Schatzsuche mit dem Schaufelbagger

24. Mai 2005, 12:49
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Geschichten von einem, der als ehemaliger Journalist Riesen-Schildkröten züchtet, und von einem, der einen sagenhaften Schatz sucht.

Hier könnte sich der friedliebendste Bürger vorstellen, eine Kleinigkeit auszufressen und kurzerhand straffällig zu werden. Natürlich nur unter der Bedingung, dann auf der Gefängnisinsel Longue dreieinhalb Seemeilen vor den Kaianlagen der Seychellen-Hauptstadt Victoria einsitzen zu dürfen. Manchmal sieht man die Gefangenen am schneeweißen Palmenstrand ihres Kerker-Eilands Fußball spielen und hört sie lachen. Manchmal fliehen sie zur noch kleineren Nachbarinsel Ronde, die als einzige in der Umgebung selbst für durchschnittliche Schwimmer zu erreichen ist. Einen Nachteil nur hat Ile Ronde: Die Insel ist zu klein zum Verstecken, und so werden die Flüchtlinge meist noch am selben Tag wieder gefangen und zurückgeholt.

Die Seychellen, zu der 115 namentlich benannte Inseln und Atolle gehören, umfassen insgesamt eine Landfläche von nur 455 Quadratkilometer. Die Hauptinsel Mahé liegt etwa 1500 m südlich der Küste Kenias und 1000 km nördlich von Madagaskar. Eine Inselwelt für Edel-Aussteiger, die ab November 1999 die "golden card" um US$ 100 kaufen müssen, die lebenslänglich gilt und auch Flughafengebühren und Eintrittsgelder deckt. Die Regierung der ehemals sozialistischen Inselrepublik stemmt sich also gegen den Massentourismus. Insgesamt gibt es auf den Seychellen dann auch nur rund 4000 Hotelbetten. Zum Nulltarif zu haben sind da nur die Verlängerungswochen auf der Ile Longue. Besser hat es Brendan Grimshaw getroffen. Der schrullige Engländer, ehemals Korrespondent britischer Zeitungen, hat sich die Insel Moyenne gekauft und führt dort sein Robinson-Dasein.

Folgerichtig hat er seinem einheimischen Adoptivsohn den Namen Freitag gegeben. Grimshaw züchtet auf Moyenne Riesenschildkröten und ist der geborene Geschichtenerzähler. Und weil er in dieser Eigenschaft Publikum braucht, hat er seine Insel für Touristen geöffnet. Fünfmal pro Woche dürfen zwei Boote für ein paar Stunden am Strand vor Anker gehen. Von ein paar Hilfskräften werden die Touristen dann verköstigt, treffen sich am Strand zum Singen und Segatanzen, zum Baden und Schnorcheln oder starten zur Inselwanderung auf markierten Pfaden. Oder aber sie besuchen den Neuzeit-Robinson in seinem Holzhaus. Selbst wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was Grimshaw erzählt, dann dürfte sein Leben spannend verlaufen sein. Hat man ihn einmal aus seinem Liegestuhl gelockt, dann sprudelt er los wie ein Wasserfall. Er hört nicht mehr auf zu erzählen: von seiner Vergangenheit als Reporter, von der Erschließung seiner Insel, von seinem Robinsonleben und davon, daß er unbedingt Elektrizität auf Moyenne haben wollte - nur partout kein Telefon. Aus Versehen wurde dann doch zuerst die Telefonleitung gelegt. Elektrizität folgte ein Jahr später. Der braungebrannte Mann, ungefähr 65 Jahre alt, mit gelbem T-Shirt und Bermuda-Shorts wirkt wendig und gewitzt: ein Typ, der seine Geschichten ständig ganz nach Zusammensetzung der Besuchergruppe modifizieren kann und auf jedes beliebige Stichwort eine weitere parat hat. Ein Fingerzeig: Auf der den Damen vorbehaltenen Toilettentür des Beach-Restaurants "Chez Batista" an der Anse Takamaka auf der Hauptinsel Mahé prangt der Schriftzug "Eva", bei den Herren "Adam". Wie im Paradies vor dem Sündenfall.

