Amphitheater der Götter

24. Mai 2005, 12:31
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Die zentralen Drakensberge von Kwa Zulu/Natal sind das Wanderparadies Südafrikas, wenn das Wetter mit- und die Götter nicht verrückt spielen.

"Amphitheater" der Drakensberge werden sie genannt, wie sie da gemeinsam eine Felsbühne in die Höhe stellen, in kräftige Kontraste getaucht. Cathedral Peak, Giants Castle, Champagne Castle - majestätisch ragen die schroffen Gipfel wie monumentale Schlösser aus den sanft rollenden Hügeln des vorgelagerten Hochlandes, schmiegen sich glitzernde, kleine Seen an weiche Graskuppen. Aber ohne dieses Licht, das nur in der südlichen Hemisphäre so intensiv zu färben vermag, würde auch diese Landschaft bloß einer Zeichnung gleichen, so ist es ein prachtvolles, geradezu unwirklich scheinendes Gemälde.

Geradeso, als wäre ein transparenter Filter aufgezogen, der vollkommen neue Farbnuancen entdecken läßt: giftig-grün das Rasenmeer im Vordergrund, schwarz-graue Regenwolken, die wie ein rasch fallender Theatervorhang das helle, unschuldige Blau des frühen Abendhimmels aus dem Bild des Betrachters verdrängen. Das Weiß der frisch gestrichenen Mauern des altenglischen Country Hotels blendet im schwindenden Licht der letzten Sonnenstrahlen und hält sich demonstrativ sauber, demonstrativ kolonialistisch im Mittelpunkt dieses faszinierenden Gemäldes. Erst als der schwarze Boy in dunkelroter Livree und weißen Handschuhen über die Holzveranda ins Freie tritt, beschreibt sich diese Szene so, als wäre es irgendwo "Out of Africa" anno 1925.

Was auch stimmt, es ist irgendwo draußen in Afrika. Die Szene spielt allerdings in Natals Drakensbergen, Südafrikas hochgebirgigstem Wander- und Kletterparadies, wo Aktivurlaub groß geschrieben wird und wo man zudem mit Vorliebe golft, fischt, reitet oder sich einfach renaturalisiert. In dem alten Landhaus "The Nest", das 1855 erbaut wurde und wo dieses eindrucksvolle Naturschau- und Lichtspiel soeben abläuft, herrscht jetzt vorabendliche Musestunde. Es ist Tee-, Bier- oder Cocktailzeit. Was immer es gerade zu feiern gilt: den Sieg über einen der imposanten Gipfel in der Ferne, den Fang einer jener riesengroßen Regenbogenforellen, die Angler-Brüste schwellen lassen, das erfolgreiche Einputten am Loch Nr. 9 oder das letzte gewonnene Bowling-Spiel am Hotelrasen. Oder auch nur die Freude an dieser Turnerschen Abendstimmung, die sich in den Sommermonaten sehr oft am Spätnachmittag über dem Gebirge zusammenbraut und in Licht- und Farborgien zeigt, wo die wahren Götter wohnen

"Barriere der erhobenen Speere" nennen die Zulus die bis zu 3500 Meter hohen Gipfel der Drakensberge an der Grenze zum Königreich Lesotho in ihrer bildhaften Sprache, und wo Buschmänner bereits vor Tausenden Jahren ihre Geschichte an über 50 Stellen in den Fels dieser Gebirgskette ritzten. Daß die ersten weißen Siedler daraus "Die Berge der Drachen" machten, deren Gipfel in den letzten hundert Jahren stürmten und damit stolz die Drachen bezwangen, folgt augenscheinlich einer anderen Ideologie.

Erreicht werden Quathlamba oder die Zentralen Drakensberge von Durban über Pietermaritzberg aus, was der kürzere Weg ist, oder über den Norden von Ladysmith nach einem lohnenswerten Abstecher zum Golden National Park. An einem klaren, wolkenlosen Tag lassen sich die Berge Kwa Zulus auf unzähligen Wanderpfanden tagelang - von Hütte zu Hütte ziehend - mehr besteigen als erklettern. Vorbei an der Madonna und ihren Anbetern, an der Mitra, der Glocke und den Orgelpfeifen bis hin zur Kathedrale; auch die weißen Bergsteiger dankten anscheinend ihrem Gott, als sie dieses Paradies erstmals durchstreiften und sich hier in Natals gebirgigem Hochland niederließen.

