EU-Kommissarin Viviane Reding kritisiert im STANDARD- Interview die Handynetzbetreiber scharf
STANDARD: Nach der Sprachtelefonie werden nun auch SMS und Datenübertragung im Ausland per Verordnung billiger. Die Mobilfunkbetreiber klagen, dass dies auf Kosten von Innovationen und Investitionen geschieht. Sind diese Bedenken nicht gerechtfertigt?
Reding: Dass die Abschaffung der Nachteile für die Kunden zu solchen Ergebnissen führt, diese Märchen der Netzbetreiber höre ich jetzt schon seit zwei Jahren. Fakt ist, dass die Kosten für Handygespräche im Ausland durch unser Vorgehen seit Juli 2007 um durchschnittlich 60 Prozent gefallen sind, die Erträge der Unternehmen aber um 14 Prozent stiegen. Dies vor allem deswegen, weil die Kunden mehr telefonierten.
STANDARD: Bei SMS und mobilem Internet wollen Sie nun ähnlich vorgehen? Wie groß ist der Handlungsbedarf?
Reding: Da gibt es verschiedene Strukturen, die unterschiedliche Maßnahmen erfordern. Bei SMS gibt es einen entwickelten Markt, und meine Aufforderung im Februar, die Preise zu senken, hat leider kein Ergebnis gebracht. Im Durchschnitt sind 97 Prozent von den Kosten, die den Kunden für ein SMS im Ausland verrechnet werden, direkter Gewinn. Und nur drei Prozent sind Kosten, die dem Netzbetreiber entstehen. Und kassiert wird vor allem bei den jungen Menschen, die mobil sind und die vor allem den SMS-Service nutzen. Wir sprechen von 2,5 Milliarden SMS, die in der EU pro Jahr grenzüberschreitend versendet werden. Da gibt es dringenden Handlungsbedarf, und das sehen auch die nationalen Regulatoren so. Unser Aufruf an die Industrie zur Selbstregulierung hat leider nicht gefruchtet.
STANDARD: Und wie sieht es beim Datenroaming, also beim Surfen im Ausland, aus?
Reding: Hier handelt es sich im Gegensatz zu den SMS um keinen entwickelten Markt, sondern dieser Sektor befindet sich noch im Aufbau. Und dazu hat sich hier im abgelaufenen Jahr auch preislich einiges bewegt. Ein Megabyte kostete im zweiten Quartal 2007 EU-weit im Durchschnitt noch 5,94 Euro, nun sind es nur noch 3,64 Euro. Dennoch gibt es auch Kunden, die noch 16 Euro für ein Megabyte zahlen müssen, während im Inland wenige Cent verlangt werden. Wer das inländische Preisniveau gewohnt ist und dann ein wenig im Ausland surft, bekommt einen Rechnungsschock. Da ist dann der Auslandsdatenverkehr bis um das Tausendfache teurer.
STANDARD: Wie wollen Sie hier vorgehen?
Reding: Wir werden den Markt vor allem über den Sommer genau beobachten. Vermutlich wird es im Gegensatz zur mobilen Sprachtelefonie und den SMS vorerst keine Preisobergrenze beim Endverbraucher geben, aber vielleicht eine Obergrenze beim Großhandel, um hier eine Art Sicherheitsnetz einzuziehen.
STANDARD: Was wäre ein angemessener Preis für ein Megabyte Datenverkehr im EU-Ausland?
Reding: Es ist noch zu früh, um das zu sagen. Aber der dänische Regulator geht von 1,18 Euro aus, das könnte eine Orientierungshilfe sein. Aber für endgültige Aussagen ist es hier, wie gesagt, noch etwas zu früh. (Michael Moravec/DER STANDARD, Printausgabe, 16.7.2008)