionen von Kängurus, die den Highway überqueren, der sich von Rockhampton an der Ostküste Australiens seinen Weg entlang des Capricorns – des südlichen Wendekreises – ins Innere von Queensland sucht und dessen Spur sich irgendwo im Outback im Sand der angrenzenden Wüste verliert. Irgendwann.

Wetter und Aasfresser kümmern sich um die Kadaver der Beuteltiere. Ganz selten, daß ein Autofahrer stehenbleibt, um deren Überreste von der Fahrbahn zu schaffen. Es sei denn, es handelt sich um ausgewachsene Kaliber, die durch ihre Größe zu einem Verkehrshindernis würden, ließe man sie liegen. Meist erwischt es aber junge Kängurus. Die sind einfach zu langsam und kennen die Gefahr noch nicht, erklärt Dan, einer der Parkwächter des Carnarvon National Parks südlich des Capricorn Highways.

In diesem großzügig angelegten Naturreservat mit seiner gleichermaßen üppigen wie seltenen Fauna und Flora, mit Schluchten, Wasserfällen, Flüssen und Seen, findet sich auch ein Teil des zweiten australischen Klischees: jahrhundertealte Felsmalerei der Urbevölkerung Australiens. Die mit roter, aus Erde und Pflanzen gewonnener Farbe bemalte Felswand, die sich hinter bis zu 3 m hohen Königsfarnen vergebens zu verstecken sucht, wurde im Lauf der Zeit zu einem Austauschplatz internationaler Frohbotschaften. Neben den gezeichneten Händen, Boomerangs und anderen Symbolen liest man voller Ehrfurcht „Franz ist doof“, „Johannes liebt Peggy“ oder auch schlicht und einfach „Rene war hier“ – in den jeweiligen Landessprachen der Autoren, versteht sich.

Einsame Reservate

Den anderen Teil dieses Klischees findet man im Carnarvon National Park freilich nicht mehr: die Aboriginals selbst. Für die wenigen von ihnen, die noch leben, hat die australische Regierung eigene Reservate errichtet. Ganz oben im Norden des Kontinents, auf der Halbinsel Cape York. Dort lebt sonst fast niemand. Dort sind sie auch vor Touristen geschützt, nur wenige erhalten eine Besuchserlaubnis. Und jenen Aboriginals, die ihr Glück in der Welt der weißen Australier suchen, winkt meist ein mitleidiges Lächeln, eine schlecht bezahlte Arbeit und ein schiefer Blick, wenn sie mit einer Bierflasche auf der Straße stehen. In den Pubs und Tavernen trifft man sie selten bis nie, fragt man nach ihnen, lautet die häufigste Antwort „Yes, we have some“.

Mitten auf dem Capricorn Highway – und da bilden die übrigen Straßen, die durch das Landesinnere führen, kaum eine Ausnahme – begreift man aber auch allmählich seine eigene Begrenztheit, die zu durchbrechen in einem verhältnismäßig dicht besiedelten Europa kaum möglich ist. Schon gar nicht in einer pulsierenden und zugemauerten Stadt wie Wien. Sucht man ein Ende der Straße, die sich Hunderte von Kilometern beharrlich weigert abzubiegen, stößt man schnell an die Grenzen seiner Sehkraft. Und versucht man die schier endlose Weite des umliegenden Landes zu begreifen, ist man allzu bald am Ende seiner Vorstellungskraft angelangt.

Auch die Zeit verliert ihre Bedeutung. Unterwegs mit dem Auto über die Bundesstraße nach Longreach, kommt einem unweigerlich der gute alte Albert Einstein in den Sinn.

Stunden um Stunden fährt man durch eine sich nicht verändern wollende Landschaft. Es ist, als stünde man nach mehreren Hundert Kilometern noch immer an derselben Stelle, egal, wie sehr man das Gaspedal nach unten durchdrückt.

Irgendwann wird es dunkel. Irgendwo findet man in Australien immer ein recht günstiges Nachtquartier. Meist bestehen die Ortschaften, durch die man im Landesinneren kommt, aus einem oder zwei unterbelegten Motels, einer Tankstelle, einem Supermarkt, einigen Geschäften und etlichen Wohnhäusern. In den größeren Orten findet sich auch eine Kirche, und in fast allen Motels serviert man gute und ausreichende Hausmannskost.

Meistens Steaks oder Lamm mit Kartoffeln und Gemüse. Longreach, das Tor zum Outback, wie die karge Gegend vor der Wüste genannt wird, ist da keine Ausnahme.

