Im Zelt "downunder"

13. Mai 2005, 10:24
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Mit Zelt und Rucksack in 31 Tagen durch elf bestechende Nationalparks Australiens. Gebündelte „Aussies hospitality“ auf 13.000 Kilometern.

Sydney voller Licht und Wärme. Und er – so kohlrabenschwarz, wie nur ein australischer Ureinwohner sein kann – sitzt auf einem Schaffell. Fast nackt bläst er sein Didgeridoo, ein von Termiten ausgehöhltes Eukalyptusholz und ein sehr sinnlicher Klangkörper, ursprünglich nur bei Zeremonien zur Bewußtseinserweiterung und zur Heilung verwendet. Konzentriertes Atmen, archaische, gut vibrierende Töne, die sich im Großstadtlärm zwischen die Menschen schmuggeln, so daß sie stehenbleiben und horchen. Auf einmal ist da aber noch ein Ton, schrilles Läuten. Seelenruhig holt der Mann sein Handy aus dem Schaffell und organisiert sich, gutmütig grinsend, ein Rendezvous. Sydney 2000.

Wir sind eine aus aller Welt bunt zusammengewürfelte Gesellschaft, alle etwas jüngere oder ältere Geschwister von Crocodile Dundee. Wir werden die Naturwunder der Outbacks und der Ostküste samt Tauchen am Great Barrier Reef erleben. Und insgesamt 13.000 km zurücklegen, gebündelt mit „Aussies hospitality“. Das bedeutet verspielt-fröhliches Feriengefühl die ganze Zeit über.

Unser erster Abend auf einem gigantisch großen Caravan- und Campingplatz. Die Waschräume, sprich „facilities“, geräumig und blitzsauber, unweit ein Pool. Nach der total routinierten Zeltaufbauerklärung die Zelttüre samt Moskitonetz gut zugezippt. Viele klare Sterne, der Mond hängt verkehrt: südliche Halbkugel. Ordentlich kalt der nächste Morgen. Early morning tea, ein ausgezeichnetes, reichhaltiges Frühstück samt großartigem Sonnenaufgang. Sonnengold fließt und wärmt: Dont forget your drinking water!

Wir beginnen also zu reisen. Vorerst einmal vorbei an Turbo Station, der größten Schaffarm, dann Picknick am Murray River. Am Abend ein mächtiges Lagerfeuer, ein Countrysänger – wie aus dem Bilderbuch – spielt auf. Weiter in den Süden, an den Felsformationen der Flinders Ranges, die wie schlafende Riesen daliegen, vorbei bis Port Augusta. Nächster Halt beim unterirdischen Coober Pedy, der Opalstadt mit 22 bis 25° konstanter Temperatur – gewöhnungsbedürftig, so zu leben. Draußen glüht die Sonne. Elf Polizisten bewachen ein Gebiet, das die Ausmaße Österreichs hat.

Als Vorberg quasi zum Eingewöhnen der Mount Conner, viel später erst dieser großartige Monolith, von dem nur ein Drittel sichtbar ist: der Ayers Rock oder Uluru in der Sprache der Ureinwohner. „Please dont climb“, bitten die Aborigines. Es ist ihr Heiliger Berg.

Überaus zeitiges Morgenprogramm: Picknickfrühstück samt Uluru bei Sonnenaufgang – ein unbeschreibliches Farbenspiel. Für die anschließende Wanderung wird die Devise „stand still and listen and you will hear fifty million years resonate“ ausgegeben. Dann geht’s weiter durch den roten Wüstensand zum Kings Canyon, wo wir auf die Oberkante steigen – mit zwei Liter Wasser im Rucksack und absolut einzigartigen Ausblicken. Wir schauen in einen „garden of eden“: türkisblaues Wasser, von Palmen eingesäumt. Man kann baden und sich dann gut erfrischt auf den heißen Abstieg machen.

Im roten Herzen

Es gibt ausschließlich staubige Straßen in diesem roten Herzen Australiens. Und um das Aborigines-Land durchqueren zu dürfen, braucht’s eine Sondergenehmigung. Lang ist die Fahrt an den Western Mac Donnell Ranges vorbei. Dann – wie die Kulissen für einen dieser Explorer-Filme – die Telegraph Station und das erste an der Quelle gebaute Haus, Alice Springs. Heute leben hier mehr als 27.000 Menschen (1870 waren es gerade 38).

Manche Reisetage ziehen sich. Wir erreichen Central Mount Stuart, das geografische Zentrum Australiens. Imposant die Devil Marbels. In Daly Waters, in „the middle of nowhere“, erwartet uns ausnahmsweise ein einfaches Camp, allerdings samt Pub. Unser Dinner: Riesen-Barbecue-Steaks und Barramundi Fische.

Trotz vieler, heißer Kilometer ein kleiner Umweg nach Mataranka. Der Thermal-Pool mit konstanten 38° ist von Palmen und Farnen umgeben, als Klangkulisse vielstimmiges Vogelgezwitscher, einfach so, am Rand des Campingplatzes. Später, bei der langsamen, fast geräuschlosen Bootsfahrt den Katherine River entlang ins Katherine Gorge, eine Unmenge von gerade ins Wasser stürzenden Felsen, Salzwasserkrokodile, Habichte und Adler in der Nachmittagssonne. Ein Grund zum Feiern. Um uns die Sektgläser und den Flußrand entlang hüpfende Wallabies und Kängurus.

