Das Land gehört nicht den Aboriginies - sie gehören zum Land

13. Mai 2005, 10:25
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Die Kunst der Ureinwohner - die Malerei ihrer Ahnen. Rundum nichts als Busch: Arnhemland darf nur mit Genehmigung der Aboriginies bereist werden.

"Manchmal, wenn ich meine alten Männer durch die Wüste fahre und wir zu einer Kette von Sandhügeln kommen, fangen plötzlich alle an zu singen. ,Was singt ihr Leute da?' frage ich sie, und sie antworten: ,Wir singen das Land herbei, Boß. Dann kommt das Land schneller'." (Bruce Chatwin, "Traumpfade")

Der Künstler hatte die Touristen nicht herbeigesungen. Keine Eile. Die kommen schnell genug. Sind schon hektisch genug. Brian, der wie immer die Gäste begleitet, bittet ihn, seine Kunst zu zeigen. Auch das eilt nicht. Langsam geht er zur Veranda, legt ein gerade bemaltes Blatt auf den Boden. Hier, deutet er. Das ist unsere Kunst. Ein Krokodil. Die Besuchergruppe wird schon unruhig. Also beginnt der Künstler zu erklären. "Kalk", zeigt er ihnen. "Damit machen wir weiße Farbe." Und: "Roter Stein - der wird rote Farbe. Mit Wasser." Dann läßt er sie wieder schauen.

Die Touristen webern herum. Sie sind bereits kreuz und quer durch Australien gehetzt. Ein Tag Sidney, das gehört dazu: Oper, Harbour Bridge, Hafenrundfahrt, rauf auf den Turm, rein in die Pubs. Ein Tag Perth, die Stadt im Westen. Wird schon seltener besucht. Ein Tagesausflug zu den Pinnacles - diese mysteriösen, tausendfältigen Steinsäulen, von denen niemand genau zu sagen wüßte, wie sie entstanden sind. Die Bankseal-Bäume haben sie unterwegs gesehen und erfahren, daß die alle zehn, zwölf Jahre einen ordentlichen Buschbrand brauchen. Damit ihre Zapfen in der Gluthitze aufbrechen und die Samen zur weiteren Vermehrung befreit werden. An den Grass Trees sind sie vorbeigezischt, früher politisch inkorrekt "Black Boys" genannt - gemächliche Pflanzen, die in 100 Jahren gerade einmal 30 Zentimeter wachsen.

Nach Broome an der nördlichen Westküste sind sie geflogen. Nur ein halber Tag Aufenthalt. Im komfortablen Inter-Continental-Resort. Einmal in den Pool und weiter, weiter nach Darwin ganz oben im Norden. Unverzüglich wieder aufbrechen: Bis zum Abend muß der Kakadu National Park erreicht werden.

Ein Vormittag für die Yellow Waters Cruise: die noch vollkommen überschwemmte Flußlandschaft samt Seeadler, Kakadus, Wasserblumen und - Krokodilen. Salzwasserkrokodile, die bis zu sechs Meter lang werden. "Sweetheart" hat so ein legendärer Prügel einmal geheißen, der hatte mit Vorliebe Alu-Boote aufgebissen. Nach seinem Tod sollen in "Sweethearts" Bauch zwei Motoren gefunden worden sein. Das sind so die Geschichten, die die Weißen hier gern erzählen.

Und dann: Arnhelmland. Da haben die Weißen nicht viel zu sagen, denn sie gaben dieses Gebiet 1964 den Aboriginies zurück. Und dürfen jetzt ohne Genehmigung der Ureinwohner nicht rein. Die leben nun wieder hier - wie seit 60.000 Jahren. Nicht, weil das Land ihnen gehört, sondern weil sie zum Land gehören.

