Seitensprünge im Sand

24. Mai 2005, 15:17
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Der Süden des Landes kontrastiert vor allem durch seine zwei alten Städte Lüderitz und Swakopmund. Alles, was dazwischen liegt, beschreibt sich in einem einzigen Straßenschild – „Vorsicht Sand.“

Von Grünau über Seeheim kommend, waren es irgendwann noch 294 km bis Lüderitz. Nach 1000km über die N7 und die endlose B1 bekommen Distanzen eine neue Bedeutungslosigkeit. Und was sich wie das Déjà-vu-Erlebnis aus dem frühen, kaum besiedelten Deutschland von einer einsamen Schwarzwalddurchquerung anhört, ist eine Reise durch die afrikanische Wüste der ehemaligen deutschen Kolonie. Denn Deutsch-Südwestafrika hält heute als Namibia noch immer, was die zahlreichen deutschen Ortsnamen versprechen. Und das nahezu 80 Jahre, nachdem Deutschland durch den Versailler Vertrag den Verlust seiner afrikanischen Kolonie als Kriegssold teuer bezahlte.

Lüderitz, die südlichste namibische Stadt am Atlantik, ist in jedem Fall ein großer Umweg. Ein Seitensprung am Weg vom südlichsten Grenzübergang Noordoewer an die Küste nach Swakopmund oder in die Hauptstadt Windhuk. Das Ende einer Sackgasse, die im Meer endet und kaum Besucher anlockt. Eine Enklave, die in bizarrer Melancholie entschlief und noch immer darauf hofft, einmal wachgeküßt zu werden.

Gerade im Süden Namibias scheint es oft, als wären Namen gegeben, noch ehe das Kind geboren. So findet man zwar dort und da Ortstafeln, die dazugehörige Ansiedlung jedoch selten. Das einzige, was an der endlosen Straße nach Lüderitz, die jenseits des fernen Wüstenhorizonts in den Atlantik fällt, menschliche Handschrift trägt, ist das Straßenschild „Vorsicht Sand“. Wie diese Vorsicht jedoch zu verstehen ist, bleibt trotz deutscher Gründlichkeit vorerst ein afrikanischer Mystizismus. Präziser wird da schon die Aussage vergilbter Warnschilder, die verbieten, Diamantenfelder zu betreten.

Spur ins Nichts

Außer den berühmten Namib-Wildpferden, die man als Staubwolke in der Ferne mehr vermuten als sehen kann, unterbricht nichts die endlose Weite der Namibwüste. Die im Plan eingezeichneten Orte wie Ausweiche oder Haalenberg würden heute nicht einmal mehr pedante Karthographen zu einem schwarzen Punkt auf der Landkarte veranlassen. Von Sand und Wind schwer gezeichnete Eisenbahnstationen sind alles, was blieb aus jener Zeit, als Diamanten noch in vollen Güterwaggons aus Lüderitz abtransportiert wurden. Korrodierende Eisenbahnschienen, die ins Nichts führen, und Bahnwärterhäuschen, die die Vergänglichkeit schon einholt haben muß, als sie noch bewohnt waren. Nach nahezu 300 km purer Sandwüste taucht schließlich am Ende der kurvenlosen Geraden, anfangs einer Fata-Morgana gleich, die ältestes deutsche Stadt in Namibia auf: Lüderitz, einsames Ende eines weiten Weges am südlichsten Ausläufer der Namib.

Preußisch herzlich schon die Begrüßung: „Willkommen im Hotel zum Sperrgebiet“. Zumindest der deutsche Humor ist in der namibischen Wüste noch nicht ganz ausgetrocknet. Die 6000 Einwoh- ner – und täglich werden es weniger – der wunderschön in der bizarren Lüderitz-Bucht gelegenen Ansiedlung stehen für das bittere Ende einer einst wohl brillanten Hochzeit. Als der deutsche Oberbahnmeister August Strauch – übrigens bestand seine Sisyphusarbeit darin, Eisenbahnschienen von Sand freizuhalten – 1908 den ersten Diamanten vor Lüderitz fand, erwarb er das Schürfrecht für dieses Gebiet wenige Kilometer östlich der Hafenstadt Lüderitz und nannte es Kolmanskuppe. In den sechs Jahren bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges wurden 1000kg Diamanten, also fünf Millionen Karat, gefördert, und Kolmanskuppe erblühte zur wohl reichsten Minenstadt Namibias. Deutsche Herrschaftsvillen mit Casino, Turn- und Ballsaal, Kegelbahn, Schule, Krankenhaus, ausgeführt in feinsten Holz-und Stukkaturarbeiten, haben der namibischen Wüste kurzfristig den habgierigen Übermut des deutschen Kolonialherren aufgezwungen.

Absturz ins Vergessen

Doch nicht für lange, 1928 wurden am Nordufer des Oranjeflusses, 250 km südlich von Lüderitz, sechsmal größere Diamanten gefunden, und Kolmanskuppe war wieder dem ewigen Spiel von Sand und Wind preisgegeben. Als 1956 die letzten Bewohner die einst gloriose Minenstadt verließen, hatte die Wüste bereits begonnen, das kurzfristig verborgte Stück Land zurückzugewinnen. Wer heute, mehr als 40 Jahre später, Kolmanskuppe betritt, kehrt in das verlorene Reich einer toten Geisterstadt zurück. In der Luft hängt die unumstößliche Gewißheit, daß die Zeit abgelaufen ist. Bleibt nur zu hoffen, daß dies den _eisern an Traditionen festhaltenden Bewohnern niemals so bewußt werden möge wie dem fremden Besucher.