Sand in Eieruhr-Qualität

Und auch drumherum sieht es ganz paradiesisch so aus: schneeweißer Sandstrand in Eieruhrqualität, von den Jahrtausenden polierte Granitblöcke, im Rücken üppige Kokospalmenhaine, geradeaus der türkisfarbene Indische Ozean - alles das ganz ohne Gedränge, ohne Strandhändler, ohne Störenfriede. Natur im Überfluß. Einer der Sonnenanbeter an der Anse Takamaka hat einen Kassettenrecorder dabei: Aus den Lautsprechern schmettert Pavarotti seine Arien den Strand entlang. Seychellen-Feeling! Im "Chez Batista" duftet es nach frischem Red Snapper und nach Hühner-Curry. Der Fußboden besteht aus Strandsand, das Dach ist mit Palmwedeln gedeckt. Fischreusen an den Wänden sind zu kleinen Lampions umfunktioniert worden. Vorweg wird "Millionärssalat" serviert. Er heißt deshalb so, weil für diese Köstlichkeit aus dem Mark der "Palmiste" (Deckenia nobilis) die ganze Palme gefällt werden muß - ein Luxus, den man sich im Paradies durchaus leistet, denn es grünt und sprießt allenthalben. Üppige Urwälder erstrecken sich über die Hauptinsel Mahé. Grüne Wände umranken den Morne Seychellois, mit 905 m höchster Berg der Insel. 81 Pflanzen gedeihen weltweit nur hier. Da ist es naheliegend, daß das einzige Urlaubsrisiko auf den friedvollen Inseln dann auch botanisch begründet ist: Wer sich unvorsichtig im Strandsand bettet oder im Inselinneren zur Rast niederläßt, läuft im ungünstigsten Fall Gefahr, von einer herabfallenden Kokosnuß erschlagen zu werden.

Andere Risiken gibt es nicht: keine Giftschlangen, keine Raubtiere. Kein Wunder, daß auch Hollywoods Filmemacher die Seychellen längst entdeckt haben: Piratenfilme wurden hier gedreht, darüberhinaus so verschiedene Streifen wie "Robinson", "Emanuelle" und "Tarzan" - letzterer an der Traumbucht Anse Intendance im äußersten Süden der Hauptinsel Mahé mit Erotik-Abziehbild Bo Derek in einer der Hauptrollen.

So herzlich die Seychellois sind, so schrullig sind manche von ihnen: Verkehrsstau nahe der Anse Gaulettes im Südwesten. Ein Bagger rangiert am Straßenrand und schaufelt eine Grube zwischen zwei Palmen in Sichtweite des Strandes. Am Steuer sitzt Marcel, 34, aus Quatre Bornes. Immer wieder hat er nachts geträumt, daß genau dort der millionenschwere Schatz des Freibeuters Olivier Levasseur, genannt "La Buse" (Der Bussard), versteckt ist. 1730 ist La Buse gehenkt worden und nahm das Geheimnis seines Schatzverstecks mit ins Grab - nicht ohne vorher einen verschlüsselten Lageplan voller Piktogramme in die Menge geschleudert zu haben. Niemand konnte die Karte bisher dechiffrieren. Marcel vertraut da kurzerhand auf seinen Traum, hat sich jenen Schaufelbagger aus Victoria kommen lassen und gräbt die geträumte Stelle erstmal gründlich um. Einwände macht niemand geltend - schließlich ist es zu heiß, um sich aufzuregen. Fast 30 Grad im Schatten, hohe Luftfeuchtigkeit obendrein. Freunde und Verwandte helfen dem Schatzsucher.

Wer Zeit und Lust hat, buddelt mit. Die Sache hat nur einen Haken: Taucht tatsächlich ein Schatz auf, müssen 90 Prozent davon als Steuer an den Staat abgeführt werden. Offiziell wird deshalb nie etwas gefunden. Inoffiziell ist ist dagegen schon durchaus die eine oder andere Schatztruhe gehoben worden. Einheimische erzählen das hinter vorgehaltener Hand weiter. Der ganz große Wurf aber steht noch aus: Der Schatz von La Buse blieb bislang verschollen. "Der liegt sowieso auf Moyenne", meint natürlich Brendan Grimshaw. Und weil er hier für die Geschichten und Geschichtchen zuständig ist, muß er selbstverständlich noch eins draufsetzen. Von Geistern auf seiner Insel erzählt er und davon, bei der Schatzsuche auf das Grab eines Piraten gestoßen und schließlich fast erschlagen worden zu sein. Sicherheitshalber habe er daraufhin die Schatzsuche fürs erste aufgegeben. Das hält immerhin die Legenden am Leben. (Der Standard, Printausgabe)

Von Helge Sobik
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