Die Überwachung von Tierrechtlern war aus Sicht der Grünen "rechtswidrig", sie kritisieren Mängel in der Richterausbildung
Wien - Insgesamt 74 Überwachungsmaßnahmen und 23 Hausdurchsuchungen hat die "Soko Pelztier" zwischen Dezember 2006 und Februar 2008 laut Grünen- Sicherheitssprecher Peter Pilz durchgeführt. Zehn Tierrechtsaktivisten wurden daraufhin vor knapp sieben Wochen festgenommen, was internationale Proteste ausgelöst hat (siehe Artikel "Australia for Austria").
Die Palette der für die Ermittlungen von verschiedenen Richtersenaten und Untersuchungsrichtern genehmigten Maßnahmen reicht laut Pilz von Rufdatenerfassungen (in 22 Fällen) über persönliche Observationen (in 17 Fällen) bis zur Videoüberwachung (in 15 Fällen).
Kein konkreter Tatverdacht
"Bis heute konnte damit kein konkreter Tatverdacht in Bezug auf ein mit schwerer Strafe bedrohtes Delikt begründet werden", sagte Pilz am Montag. Als die Soko gegründet worden sei, habe sie "praktisch nichts" in der Hand gehabt. Um Videoüberwachung bewilligen zu lassen, sei das Bestehen einer kriminellen Organisation (nach §278a, dem sogenannten "Mafiaparagrafen") "behauptet" worden. Einige Vorwürfe wurden in der Zwischenzeit entkräftet. Nach wie vor werden Teile des Akts unter Verschluss gehalten.
Pilz ist sich trotzdem sicher, dass in der Causa "fast alle polizeilichen Überwachungsinstrumente missbraucht worden" seien. Entlastende Beweismittel hätten die Ermittler ignoriert, belastendes Material aufgebauscht. Die Grünen bereiten gegen die ermittelnden Organe Sachverhaltsdarstellungen wegen Verdachts des Amtsmissbrauchs vor.
Der Präsident der Österreichischen Richtervereinigung, Werner Zinkl, meint dazu: "Die Richter prüfen sehr gewissenhaft einen im Raum stehenden Tatverdacht und ob die beantragten Überwachungsmaßnahmen verhältnismäßig sind." Vonseiten der Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt, die das Verfahren leitet, gibt es "keinen Kommentar".
Frage der Richterausbildung
Pilz ist der Meinung, dass Richter für die Bewilligung von Überwachungsmaßnahmen "nicht seriös" ausgebildet werden. Zinkl entgegnet: "Die vierjährige Ausbildung für Richter ist sehr umfassend." Über Grundrechtseingriffe wie die U-Haft zu entscheiden sei Teil der Ausbildung jedes zukünftigen Richters und Staatsanwalts.
Neun der zehn Inhaftierten haben beim Oberlandesgericht (OLG) Wien Beschwerde gegen die vergangene Woche erneut verlängerte U-Haft eingelegt. Justizministerin Maria Berger (SPÖ) erklärte vor wenigen Tagen bei der Beantwortung eines dringlichen Antrags der Grünen zur "Verhinderung der missbräuchlichen Anwendung der Anti-Mafia-Paragrafen", sie warte auf die Entscheidung des OLG. Eine Überarbeitung des Paragrafen sei aber denkbar. Pilz will bei einer Neuauflage des U-Ausschusses in der nächsten Legislaturperiode auch die Tierschützer-Causa aufs Tapet bringen. (Gudrun Springer, DER STANDARD Printausgabe, 15.7.2008)