Der Künstler sieht ein, daß die Reisegruppe nicht sehen will. So geht er weiter zur Rückseite des "Injalak"-Kunstzentrums in Arnhelmland. Den Berg zeigt er. Den See. Den Flug des Falken. Niemand fragt ihn, ob der Falke sein Traum sei. Oder der Berg. Oder der See. Der Traum seiner Urahnen, von denen die Landschaft benannt worden war. Wer weiß, ob er überhaupt geantwortet hätte. Und wer weiß, ob er die Träume seiner Ahnen noch kennt. Schließlich hatte seine Familie vor der Landrückgabe zwei Generationen lang nicht hier leben dürfen.

Brian wird sie weiterführen, wird diese Gruppe schon zur Ruhe bringen in der feuchtschwülen Hitze des australischen Nordens. Zwei Nächte in den Zelten seines "Umorrduk"-Camps übersteht die Hektik des unstetesten Touristen nicht. Nach einer Stunde Fußmarsch im Busch - wenn 1000 km² rundum nichts anderes zu erwarten ist als Buschland - hat es sich ausgewebert.

Owunbarna wird er ihnen von der Ferne zeigen. Den heiligen Berg. Warum der heilig sei, werden sie dann doch fragen. Und er wird antworten: "Das kann ich nicht sagen." Weil er es nicht weiß? "Weil ich es nicht sagen darf."

Denn Brian genießt mit gutem Grund das Vertrauen der Einheimischen. Ist er doch mit der Tochter des Tribe-Führers verheiratet. Und wenn die Zeit der geheimen Rituale gekommen ist, wird er angerufen, welche Gegend die nächsten Wochen zu meiden ist. Zu den heiligen Begräbnisstätten in den Felshöhlen wird er die Touristen zwar führen. Aber darauf bestehen, daß sie die Kameras liegen lassen, bevor sie schauen, wo die Knochen der Ahnen ruhen. Die nach ihrem Tod erst einmal im Busch eingegraben worden waren - bis der Tribe zwei Jahre später zurückkehrte, die Gebeine ausgrub und dann mit großer Zeremonie bestattete.

Die Malereien der Mabaloodoo-Felsen wird er ihnen zeigen, wird erklären, welcher Stil 20.000 Jahre alt ist und welcher "moderner". Den gemalten "Lightning Man" wird er erklären, der Steine gegeneinander schlägt, um Blitz und Donner zu erzeugen. Auch die Bilder der "Mimi"-Geister: Freundlich sind diese Wesen - im Gegensatz zu den Namarakain-Geistern, die nichts anderes im Sinn haben, als Aboriginies zu verletzen und zu töten und den Kranken die Seele zu stehlen, um sie später zu kochen und zu fressen. Die Mimis aber treiben nur gutartige Scherze bei Dunkelheit. Und sie haben so lange Oberkörper, daß sie nur bei gutem Wetter jagen. Aus Angst, daß sonst ihre Köpfe vom Wind weggerissen werden. Sie können Steine öffnen und sich drin verstecken. Drum sind die Mimis unsichtbar - nur die Medizinmänner der Vorzeit kannten die nötigen Tricks, um hin und wieder einen Blick auf sie zu erhaschen. Jene hatten auch von den Mimis das Jagen gelernt. Und das Malen.

Brian wird aber auch zeigen, welcher Busch Chinin enthält und gegen Fieber half. Welche Früchte für Abtreibungen gegessen wurden. Auch wird er demonstrieren, wie man den Busch in Brand setzt. Nicht aus Aberwitz, sondern um das Land vor echten Katastrophen zu schützen. Der Tribe hat ihm gelehrt, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist; wo die Flammen zu setzen sind, um auf begrenzter Fläche das trockene Gras abzubrennen.

Die Gäste sehen immer noch nicht die Landschaft - schauen in die Luft. Da dreht sich der Künstler um, zeigt auf einen Mann, der zum Schatten eines Baumes geht. Um einer Frau beim Korbflechten zuzusehen. "Das ist Weebee," erklärt er freudig erregt. Weshalb ihm das so wichtig ist, will die Gruppe wieder nicht wissen. Und steigt in ihre Autos. (Der Standard, Printausgabe)

Von Roman Freihsl
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