Das Ende der Welt ist grün

13. Mai 2005, 10:01
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Von Wolkenkratzern in Auckland zum Abenteuerspielplatz Natur: Geysire, Urwaldpfade und Kiwi allerorts.

Gerade drei Busstunden im Umkreis Aucklands, der ausufernden „City of Sails“, zischen Geysire und wuchert subtropischer Regenwald. Ein Jumbo hat uns am anderen Ende der Welt abgesetzt: recken, strecken, den Kopf heben – und was ist hier anders? Der Tag rekelt sich mühsam unter einer tiefhängenden Wolkendecke hervor. Zu Hause war Übergangszeit, hier auch. In der Heimat ging sie wenigstens in Wärme über, hier in Kälte. Die Stadt Auckland wirkt auf den ersten Blick eher als städtische Kulisse – ruhend. Die Wolkenkratzer, fern amerikanischer Dimensionen und nur jene jüngsten Datums von erhabener Eleganz, werden allein dank des Wetters ihrem Namen gerecht.

Der Reisende schüttelt die Müdigkeit ab, nährt seine Augen mit Forscherdrang und Positivismus. Die Hochhäuser schütteln ihre Wolkenbällchen ab, leuchten im flachen Licht des Südens. Die Straßen beleben sich mit einem friedvollen Völkergemisch. In der Hauptstadt gesellen sich zu den „Europäern“ unter den Neuseeländern, meist Nachkommen britischer Einwanderer, Immigranten aus dem asiatischen Raum: Südseeinsulaner. Von dort stammen auch die seit 1963 gesetzlich und seit wenigen Jahren touristisch gehegten „Ureinwohner“. Denn so „Ur“ sind die knapp zehn Prozent der Bevölkerung repräsentierenden Maoris keineswegs. Sie kamen mit Einbäumen (oder nach neuen Theorien mit Auslegerbooten) in drei Wellen, u. zw. um 900, 1100 und 1350 n.Chr., über die wild bewegten Wellen des Pazifiks nach Neuseeland.

Funde belegen inzwischen, daß schon vor 2000 Jahren Menschen auf der Nordinsel gejagt haben müssen. Heute lebt fast jeder dritte der 3,5Millionen Neuseeländer im Einzugsbereich seiner Hauptstadt. Menschen, die einem die Stadt rasch näher bringen. Etwa in den Food Courts amerikanischen Zuschnitts, wo Internationalität kostengünstig den Magen erfreut. Ein Einkaufsbummel auf der Queen Street, eine Straße weiter das studentische Leben der High Street. Reichlich besuchte Straßencafés, die nicht nur Café geschrieben werden, sondern tatsächlich genauso gut in Paris liegen könnten. Wobei einer Rast in frischer Luft insofern nichts im Wege steht, als kaum ein Schanigarten ohne Arkadendach auszukommen braucht. Der nächste Regenguß begründet umgehend, warum.

Direkt am nahen Albert Park lockt die Auckland Art Gallery mit Gratiseintritt. Bemerkenswert ist der Saal des böhmischen Malers Gottfried Lindauer. Zur Jahrhundertwende nach Neuseeland gekommen, hielt er Maori-Häuptlinge und ihr Leben naturalistisch auf Leinwand fest.

In der Bucht bewegen sich Unmengen von Segelbooten im heftigen Wind. Warum sich in der „City of Sails“, wo jede dritte Familie ein Boot besitzt, nicht mehr Leben direkt am Wasser entwickelt hat, bleibt allerdings unverständlich: Restaurants und Bummelzone liegen abseits in Ponsonby.

Der Überlandbus schaukelt die stadtmüde Gesellschaft in die Natur. Regenbogen begleiten den Weg zur subtropischen Halbinsel Coromandel. Grün wird zur dominanten Farbe. Nadelbäume, die heimischen Bildern entsprechen, kontrastieren zu Palmen, Drachenbäumen und den noch exotischeren Riesenfarnen. Das Vorüberziehen der Natur erfreut Ökovoyeure.

Kiwi-Dundee heißt jene Droge, die aus dem optischen ein emotionales Erlebnis zimmert. Sein Wohnzimmer sind seit Kindheitstagen die Wälder der Halbinsel. Kiwi-Dundee, mit bürgerlichem Namen Doug Johansen, hat die Wälder leiden sehen. Hauptverursacher war einst der Goldrausch, der um 1865 voll einsetzte. Coromandel wurde durchwühlt, das Glücksrittertum machte sich bei Goldanteilen von bis zu 30 Prozent bezahlt. Der Wald, durch den Kiwi Dundee führt, ist daher keine 100 Jahre alt. Damals hatten die Goldsucher Geisterstädte zurückgelassen, vom Goldrausch blieb der Natur nur ein kräftiger Kater.

Unter dem Regenbogen

Die Natur hat ihn großteils selbst behandelt, doch die Hilfe von Doug Johansen und seinen Kollegen ist nicht zu unterschätzen. Stolz führt er den Besucher zu zarten Kauri-Trieben, die gerade ein Jahr alt sind. Und wenn sie die Menschheit noch 1500 Jahre gedeihen läßt, kann man sie vielleicht auch einmal als Urwaldriesen bewundern.

