Tanzen gegen die Angst. Pina Bausch

30. Mai 2001, 15:29
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Jochen Schmidt begleitete den Werdegang der großen Choreographin

Im Juli feierte Pina Bausch ihren 60.Geburtstag. Seit über 25 Jahren leitet die bahnbrechende Choreographin das Tanztheater Wuppertal. Untrennbar miteinander verknüpft sind heute der Name Bausch und der Begriff "Tanztheater". Jochen Schmidt, profunder Kenner des deutschen wie des internationalen Tanzgeschehens und "der" Tanzkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat den Werdegang der Wirtstochter aus Solingen von Beginn an begleitet. In seiner im Econ Taschenbuch Verlag in der Reihe "Rebellische Frauen" erschienenen umfassenden Biographie "Tanzen gegen die Angst. Pina Bausch" nähert er sich voller Respekt der großen Künstlerin. Respekt hat er vor der Frau Pina Bausch, die es ja immer verstanden hat, ihr Privatleben strikt vor der Öffentlichkeit zu schützen. Dennoch lässt er dezent Persönliches einfließen, zeichnet ein Charakterbild einer wortkargen und doch allem Neuem so aufgeschlossenen, willensstarken, aber nicht entscheidungsfreudigen Künstlerin, die anscheinend gerade auf Reisen erst richtig aufzublühen scheint.

Und wie es der Titel schon vorwegnimmt, durchwandert die Choreographin zahlreiche persönliche Krisen während des kreativen Prozesses. Dazu gehört auch, dass viele Premieren hinausgezögert oder verschoben wurden und so manches Stück nur mit provisorischem Titel zur Aufführung gelangte. Die ersten Kapitel aber handeln von der Tänzerin Pina Bausch, die an der Essener Folkwang-Schule ausgebildet wurde, einige Lehrjahre in New York verbrachte, dann in den 60-er Jahren zur herausragenden Solistin des Folkwang-Balletts wurde. In diese Zeit fallen ihre ersten, mehr aus drastischer Unterbeschäftigung zustande gekommenen choreographischen Versuche. 1969 gewinnt Pina Bausch den 1. Preis beim Internationalen Choreographenwettbewerb in Köln. Erst an den Wuppertaler Bühnen aber, wo sie seit 1973 ununterbrochen wirkt, formt sich ihre Ästhetik, entwickelt sie ihre Arbeitsmethode, schafft sie revolutionäre Inszenierungen und kämpft jahrelang gegen den massiven Widerstand des ansässigen Publikums. Die Bewunderer kommen von anderswo. Pina wird zum internationalen Star, kooperiert mit ausländischen Festivals und wird in Sachen Kultur zu Deutschlands Exportartikel Nr. 1. Trotz zahlreicher Angebote bleibt sie Wuppertal treu, führt ihr Ensemble wie eine große Familie, kann Tänzer über Jahre hinweg halten, obwohl es sich ja nicht gerade um eine illustre Stadt handelt. Warum das so ist, lässt sich im Kapitel "Ohne Pina kann man nicht leben" nachlesen.

Der Großteil des Buches ist Bauschs künstlerischem Schaffen gewidmet. Jochen Schmidt konzentriert sich hierbei auf diverse Themen (Musikwahl, Bühnenbild, Kostüme...), anhand derer er nahezu chronologisch die Stücke aufrollt. Das führt leider zu passagenweisen Wiederholungen. Der Autor verfügt über einen derart flotten, anschaulichen Schreibstil, dass das nicht weiter tragisch ist. Löblich ist der Anfang mit einer Liste der Lebensdaten, der Preise, Orden und Ehrungen, einem genauen Werkverzeichnis, mit Aufzeichnungen über Tourneen und Gastspiele sowie einem Register. (Ursula Kneiss)

Schmidt, Jochen
Tanzen gegen die Angst. Pina Bausch
Econ Ullstein List Tb Verlag
München 1998
248 S./ öS 123,-
ISBN 3-612-26513-X

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