Endlich! Oasis!

13. Mai 2005, 10:35
posten

Authentisch, afrikanisch und aufregend sind die Oasen westlich des Nils nahe der Libyschen Wüste. Und trotzdem muß der Reisende auch hier nicht auf Ausgrabungen und Relikte aus neun Jahrtausenden verzichten.

Längst sind die Pyramiden von Gizeh versunken; zuerst im Rückspiegel des gerammelt vollen Reisebusses, dann im aufgewirbelten Staub der rasant dahinjagenden Fahrzeuge, und schließlich schleichen sie sich sogar aus den angeregten Erörterungen über Gustave Flauberts Ägypten-Tagebuch-Notizen. Denn allmählich sind die Mäuler trocken, die Zungen zu klebrig geworden, und nun drohen auch die Mitreisenden unter der dichten Staubglocke zu verschwinden: irgendwohin ins Innere des ruckelnden Bus_ses und ins Niemandsland von Ägyptens Libyscher Wüste. Schuld daran ist der verdammte Sand. Durch die geöffneten Fensterritzen zieht er seit der Abfahrt aus Gizeh herein. Senkt sich über den in Leinen gebundenen, von den Körnern am Buchrücken prall geblähten Flaubert-Band und rieselt über die hellen Burnusse der eingewickelten Passagiere. Der Sand verstaubt Sonnenbrillen, kitzelt beharrlich in den Nasenlöchern, subtiler noch als die allmorgendliche Fliegenplage.

Schattenspiel

Auf das filigrane Spiel der schräg durch die Fensterluken einströmenden Wüstenlichtsäulen aus superfeinem, schwebenden Staub muß während der langen Anreise zur Baharija-Oase trotzdem verzichtet werden. Denn dazu prasselt die Mittagssonne um diese Zeit zu geradlinig auf die umliegende Einöde nieder, nivelliert das ohnehin schon abgeflachte Terrain und macht die Schatten von Kamelen, Ölfässern und den spärlichen, wie behelfsmäßig hingeduckten Baracken klein, platt. Als ob die ganze Welt in schwarzen Lachen klebte.

Das Licht ist allmählich weicher geworden und die dunkelgraue Tristesse der einzigen ägyptischen Eisen_erz_mi_ne von Managum ebenso fatamorganisch wieder verschwunden, wie sie kurz zuvor aus dem Geröll aufgetaucht war. Endlich kündigen nun aber auch dürres Gestrüpp und hieroglyphisch in den Himmel gezeichnete Stromleitungen nach 400km Busgeratter die erwartete Oase an: Baharija.

Fast so wie von „Duck Man“ Carl Barks cartoonistisch verewigt und vom unverwüstlichen Donald wiederholt überlebt, liegt Baharija, die „Nördliche“, archetypisch am Fuße eines jähen Felsabbruchs: einige Dattelpalmen zunächst, die bald in ein Meer von Palmwedeln übergehen. Dann kleinere Wasserflächen. Wüstenhimmelblau glitzern sie durch die schlanken Stämme hindurch.

Schon ragen dazwischen vereinzelt Häuser auf: Kubisch. Knochenfarben wie die Wüste ringsum. Und wie die gebleichten Skelette – Hund, Ziege, Kamel? – an den Straßenrändern unterwegs. Bawitis Gärten heißt das grandiose Entree der knapp 100km von Nord nach Süd gestreckten Baharija-Senke, die zu Ägyptens schönsten Oasen zählt.

Wanderdünen und weiche sandige Dauerwellen – hier irrt der Cartoon-Künstler Barks! – fehlen an den Rändern dieser pittoresken Insel dennoch. Wie in der ganzen Sahara üblich, förderte vielmehr auch hier eine schroffe, felsige Umgebung das Entstehen jener Depressionen, die der Wind und die Zeit aus dem Boden herausschürfen konnten. Bei Baharija immerhin tief genug, um eine etwa parallel zum Niltal verlaufende und insgesamt fünf Oasen bewässernde unterirdische Wasserader in den nubischen Sandstein zu schürfen.

Rot leuchtende Granatäpfel, winzige Äpfel und Datteln, Orangen, Oliven addieren sich nun rund um die Quelle Ayn Bishmu, dem Zentrum der Bawitis Gärten, zu einem wahrhaft biblischem Panorama. Sanft plätschert hier das Wasser aus einer engen Schlucht, verteilt sich in Rinnsale und Bewässerungskanäle, die ein dschungelähnliches Durcheinander von Obstbäumen und -sträu- Fortsetzung von Seite 1

chern miteinander vernetzen. So kostbar ist der Boden dieser gartenhaften Region, daß die Fußpfade oft direkt in den schmalen Kanälen verlaufen. Noch über 200 weitere Mineral- und Schwefelquellen speisen in der umliegenden Gegend von Aprikosenbäumen überschattete Freiluftbecken. Dazwischen: Ochsenkarren, so alt, als seien es Fossile, und ächzende Saqijas-Wasserräder. Nur zögerlich werden die archaischen, von Ochsen angetriebenen Palmholzräder mit den aufgebundenen Tongefäßen von ihren industriellen Pendants, nämlich angerosteten Pumpen, ersetzt.