Eine Wanderung auf schmalen Urwaldpfaden birgt kaum Gefahren. Die Tierwelt nimmt Rücksicht: Es gibt keine giftigen Schlangen und nur eine gefährliche Spinnenart. Keine Raubtiere. Überhaupt sind Säugetiere rar. Endemisch waren nur die Fledermäuse, die rechtzeitig den Sprung über das von Australien wegdriftende Eiland geschafft haben. Alle anderen Säugetiere sind importiert, etwa die ungeliebten „Opossoms“ und Wildziegen. Ganz abgesehen von den dominierenden Bewohnern Neuseelands, den Millionen von Schafen und schwarzen Kühen. Immerhin kommen auf jeden „Kiwi“ 13 Schafe und zwei Rinder. Wobei Kiwi in diesem Fall als gängiges Synonym für die Einwohner des Staates steht, nicht für die allgegenwärtige Vitamin-C-Bombe oder den wenig schmucken Erdbuddler, das Wappentier. Und auch der Wanderer bekommt noch Tiere hautnah zu sehen: in einem Goldgräberstollen. Als das Licht der Taschenlampe das Rund ausleuchtet, hängen Unmengen von Wetas von der Decke – langbeiniges, grillenähnliches Getier.

Häufig dient den Neuseeländern ihre prachtvolle Natur als Spielplatz für Adrenalinstöße. Da gilt es schon als Besonderheit, wenn man als Gast des Landes nicht umgehend in eine Schlucht bugsiert wird, die man dann heftig schwankend, Beine oben, Kopf unten, besichtigen darf. Bungee Jumping ist gängig, Zorbing neu: Die Novität besteht aus einem mit ausreichend Luft gefüllten, kugelrunden Doppelmantel aus stabilem, weichen Kunststoff. Im Inneren des über zwei Meter hohen Balls übernimmt der Zorber die Rolle eines Pokerwürfels im Schüttelbecher, wenn die Kugel ein Hangstück hinunter kollert.

Zu ganzjährigen Badefreuden am Meer verhilft der Hot Water Beach. Zwei Stunden vor bis zwei Stunden nach der Ebbe kann man hier ein Loch in den Sand buddeln, das sich in kürzester Zeit mit heißem Wasser füllt. Für die richtige Temperaturabstimmung wieseln die Badenden zwischen Pool und Meer hin und her. Geothermisches – und touristisches – Zentrum der Nordinsel ist jedoch Rotorua. Unüberriechbar. Der Weg in die Dampfküche führt durch das „Maori Arts and Craft Institute“. Unvergeßlich bleibt jedem das Begrüßungszeremoniell: die Hand reichen, das Gegenüber nicht anblicken und zweimal die Nasen stubsen. Mit ihren breiten Riechorganen und der flachen Stirn sind die Maori dabei für alle Eventualitäten bestens gerüstet.

Über dem Erdinneren

Direkt neben dem Maori-Zentrum dampft es aus allen Ritzen, schießen meterhohe Geysire in den Himmel, blubbert ein Mud Pool, kurzum, ist das Erdinnere so nahe wie kaum sonstwo auf der Welt. Der Mensch liebt – wie die rasch wachsende Stadt Rotorua (65000 Einwohner), die im Hochsommer noch einmal so viele Gäste beherbergt – den Tanz auf dem Vulkan. Also hinauf auf den Tarawera. Von der dampfenden Thermenzone schwebt der Helikopter zu den Kratern. Zuerst über endlose Kieferbestände. Die Aufforstung der spätestens 1886 niedergebrannten Wälder machte Neuseeland zum größten Kieferexporteur. Dazwischen die unterschiedlich gefärbten, weil mineralienreichen Seen. Schließlich der Hauptkrater in zahllosen Rot- und Grünvariationen, den Blick in die Tiefe lockend. Die Augen schweifen weiter Richtung Nordwesten: Wie aufgefädelt steht Vulkankegel an Vulkankegel, einige ferne noch schneebedeckt, als Symbol für die tektonische Reibelinie zwischen Pazifischer und Indisch-Australischer Platte. Ist hier der Vulkan, scheinbar, zur Ruhe gekommen, erwartet einen eine halbe Autostunde entfernt das Waimangu-Kraterfeld. In unbeschreiblichem Blau ruht der Inferno-Kratersee, verlockt zum Bade. Wäre da nicht dieser Säuregehalt, der dem einer Autobatterie entspricht. Und auch die Temperatur ist nicht immer einladend. 35° hat das Wasser zwar am Ende eines 38-Tage-Zyklus, dann bricht aus der Tiefe neues hervor, heizt den See auf über 70° auf.

Ein wenig risikoärmer ist der Tagesausklang in Ruturoa. Geothermische Aktivitäten, gezähmt durch Menschenhand im Polynesischen Bad. Entspannend umspült 30°, 34°, 36°, 38°, schließlich 41° heißes Thermalwasser den Körper. Mineralienreich, doch garantiert keine Batteriesäure. Die letzten Tage hat Sonnenschein die angereisten Europäer über die Kälte hinweggetröstet. Die Ruhe eines Bades unter nächtlichem Himmel, der sich an Auckland erinnert und das Thermalbad mit Nieselregen kühlt, gibt Zeit zu resümieren. Vor sieben Tagen noch zweifelnd, ob dieses Ende der Welt wirklich „das andere“ ist, bewegt einen jetzt die Frage: Ist es womöglich eine andere Welt? (Der Standard, Printausgabe)

Von Fred Fettner
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