Reisende, die auf der Stelle treten

13. Oktober 2000, 02:37

Diego Donnhofers "The Virgin"

Wien - "Let's do something", drängt Nina ungeduldig, aber für Zerstreuung sind ihre beiden Begleiter Konrad und Ito nicht zu haben. Allein die Notwendigkeit des nächsten Kicks vermag sie aus ihrer Lethargie zu reißen. Ihr Tagesablauf richtet sich nach den Erfordernissen der Sucht: Zwielichtige Geschäfte werden unternommen, nur um ein zeit- und geschichtsloses Delirium ein wenig weiter zu verlängern.

The Virgin, das Spielfilmdebüt des Österreichers Diego Donnhofer, bemüht sich um keine realistische Auseinandersetzung mit dem Thema Drogen, er versucht auch keine Erkundung jugendlicher Lebenswelten. Die diversen - aus Filmen wie Kids oder Trainspotting bekannten - Zurichtungen am Körper spart er aus, ruht stattdessen auf schönen Körpern, überführt deren Lagen und Haltungen ins Ästhetische.

Fast ein Road-Movie

Entfernt ließe sich The Virgin als Road-Movie bezeichnen, obwohl die Bewegung darin keine eigentliche Größe ist. Konrad, der befremdlich abwesende Protagonist des Films, sitzt mit seiner Schwester Nina und Kumpel Ito in Griechenland fest, als Stricher, Gigolos und mit kleinen Gaunereien finanzieren sie sich ihren Lebensstil.

Zwischendurch heuert Konrad auf einem Schiff an, gerät vorübergehend nach Ägypten, um schließlich in einem Hotelzimmer wieder auf seine Gefährten zu treffen. Er sieht sich als Reisender, kommt aber eigentlich nicht von der Stelle: The Virgin ist mehr eine Beat-Reise, die von einem erzählt, der nicht weiter von sich selbst entfernt sein könnte.

Und Erfahrungen sind auf diesem Trip keine mehr zu machen, weil alle Bilder schon bekannt und damit austauschbar geworden sind.

Seine Schauspieler rekrutierte Donnhofer bei einem Casting in New York: Die jungen US-Darsteller Joey Kern, Kirsty Hinchcliffe und Glen Cruz verleihen dem Film auch durch ihre monotone Sprachmelodie und ihr posenhaftes Spiel eine Künstlichkeit, die jede emotionelle Anteilnahme des Zuschauers wohl verhindern soll. Die Kamera protokolliert statisch das Geschehen, das weniger dramatische Entwicklung als Abfolge von Situationen, beliebigen Räumen, vielleicht Bewusstseinszuständen ist.

Soundtrack: John Cale

Mit Ex-Velvet Underground-Mitglied John Cale konnte Donnhofer auch eine internationale Größe für die musikalische Interpretation seiner Aussteiger-Parabel gewinnen: Der mit ethnischen Instrumenten wie Panflöten angereicherte Score unterstreicht die entrückte Stimmung noch.

Mancherorts wurde bereits die Ähnlichkeit von The Virgin mit US-Independent-Produktionen erwähnt. Tatsächlich gibt sich der Film insgesamt betont kosmopolitisch und steht nicht nur durch seine englische Sprache im österreichischen Umfeld ziemlich einzigartig da.

Doch auch dieser Gestus der Abgrenzung bleibt merkwürdig unentschieden wie vieles andere in diesem Film: Donnhofer macht nicht klar, welche Haltung man seinem ästhetischen Driften abgewinnen soll. Man mag das auch als Vieldeutigkeit verstehen können: Wer jedoch Posen nicht aufzubrechen vermag, setzt sich auch zunehmend der Gefahr aus, in der Künstlichkeit zu erstarren.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10. 10. 2000)

Von 
Dominik Kamalzadeh

Polyfilm

Derzeit im:
Fimcasino
Share if you care.