Die folgenden Tage sind dem weltberühmten Kakadu National Park gewidmet. Die Felsenzeichnungen an den Nourlangie Rocks im Arnhem Land sind an die 20.000 Jahre alt. 1845 hat Ludwig Leichhardt als erster weißer Mensch voll Respekt „the art of our good friends, the natives“ entdeckt. Ein weiterer Höhepunkt, spätnachmittags bei einmaliger Sonnenbeleuchtung, die Bootsfahrt durch den „famous“ Yellow Waters Billabong. „Nature is god’s artistry“, nennt es der Ranger: bis an den Horizont Seerosen in Weiß, Rosa und Lila. Ganz langsam gleitet das Boot an Adlern, Falken, Papageien und anderen unglaublich farbigen Vögeln vorbei, an Libellen und bunten Störchen, an schauerlich großen Süßwasserkrokodilen. Stille, Staunen, unterbrochen nur vom Klicken der Kameras. Wieder zurückgekehrt zum Campingplatz, empfangen uns – wahrlich, nichts kann vollkommen sein auf dieser Welt! – Abermillionen Moskitos und Fliegen.

Jaribu, ein Städtchen in der Nähe. Hier baut man Uranium ab, das aber nicht für Atombomben verwendet werden darf. Überall sind die Seen voller Krokodile, also gibt es auch zum Lunch einen Croco-Burger. Beim Wangi Wasserfall im Lichtfield Nationalpark prangt dann erstmals kein „Croco“-Gefahrenzeichen, und das heißt endlich Schwimmen! Nur eine Riesenechse sonnt sich etwas abseits, ein alter Wasserbüffel knotzt im Schatten.

Die Nacht wird kohlrabenschwarz mit einem Himmel voller Sterne über dem Pool des Outbush Camps. Unzählige angeschleppte Wasserflaschen liegen griffbereit, nur zum Aufbau der Zelte und der Campingküche wird der Generator angelassen. Am Lagerfeuer bestaunen wird die Milchstraße und den Kometen Hale-Bopp.

Im grünen Busch

Vom Northern Territory, dem Outback, kommen wir nach Queensland. Hier werden ganz andere Zeitbegriffe gelebt, die Straßen sind endlos, hie und da ein Road-Train. Einfach erklärt ist das ein Fahrer mit 60m Lastler hinter sich. Ein Anblick, der immer wieder fasziniert.

Der niedrige Busch verändert sich, sanfte kleine Hügel und Sträucher und viele Eukalyptusbäume in elegantem Graugrün liebkosen die Augen. In Karumba ziehen Brillenpelikane lautlos am Meer vorbei, als wir uns beim absolut prächtigsten Sonnenuntergang der Reise Hummer, Austern, Tintenfische und Krabben munden lassen. Kulinarisch vom Feinsten, versteht sich, wie üblich, wenn verschiedene Kulturen sich glücklich vermengen.

Und wieder verändert sich die Landschaft. Zuckerrohrfelder, so weit das Auge reicht. Eine alte Bahn führt steil bergauf nach Kuranda mitten in den Regenwald. 17 Tunnels und alle vor 100 Jahren mit Pickel und Schaufel gegraben. Dann der Tjapukai Cultural Park samt Dreamtime-Vorführung und Buschheilung, Bumerang-Werfen, einem Theater mit Tiertänzen – das Übliche eben.

Das absolute Highlight der Reise sind die Bootsausflüge am Great Barrier Reef. Zuerst zum vorgelagerten Fitzroy Island, wo wir auf einer künstlichen Plattform anlegen und zwischen bunten Fischen, Rochen und Korallen tauchen. Dann die faszinierenden Wasserspielereien mit Glasboden-und Unterseebooten. Schließlich mit einem großen Katamaran nach Bali Hai zum Daydream Island. Der Name verspricht nicht zuviel: tauchen, schnorcheln, staunen, Seafood-Picknick inmitten von einigen der 74 Inseln. Dann weiter südwärts aufs Fraser Island, die längste Sanddüne der Welt. Der alte, dunkelgelbe Sand ist 500.000 Jahre alt, der junge, helle nur 200.000. Und dazwischen wächst erstaunlicherweise Regenwald. Wieder unendliche Weite, nur ein einsamer Fischer und ein einsamer Dingo am Meer, der beim Fischen zuschaut.

An der Sunshine Coast dürfen alle Häuser nur so hoch sein wie die Bäume. Dafür strotzt Surfers Paradise, einst ein idyllischer Flecken, heute nur so von Hochhäusern, deren Schatten am Nachmittag den Strand verdunkeln. Hohe Wellen und Tourismus total an der Gold Coast.

Das Ende der Reise ist nahe, die herrliche Ostküste mit Byron Bay und Port Macquarie bildet den Abschluß. Zum letzten Mal falte ich mein kleines Zelt zusammen, verstaue es im Stoffsack. Und schon setzt sich die Idee in mir fest: „I love this sunburnt country, I will be like a boomerang and come back !“ (Der Standard, Printausgabe)

Von Elisabeth Marek
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