Baharijas Hauptort Al-Bawiti hat sich samt seinen verträumten Gäßchen und 23.000 Einwohnern auf eine kleine, felsige Anhöhe im Zentrum der Senke zurückgezogen. Ringsum verstreuen sich Ausgrabungsstätten, die die wenigstens 7000 Jahre zurückreichende Besiedelungsgeschichte der Baharija-Oase dokumentieren: Grabmäler aus der 18. und der 26. Dynastie, einige Ausgrabungen aus der Römerzeit und im benachbarten Örtchen Ain Riz die frühchristliche Georgskirche. Baharija ist freilich bloß der Beginn des historischen, westägyptischen Oasen-Bogens. Unter den Pharaonen bildeten die vier zum Nil gerichteten Oasen – Baharija, Farafra, Dakhla und Kharga – eine wichtige Verteidigungslinie gegen libysche Stämme.

Aufwendig waren späterhin die Bemühungen der Ptolemäer. Sie trieben die Kultivierung des Bodens in zäher Kleinarbeit voran, gruben Hunderte Brunnen, dehnten die Grenzen der Oasen zentimeterweise wüstenwärts aus und legten das bis heute verwendete Kanalsystem an. Der Niedergang dieser ausgeweiteten Bewirtschaftung setzte bereits mit der Ära der römischen Herrschaft ein. Die _Oasen wurden zu dieser Zeit ein Exil für verfolgte Christen und politische Gegner. Die einst so florierende Landwirtschaft geriet allmählich ins Hintertreffen.

Zwischen Baharija und der 180km weiter südlich gelegenen Nachbaroase Farafra liegt Ägyptens interessanteste Wüste, zugleich eine der spektakulärsten Gegenden der gesamten Sahara. Auf engem Raum durchquert man hier eine atemberaubende Fülle von Landschaftstypen: Schwarze Tafelberge wechseln mit hell gleißenden Kalksteindomen und mächtigen Sanddünen, die weiter östlich– und weit bis nach Libyen hinein – in die tödliche Weite des großen Sandmeeres übergehen. Vor allem aber haben der heulende Wind und die Sonne zwischen Baharija und Farafra die bizarren Kalksteinskulpturen der „Weißen Wüste“ geschaffen und fräsen, schmirgeln, glätten auch weiterhin daran herum.

Erosionsoper

In mimikrischer Bewegung tanzt der Fels hier seine langsam geschraubten Pirouetten im Takt einer anderen, an geologischen Dimensionen orientierten Zeitspanne. Überhängende Pilze, Kegel, Köpfe und Monstren sind die Darsteller einer spektakulären Erosionsoper. Am Ende der Vorstellung liegt flaches, verwehtes Land.

Lebhafter erwarten die weiter südlich liegenden Oasen ihre Besucher. Bei Farafra krönen eine verfallene Lehmburg und daran angeschmiegte, farbenprächtig bemalte Häusern den zentralen Wohnhügel Al-Qasr. Noch leuchten die goldenen Nasenringe und rot bestickten Gewänder der Frauen hier auch außerhalb des lokalen „Fine Art Museums“ in der Sonne.

Durchaus wohltuend verflüchtigen sich die Knirpse angesichts herantrabender Fremder lautstark kreischend in die Schöße ihrer jungen Mütter. Keinerlei Bakschisch-Gezetere übertönt das Gurren der omnipräsenten Taubenhäuser, und hinter dem Hügel bewässert Al-Qasrs Quelle Ain Balad einen fächerförmig ausgebreiteten Garten. Ganz Ägypten liebt ihn für seine betörenden Äpfel. Fazit: Paradise now!

Auch das weiter südlich anschließende Dakhla kommt westlichen Vorstellungen von der Bilderbuch-Oase ein gutes Stück entgegen. Schattige Baumalleen säumen hier die Straßen zwischen den zehn Dakhla-Dörfern. Fast senkrecht fallen die Felswände zur bewässerten Senke hin ab. 12.000 ha werden hier mittlerweile bebaut, eine doppelt so große Nutzfläche wie noch vor wenigen Jahren.

Dennoch überraschen verwaiste Siedlungszentren wie jenes von Dakhla Al-Qasr die Besucher. Pittoresk ragen die Minarette einer aus Lehmziegeln errichteten mittelalterlichen Moschee aus den leprösen Häusern auf, für deren Bau einst pharaonische Blöcke recycelt wurden. Nur einen Steinwurf entfernt liegen Felsengräber aus dem 1. und 2. Jh. Wie Postkartengrüße aus einer längst wieder vergessenen, mischkulturellen Zeit kleben hier farbenprächtige ägyptisch-hellenistische Malereien an der Wand.

Dakhla galt einst als Sitz des „Herrschers der Oasen“. Dieses Privileg wird nun der 1100km von Kairo entfernten und eher gesichtslosen Kharga-Oase zuteil. In Kharga endete einst die berüchtige Sklavenroute der schwarzafrikanischen „Vierzig-Tage-Straße“.

Touristenspektakel

Statt den Menschenhändlern der Antike landen nun die fliegenden Sarkophage der innerägyptischen Fluglinie aus Kairo in der 100 km langen Kharga-Senke: Ägyptens einziger persischer Tempelbau, der Hibis-Tempel bei Al-Kharga, frühchristliche Relikte und koptische Nekropolen locken die Fremden hierher und bescheren Kharga das größte touristische Aufkommen.

Unbemerkt bröckelt währenddessen die jüngste Ruine dieser Oase vor sich hin. Die vom modernen Architekten Hassan Fathy entworfenen Wohnsiedlungen im traditionellen nubischen Stil blieben nämlich stets unbewohnt. Zu furchterregend empfanden die Einwohner Khargas deren Ähnlichkeit mit Ägyptens traditionellen, überkuppelten Totenhäusern. (Robert Haidinger, DER STANDARD, Printausgabe)

Share if you care.