Hintergrund: Idylle mit Schattenseiten

Redaktion, 14. Juli 2008, 16:01

Die Unberührtheit der Gegend im Hinterland der kroatischen Küstenstadt Zadar beeindruckt Besucher seit jeher, es ist auch eine trügerische Idylle

Wie im Dornröschenschlaf liegt die atemberaubende Kulisse der Plitvicer Seen und des Umlandes, die dem "Schatz im Silbersee" sein unverwechselbares Aussehen verliehen. Als flächenmäßig der größte und auch der älteste Nationalpark in Südosteuropa liegen die Plitvicer Seen im hügeligen Karstgebiet Mitteldalmatiens unweit der Grenze zu Bosnien-Herzegowina in der Region Lika-Senj.

Bekannt ist der Nationalpartk für die kaskadenförmig angeordneten Seen. Derzeit sind 16 an der Oberfläche sichtbar, und entstanden durch den Zusammenfluss mehrerer kleinerer Flüsse mit unterirdischen Karstzuflüssen. Als besonderes Merkmal gelten die natürlichen, sehr labilen Barrieren zwischen den Seen, die sich durch ein Wechselspiel von Fließwasser, Luft und Vegetation ergeben.

In der Literatur werden die Plitvicer Seen erstmals im 16. Jahrhundert erwähnt. Für mehr als 200 Jahre bleiben sie aber weitgehend unbekannt. Die Nähe zu den türkischen Eroberern und die stete Unsicherheit in diesem zu dem Zeitpunkt vollkommen verwilderten Gebiet, verliehen den Plitvicer Seen in den Aufzeichnungen den Namen "Teufels-Garten".

Eine touristische Hochburg sind sie schon seit Jahrzehnten, nicht erst seit sie als Kulisse für die Karl-May-Verfilmungen der 1960er Jahre auch international in den Blickpunkt rückten. Schon 1888 wurden die Seen zum ersten Mal touristisch auf Vordermann gebracht, als Kronprinzessin Stephanie von Belgien, die Gattin von Kronprinz Rudolf, den Plitvicer Seen einen Besuch abstattete.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Einzigartigkeit des Naturphänomens Tribut gezollt, die Plitvicer Seen zum Nationalpark erklärt und unter strikten Naturschutz gestellt. Seit 1979 gilt er auch als UNESCO-Weltkulturerbe. Die großen Höhenunterschiede bedingen ein Aufeinandertreffen verschiedener Klimazonen – nahezu mediterranes Klima in den Niederungen, gemäßigtes Gebirgsklima in den höher gelegenen Zonen. Eine in Europa weitgehend einzigartige pflanzliche und tierische Artenvielfalt sind das Resultat der besonderen klimatischen Bedingungen.

Trügerische Idylle

Aber es ist auch eine trügerische Idylle. Abschnitte der Region Lika-Senj waren im Kroatien-Krieg zwischen 1991 und 1995 Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen. Von 1990 an war das Gebiet Teil der serbisch kontrollierten Republik Serbische Krajina. 1995 eroberte das kroatische Militär im Rahmen der "Operation Oluja" ("Operation Sturm") das Gebiet zurück. Ethnische Säuberungen waren die steten Begleiter. Noch heute sieht man zerstörte oder ausgebrannte Häuser. Das Gefühl, dass nicht viele nach dem Krieg den Weg in ihre Heimat zurückgingen, macht sich auf Schritt und Tritt breit. Teils findet man sogar noch entlang der Straße Schilder, die vor Landminen warnen.

Auch der Nationalpark selbst war durch die Kriegswirren betroffen und Austragungsort von Auseinandersetzungen zwischen serbischen Aufständischen und kroatischen Spezialeinheiten. Die UNESCO setzte die Plitvicer Seen wegen der Bedrohung durch Minen sogar bis 1997 auf die Liste der gefährdeten Weltkulturerben.

Wirtschaftlich kämpft die Region mit großen strukturellen Problemen. Teils noch aus der Transformationszeit der Republik Kroatien stammend, ist die Linderung der Strukturschwäche für die kroatische Regierung sicher eine der größten Herausforderungen der nächsten Jahre. Reintegrationsbemühungen um serbische wie auch kroatische Kriegsflüchtlinge greifen nur sehr langsam. Der Tourismus ist auch hier einer der wenigen boomenden Wirtschaftssektoren, jährlich besuchen an die 900.000 Menschen den Nationalpark. So gut wie jedes Haus in den Dörfern rund um den Nationalpark Plitvicer Seen bietet Apartments oder Zimmer für Touristen an, teils zu Spottpreisen. (Daniela Rom, derStandard.at, 11.7.2008)

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