Überall finden sich daher auch für den Reisenden kuschelige Nester, der Landschaft angepaßte Unterkünfte, einfach oder luxuriös. Einem Straßengeäst gleich schlingen sich die Wege an die Bergkette heran und enden meist in der Sackgasse eines kleinen Hotels: Das Cathedral Peak Hotel beispielsweise, ein Berghotel inmitten eines wilden Blumengartens, mit direkter Sicht auf den 3004 Meter hohen Cathedral Peak, bietet seinen Gästen von Gesundheits-, Golf-, Angel-, Pferde- und Wanderurlaub jede Form aktiver Erholung. Aber auch das Champagne Castle Hotel am Ende des gut ausgebauten Weges zum 3377 Meter hohen gleichnamigen Berggipfel oder das luxuriöse Drakensberg Sun mit seinem ausgezeichneten Buffet-Dinner - sie alle bieten hervorragende Beherbergung zu akzeptablen Preisen. Nicht zu vergessen die vielen, kleinen Lodges wie die Bungalows von Berghaven, die einen sich selbst überlassen, in seiner angenehmen Faulheit des Betrachtens und Bestaunens von der Ferne.

Nicht, daß es einen nicht immer wieder hinziehen würde, zum Amphitheater samt erhobenen Speeren, doch was das Wetter morgens in den Drakensbergen verspricht, hält es nachmittags meist nicht mehr, und so manch schwindelnde Höhe bleibt daher unerreicht. Auch am Weg Richtung Giant's Castle Game Reserve, dessen 35.000 Hektar großes Gebiet erst auf 1300 m Seehöhe beginnt, sollte das nicht anders sein. Noch hofft man, die schwarzen Wolken blieben jenseits der Landesgrenze in Lesotho hängen, denn das "gigantische Schloß" rückt von Kurve zu Kurve näher. Wäre da nicht das Wissen um diese Forellenpastete gewesen, die es - so ein heißer Geheimtip - an einer kleinen Farm am Ende der ausgebauten Straße zu kaufen gab, der 3280 m hohe Gigant hätte mich beeindrucken können. Aber da Liebe bekanntlich durch den Magen geht und es die letzte Forellenpastete war, die es augenblicklich frisch zu vertilgen galt, hatte der Berg das Nachsehen. An einem Felsvorsprung sitzend, den Blick frei auf den vorbeirauschenden glasklaren Bach, das ferne, in Stein gehauene Drakularschloß und die Wolken, die nun schwarz und regenschwanger den Berg herunterrasen, mußte der Traum von der Besteigung aufgegeben und die köstliche Forellenpastete verzehrt werden.

Es war wie verhext, kein Tag schien ausreichend Luft in seinen sommerlichen Lungen zu haben, um die nachmittäglich aufkommenden Wolken zu vertreiben. Cathedral Peak erreichten wir auf halber Höhe. Bei einem idyllischen, kleinen See war der Endpunkt dieser Wanderung erreicht. Noch bildeten die weißen Gewitterwolken den idealen Kontrast zum tiefblauen Himmel, den schroffen Berghängen und dem grünen Hochland. Doch wenige Minuten später trieben sie uns zurück ins Tal.

Da ist es schon gemütlicher, bei einem Frischgezapften zu sitzen, das warme, altenglische Country House in sicherer Nähe und den Blick hinaufgerichtet auf das Amphitheater, wo allabendlich auf der beleuchteten Felsbühne ein grandioses Schauspiel aufgeführt wird, bei dem die Götter Quathlambas Regie führen. Oder sind es doch Drachen, die im Licht der untergehenden Sonne Feuer speien? (Der Standard, Printausgabe)

Von Angelika Maier
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