Ein Ehren-Oscar für den besten Drehort

13. Mai 2005, 12:22
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Jedi-Ritter, Skywalker und Wüstenplaneten: Besuch am sandigen, windverblasenen Set von "Krieg der Sterne IV".

Helge Sobik

Wind faucht über den Weltraumbahnhof von Desert City auf dem Sandplaneten Tatooine. Eine verlassene Raumkapsel liegt hinter den erdfarbenen Häusern des Ortes am äußersten Rand der Galaxie. Die Bar, an der sich vor kurzem noch die merkwürdigsten Kreaturen zugeprostet haben, ist halbverfallen: Grünhäutige Schwimmflossen-Monster lachten hier mit kleinwüchsigen Jawa-Sandleuten, Servier-Roboter schnarrten zwischen palavernden Menschen und bis an die Zähne bewaffneten Weltraum-Piraten hin und her. Jedi-Ritter fochten mit Laserschwertern. Die Fantasie zaubert die bombastische Fanfarenmusik aus "Star Wars" hinzu: In der tunesischen Wüste, eine Fahrtstunde außerhalb der Sahara-Oase Tozeur, hat Erfolgs-Regisseur George Lucas gerade Szenen für den vierten Teil der "Krieg der Sterne"-Filmserie gedreht. Im Mai '99 soll er in Amerika in die Kinos kommen und in Europa voraussichtlich im Herbst desselben Jahres starten. Abseits einer halbverwehten Piste im Schatten riesiger Sanddünen am Chott el Rharsa ließ der Mann aus Hollywood seine Fantasien Wirklichkeit werden. Hier entstanden in monatelanger Kleinarbeit an zwei gut einen Kilometer auseinanderliegenden Stellen die futuristischen Kulissenstädte des Weltraumabenteuers. Die eine, 50 km außerhalb von Tozeur, gab ihr Gesicht für den Ort her, wo Jedi-Ritter Ben Obi Wan Kenobi wirkte und Anakin Skywalker aufwuchs. Nach Abschluß der Dreharbeiten blieben die seinerzeit streng abgeschirmten Kulissen stehen - halbvergessen im Wüstensand, halbverweht von den staubfeinen Körnchen der Sahara, angegriffen vom gnadenlosen Wüstenwind, der an den geheimnisvollen Holz- und Mörtelkonstruktionen aus einer anderen Welt zerrt.

Exkursionen zu Filmschauplätzen

Unmöglich, die Stätten auf eigene Faust zu finden, doch von Tozeur aus werden inzwischen Tagesausflüge per Allrad-Landrover auf den Sandplaneten organisiert. Ein deutscher Reiseveranstalter will ab Herbst sogar Tunesien-Reisen auf den Spuren von "Krieg der Sterne" anbieten, denn schon den ersten Teil des Erfolgsfilms drehte George Lucas teilweise in dem nordafrikanischen Urlaubsland - damals in der Gegend von Matmata.

Die kalifornische Filmfirma breitet den Mantel des Schweigens über das Projekt. Nur so viel hat Lucas seinem tunesischen Freund Tahar el Osma anvertraut: "Das wird der Film des Jahrhunderts!" El Osma betreute die Film-Crew rund um Lucas und Hauptdarsteller Liam Neeson (Schindlers Liste), Ewan McGregor und Natalie Postman in Tozeur. "Ich habe," erzählt der Tunesier, "die kuriosesten Fabelwesen und bombastische Raumschiffe gesehen. 250 Statisten und Helfer mußten eine Schweigeverpflichtung unterschreiben. Kostüme, Raumschiffe und Monster wurden in einer russischen Antonov-Transportmaschine herangeschafft." Ob sich die Aushilfs-Akteure je selber auf der Leinwand bewundern können, ist fraglich. In Tozeur gibt es kein Kino. Kuriosum in der Filmgeschichte: Lucas dreht nicht etwa die Fortsetzung der "Star Wars"-Trilogie, sondern die ebenfalls dreiteilig Vorgeschichte. Den endgültigen Titel hat die Film-Crew, die jetzt im kalifornischen San Rafael an Schnitt und Tricktechnik arbeitet, noch nicht preisgegeben. Tahar el Osma nimmt Wetten an: "Dieser Film wird alles übertreffen!"

Der Tunesier hat vor drei Jahren schon die Crew von Anthony Minghella betreut, die rund um Tozeur "Der englische Patient" drehte - einen Film, für den es immerhin neun Oscars gab. "Das Erstaunlichste an der Wüste hier war die Ruhe," hat Hauptdarstellerin Kristin Scott Thomas damals gesagt. "Jeder Atemzug und jeder Seufzer, den man machte, jedes Rascheln und jedes Stück Stoff, das sich an dir rieb, wurde hundertfach verstärkt." Der Film mit seinen gewaltigen Landschaftsaufnahmen hat Tunesien ein cineastisches Denkmal gesetzt, obwohl er in Ägypten spielt: Hier Wüste mit schneeweiß schillernden Sanddünen, dort flache Salzseen, über deren morastiger Kruste die Luft in der Hitze flimmert und du Fata Morganas beobachten kannst. Plötzlich Oasen wie sattgrüne Stecknadelköpfe, dazu Dutzende Meter tiefe Schluchten knallroter Canyons und Wasserfälle wie aus dem Nichts. Südtunesien ist ein Abenteuerland voller Abwechslung. Und das hat sich inzwischen bis Hollywood herumgesprochen.

In der Oase Tozeur, umgeben von 400.000 Dattelpalmen, gibt es inzwischen Hotels aller Kategorien bis hin zum Luxusquartier erster Güte. Millionen sind hier in den letzten Jahren investiert worden, um den Tourismus anzukurbeln. Da kommt die kostenlose Kinowerbung rund um den Globus ab Mai '99 wie ein Geschenk des Himmels. Die tunesischen Tourismusbehörden setzen voll darauf, den Süden als eigenständiges Reiseziel zu promoten - nicht mehr nur als Ausflüge von den Ferienhotels an der Mittelmeerküste.

Wären da nicht futuristische Rohre, die aus dem Nichts kommen und im Erdboden verschwinden und wären da nicht Roboter und undefinierbare technische Accessoires aus einer anderen Welt, die an den Hauswänden lehnten, die Weltraumstadt Desert City aus "Krieg der Sterne" könnte ein altes tunesisches Dorf sein, eine Speicherburg der Berber, wie es sie im Südwesten des Landes noch heute gibt. Wie tote Augen wirken die Öffnungen in den verlassenen Kulissenhäusern: ein geheimnisvoller Ort - als wäre man bei einer Zeitreise auf Schlingerkurs geraten und springt mit jedem Augenschlag zwischen ferner Zukunft und tiefer Vergangenheit hin und her. Ismail Ben Chadli verbringt hier Tag und Nacht. Der alte Mann mit der schnarrenden Stimme ist als Wächter für die Kulissenstadt engagiert worden. Seine Sätze klingen eingerostet: "Wer jeden Tag vom Saharawind den Sand in die Poren gedrückt bekommt, der knirscht, wenn er die ersten Worte herausquetscht."

© DER STANDARD, 25./26. Juli 1998

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