So faszinierend Lüderitz, die Bucht, der Hafen und die Geisterstadt in ihrer Entrücktheit auch sind – und den großen Umweg allemal wert –, so schüttelt man doch beim Verlassen der Stadt und des Sperrgebietes unbewußt alte Verstaubtheit ab und ist froh, die wehen Geister Lüderitzscher Vergänglichkeit in ihrer kleinen Welt zurücklassen zu können. „Vorsicht Sand“, das Warnschild, das kurz nach der Stadt wieder einsam und geradezu grotesk am Straßenrand steht, hat jedoch inzwischen eine neue Bedeutung bekommen, und auch wenn sich in den Hunderten Kilometern Wüsteneinsamkeit die Landschaft kaum verändert, bleibt das Element Sand in seiner Veränderlichkeit und in seinem Wechselspiel der Farben doch steter Wegbegleiter.

Als das Fünf-Häuser-Dorf Helmeringhausen erreicht ist, sind asphaltierte Straßen längst nicht mehr als Reminiszenz und Sandstraßen unberechenbare Wegbereiter. Der Versuch, von Helmeringhausen auf direktem Weg nach Sossusvlei, ins Tal der roten Dünen und den Namib Naukluft Park zu gelangen, schlägt jedenfalls fehl. Die immer tiefer werdenden Sandstraßen führen im besten Fall zu einer Rutschpartie, der Weg zurück ist vorprogrammiert, die Straße über den Zarishoogte Paß ein nächster Versuch.

Das Wellblech-Sandgerippe macht weniger dem Wagen als dem Reifen Probleme. Nach einem Reifenplatzer kurz vor der Paßhöhe endet die Reise an diesem Tag spätabends in Sesriem vor dem Eingangstor in den Namib Naukluft Park. Und zweierlei steht fest: Ohne Allradgetriebenen sollten in Namibia die asphaltierten Hauptverkehrsrouten nicht verlassen werden, und spätestens jetzt erscheint „Vorsicht Sand“ logischer als jede Stopptafel vor einer ungeregelten Kreuzung.

Immerhin, der landschaftliche Höhepunkt der südlichen Namibwüste ist erreicht: das 60 km lange Dünental zwischen Sesriem und Sossusvlei, der „Pfanne am Ende Flusses“. Das Thermometer zeigt 46°C im Schatten, es ist kurz vor halb fünf Uhr nachmittags, und kaum jemand verspürt Lust, ins Tal der Dünen aufzubrechen.

Doch diejenigen, die es trotzdem wagen, vergessen schon nach den ersten Kilometern die Hitze und schärfen die Sinne mit neuer Wachsamkeit. Wo sich die innere Uhr inzwischen auf das langsam rieselnde Taktgefühl von Sand und Wind, Sonne und Schatten eingependelt hat, wird dieser Weg zu einem der schönsten in der Namib. 300m hohe, rote Sanddünen zeigen im klaren Licht des späten Nachmittags einen Bilderreigen sich laufend verändernder Sandskulpturen. Und falls es irgendwo tatsächlich absolute Stille gibt, dann hier. Kein Geräusch, kein Laut, nichts.

Sossusvlei und seine Dünen werden zu einem unvergeßlichen Erlebnis und Sand endgültig zum liebgewonnenen, wenn auch sehr unberechenbaren Wegbegleiter. Vorläufigen Abschied von ihm und seinem Gespielen, dem Wind, heißt es dann am Weg nach Swakopmund zu nehmen. Plötzlich weicht das Flüchtige dem Steten, und hinter dem Kuiseb Paß am breiten Ende des Namib Naukluft Parkes tut sich eine Steinwüste auf, wechselt sich ab mit blühenden Wüstenfeldern und wird erst vor Walvis Bay, knapp vor Erreichen des Atlantischen Ozeans, wieder feinkörniger Weggeselle.

Weg in die Zivilisation

Die 17.000-Einwohner-Stadt Swakopmund schließlich ist die Rückkehr in die Zivilisation. Gar nicht viel jünger als Lüderitz – um 1893 von den ersten 40 deutschen Siedlern gegründet –, verfiel diese Hafenstadt nicht in wehmütige Melancholie. Im Gegenteil. Swakopmund ist heute das beliebteste Seebad und Wochenend-Treff für die Hauptstädter aus Windhuk. Fröhlich, zeitgemäß und jung, erinnert zwar immer noch vieles an das hochkarätige Einst, aber immerhin ohne Wehmut. Hier weint man der Vergangenheit nicht nach oder zumindest nur leise. Deutsche Brötchen, Kuchen und Kaffee, deutsche Kindergärten, mittwöchige Skat-Spiele im „Grünen Kranz“, altbackenes Deutschtum im „Hansa Hotel“ und die Sommerresidenz des namibischen Präsidenten im alten deutschen Kolonialstil sind losgelöste Stempel, die zwar noch anhaften, aber nicht zur Identitätskrise ausarteten. Ebenso im Abseits gelegen wie Lüderitz, ist Swakopmund ein Umweg, den wohl jedermann macht. Und im ewigen Reiz des Gegensätzlichen wird der Gedanke an den Seitensprung nach Lüderitz wach und wehmütige Erinnerung an die Vergänglichkeit der Zeit.

Tip: Individualreisenden ist unbedingt das Anmieten eines allradgetriebenen Fahrzeuges, am besten in Windhuk, anzuraten. Und immer das Reserverad (noch besser sind zwei!) überprüfen; (Der Standard, Printausgabe)

Von Angelika Maier
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