In einem Motel der Ortschaft erklärt der 52jährige Lukas sein Land: Er habe noch nie Schnee gesehen, da er den Kontinent noch nie verlassen habe. Wird er auch nicht so schnell, wenn überhaupt. Wozu auch, er kenne noch nicht einmal Australien zur Gänze, obwohl er sehr viel herumkomme. Lukas arbeitet für eine australische Erdölgesellschaft und kontrolliert die Pipelines, die ein Netz über das Land ziehen. Australien habe viel Öl, warum die Benzinpreise so hoch sind, wisse er auch nicht. Das läge vermutlich an der Steuerpolitik.

In Australien müsse man aber von Politik nicht viel verstehen. Die meisten Leute seien Farmer oder stammten aus Farmersfamilien so wie er. Wenn es hell werde, sei es Zeit aufzustehen, wenn es dunkel werde, gehe man eben schlafen. Ist das Getreide oder das Zuckerrohr reif, stünde die Ernte an, danach pflanze man wieder. Und Bananen und Ananas wüchsen sowieso unentwegt. „Den Kalender brauchst du nur“, philosophiert Lukas, „um dir die ganzen Feste einzutragen“.

Die Viehherden seien das ganze Jahr über auf den mehrere Hundert Hektar großen Weideflächen, hin und wieder verliefen sie sich auch auf den Grund des Nachbarn. Das sei aber ziemlich egal bei der Größe des Landes, und die Hunde würden die Tiere schon wieder zusammentreiben. Irgendwann.

Inmitten des zeitlosen weiten Landes erwächst allmählich auch ein unheimliches Gefühl der Freiheit. Keine Barrieren, keine Menschen und scheinbar keine Zwänge. Dann will man es wissen. Von Longreach weiter ins Outback nach Winton, wo die Kennedy Developmental Road beginnt – eine Straße, die keine ist und wohl nie eine werden wird.

Und immer weiter...

„Road Closed“: Dort, wo man den Verlauf eines Weges erahnen kann, steht ein Bretterverschlag, der die Durchfahrt verhindern soll. Nach einem Regenguß ist die Kennedy Road mehrere Tage unpassierbar. Derzeit ist aber Sommer in Down Under, die Temperaturen im Outback bewegen sich um die 40° Celsius, es ist staubtrocken. Die Chancen auf ein Durchkommen sind also relativ hoch.

Die Stoßdämpfer des Wagens werden auf ihre wohl härteste Probe gestellt. Aufgeschreckt vom Motorengeräusch schwingen sich unzählige Kakadus von den umstehenden Eukalyptusbäumen in die Lüfte. Neugierig gewordene Emus bleiben stehen, um dem Treiben zuzusehen und sich offenbar ihren Teil dazu zu denken. Wenn das Auto versagt oder aufsitzt, schaut man schön blöd aus. Zu Fuß zur nächsten Ortschaft sind es gut 200 km. Und Hoffnung, daß jemand vorbeikommt, der einen mitnimmt, gibt’s keine.

...bis nach Cairns

Hin und wieder trifft man auf Kuhherden, die sich ausgerechnet mitten auf der Straße zum Weiden niedergelassen haben. Dann muß man auch noch den Weg verlassen, obwohl man eh nie weiß, ob man sich noch darauf befindet. Irgendwann kommt man nach Hughenden. Von dort geht es auf dem Highway über Charters Towers zur Ostküste zurück und neben dem Pazifik weiter nach Cairns.

Dort holt einen die Zeit erbarmungslos ein. Nur ungern gewöhnt man sich in Cairns wieder an Grenzen, Regeln und Armbanduhr. Hier das Hilton, dort das Casino, dazwischen Restaurants, Bars, Nightclubs und das Hupen der zähflüssigen Verkehrslawine. Darin unterscheidet sich Cairns nicht sonderlich von Brisbane, Mackay, Townsville oder einer der anderen Städte an der Pazifikküste.

Die Stadt selbst ist alles andere als sehenswert, die Hotels sind dennoch ausgebucht. Tausende Touristen verschiedenster Nationen wechseln sich in Cairns das gesamte Jahr über ab. Hauptsächlich junge Menschen. Das Gros von ihnen drängt sich allmor_gendlich am Hafen, von wo die Schnellboote Richtung Great Barrier Reef ablegen. Knapp zwei Stunden dauert die Fahrt. Flossen an, Brille auf, Flasche um und eintauchen in die prächtige Fisch- und Farbenwelt rund um das Korallenriff. Und schwebt man dann völlig schwerelos mehrere Meter unter der Wasseroberfläche, kommt es noch einmal – das Gefühl der Freiheit. (Der Standard, Printausgabe)

Von Andreas Feiertag
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